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Kognitiver Konstruktivismus

    Der Begriff des kognitiven Konstruktivismus des Menschen bezeichnet dessen Fähigkeit, auch in scheinbar passiven Rezeptionsvorgängen, von Wahrnehmungen über Sprachverstehen bis hin zu Verstehensprozessen in sozialen Interaktionen, eine aktive Verarbeitung zu realisieren. Hinzu kommt die Dimension, dass der Mensch im Sinne des kognitiven Konstruktivismus in der Lage ist, bewusst Bedeutungen zu erschaffen. Diese Kompetenz ist nicht nur empirisch gut bewährt, sondern ist auch als Grundmerkmal einer aktiv-konstruktiven Welt- und Lebensaneignung positiv zu bewerten. Dennoch enthält eine derartige Fähigkeit auch die Gefahr eines negativen Umschlagens, die vor dem in einer auf ökonomische Effektivität ausgerichteten Konventionalisierung von Bedeutungskonstruktionen zu sehen sind. Das bedeutet, dass der Mensch mit präformierten Bedeutungsmatrizen an die Welt und natürlich auch sich selbst herangeht und so möglicherweise zu verzerrenden, realitätsabgehobenen Verarbeitungen der Realität kommt. Diese Gefahr ist vor allem unter Zeit- und Leistungsdruck besonders groß, da dann die in präformierten Bedeutungsdimensionen liegende Ökonomie etwa im Sinne von Zeitersparnis besonders effektiv erscheint (Groeben, 1986).

    Der kognitive Konstruktivismus ist während des psychologischen Paradigmenwechsels, der in gesellschaftliche Veränderungen eingebettet war, populär geworden, wobei deren wichtigster Vertreter George A. Kelly (Die Psychologie der persönlichen Konstrukte) sich schon in den 50er Jahren mit der Konstruktbildung des menschlichen Geistes beschäftigt hat. Ein Grundprinzip von Kellys Modell war dabei, dass sich der Mensch in Bezug auf seine Umgebung genauso wie ein Wissenschaftler bei seiner Tätigkeit verhält – man as scientist. So wie Wissenschaftler verschiedene Theorien und Hypothesen entwickeln, mit denen sie ein Phänomen erklären, besitzt jeder Mensch eine Vielzahl von persönlichen Ansichten und Standpunkten. Gemeinsam ist beiden, eine möglichst optimale Vorhersagemöglichkeit und Kontrolle der Lebensumstände zu erhalten. Da jedes Lebewesen seine Umwelt abbildet, kann es der Umwelt alternative Konstruktionen überstülpen und unter Umständen handeln, wenn ihm die Umwelt nicht gefällt, d. h. letztlich, die Welt ist zwar real aber nicht unveränderlich. Der Mensch bildet demnach die Welt um sich nicht mechanisch ab wie eine Kamera, sondern ordnet die Sinneseindrücke in seine Denkschemata ein und versucht so, die großen Datenmengen, die auf ihn einprassen einen Sinn zu geben. Der Mensch nutzt dabei Muster oder Schablonen, die er im Laufe seines Lebens gebildet hat. Bewährt sich ein solches Konstrukt, wird es beibehalten, erweist es sich als unpassend, kann es verbessert oder verändert werden. Generell neigen aber die Menschen meist dazu, eher ihre Sinneseindrücke zu verzerren, dass sie doch noch in bestehende Konstrukte eingebaut werden können (siehe hierzu Piagets Schemata der Assimilation und Akkommodation). Die Konstrukte, derer sich die Menschen bedienen, können sehr unterschiedliche Formen haben, denn manche sind explizit formuliert, manche nur als Handlungsablauf abrufbar, manche sind verbal gespeichert, andere nicht, und können für einen Außenstehenden konsistent und logisch oder aber unlogisch und untypisch für das sonstige Denken und Handeln dieser Person erscheinen. Die Bildung, Umformung und Verknüpfung solcher kognitiven Konstrukte dauert ein Leben lang an, obwohl die wichtigsten und grundlegenden Schemata schon in der Kindheit gebildet werden.

    Übrigens: Bis zur kognitiven Wende gab es in der Psychologie keinerlei plausible Erklärungen dafür, wie ein Kind in nur wenigen Jahren eine Sprache komplett beherrschen kann, denn nach dem behavioristischen Paradigma wäre es für den Erwerb einer Sprache notwendig, für jedes artikulierte Wort und jeden vernünftig zusammengesetzten Satz belohnt zu werden. Dadurch würde die Bildung eines völlig neuen Satzes weitgehend unmöglich. Nach Ansicht der kognitiven Konstruktivisten wie Piaget geht man hingegen davon aus, dass die kognitive Entwicklung des Kindes in aufeinanderfolgenden und abgrenzbaren Stufen verläuft. In diesen verschiedenen Stufen bilden sich Konstrukte von immer komplexerem Aufbau, wobei die Sprachentwicklung nur eine spezielle Anwendung der allgemeinen kognitiven Weiterentwicklung darstellt, die durch die genetische Programmierung initiiert und von den Umweltbedingungen weitergeführt wird.

    Anmerkung: Kelly benutzt den Begriff Konstrukt übrigens etwas anders, als es sonst etwa in der Gegenüberstellung von „theoretischem Konstrukt“ und „beobachtbarem Merkmal“ in der Psychologie üblich ist.

    Literatur

    Groeben, N. (1986). Handeln, Tun, Verhalten als Einheiten einer verstehend-erklärenden Psychologie: wissenschaftstheoretischer Überblick und Programmentwurf zur Integration von Hermeneutik und Empirismus. Tübingen: Francke.
    Kelly, George A. (1986). Die Psychologie der persönlichen Konstrukte. Paderborn: Junfermann.
    Stangl, W. (2003, 5. Jänner). Persönliche Konstrukte – George A. Kelly. [werner stangl]s arbeitsblätter.
    https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOTHERAPIE/Persoenliche-Konstrukte-Kelly.shtml
    Zimmer, Dieter, E. (1986). So kommt der Mensch zur Sprache: über Spracherwerb, Sprachentstehung und Sprache & Denken. Heyne.


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