Eine reaktive Bindungsstörung ist gekennzeichnet durch ein abnormes Beziehungsmuster zu den Bezugspersonen, das aus einer Mischung aus Annäherung und Vermeidung besteht, indem sich Kinder nur selten einer Bezugsperson zuwenden bzw. die Bindung zwischen Kind und Bezugsperson unterentwickelt bleibt. Hauptmerkmal einer reaktiven Bindungsstörung ist ein abnormes Beziehungsmuster zu Betreuungspersonen, das sich vor dem fünften Lebensjahr entwickelt. Jüngere Kinder zeigen stark widersprüchliche oder ambivalente soziale Reaktionen, die bei Verabschiedung oder Wiederbegegnungen am besten sichtbar werden. So nähern sich Kinder mit abgewandtem Gesicht oder wenden den Blick deutlich in eine andere Richtung, während sie gehalten werden, sie können aber auch mit einer Mischung aus Annäherung, Vermeidung und Widerstand auf die Betreuungsperson reagieren.
Viele normale Kinder zeigen eine gewisse Unsicherheit in ihrer selektiven Bindung an den einen oder anderen Elternteil, was man aber nicht mit der reaktiven Bindungsstörung verwechselt sollte. Reaktive Bindungsstörungen treten nahezu immer bei grob unangemessener Kinderbetreuung auf wie psychischem Missbrauch oder Vernachlässigung, brutaler Bestrafung, ständigem Ausbleiben von Reaktionen auf kindliche Annäherungsversuche oder grob unangebrachtem elterlichem Verhalten, körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung, andauernder Missachtung der grundlegenden körperlichen Bedürfnisse des Kindes, wiederholten vorsätzlichen Verletzungen oder unzureichender Nahrungsversorgung. Deprivation und gestörtes Milieu sind jedoch keine diagnostischen Bedingungen, dennoch ist die Diagnose ohne Hinweis darauf mit Vorsicht zu stellen, denn es zeigen nicht alle misshandelten oder vernachlässigten Kinder diese Form der Störung (Möller, Laux & Deister, 2009).
Die Bindungsstörungen des Kindes gehören gemäß ICD-10 zu einer heterogenen Gruppe gestörter sozialer Funktionen, beginnen in den ersten fünf Lebensjahren und sind nicht durch eine offensichtliche konstitutionelle Beeinträchtigung (etwa Wachstums- und Gedeihstörungen) oder Defizite aller sozialen Funktionen charakterisiert, denn es spielen in der Regel schwerwiegende Milieuschäden oder Deprivationen eine entscheidende Rolle in der Pathogenese. Dass auch manchmal auftretende wahllose Beziehungsverhaltens ist meist eher eine Anpassung an institutionalisierte Erziehung denn ein Kernmerkmal von Bindungsstörungen.
Es liegen bisher keine systematischen Ergebnisse epidemiologischer Forschung über die Häufigkeit von Bindungsstörungen vor, d. h., Inzidenz und Prävalenz sind weitgehend unbekannt. Leitsymptome der reaktiven Bindungsstörung des Kindesalters sind Störungen der sozialen Funktionen, abnormes Beziehungsmuster zu Betreuungspersonen mit einer Mischung aus Annäherung und Vermeidung und Widerstand gegen Zuspruch, eine eingeschränkte Interaktion mit Gleichaltrigen und die Beeinträchtigung des sozialen Spielens, häufig auch gegen sich selbst und andere gerichtete Aggressionen, ebenso emotionale Auffälligkeiten wie Furchtsamkeit, Übervorsichtigkeit, Unglücklichsein, Mangel an emotionaler Ansprechbarkeit bzw. Verlust oder Mangel an emotionalen Reaktionen bis hin zur Apathie.
Eine reaktive Bindungsstörung im Erwachsenenalter wirkt sich auf die Beziehungen zu anderen aus, was man vor allem bei in der Kindheit unbehandelten Störungen findet. Vasquez & Stenland (2016) führten eine Studie über Verhaltensprobleme bei Erwachsenen durch, die von Ausländern adoptiert worden waren, und stellen fest, dass mehrere Fälle mit einer reaktiven Bindungsstörung diagnostiziert werden konnten. Eine der Auswirkungen, die die Forscher bei Menschen mit dieser Störung beobachten konnten, ist, dass sie sich oft nicht zu ihren Familiengruppen zugehörig fühlen. Dies zeigt, wie wichtig die Familie in der Kindheit für die Identitätsbildung ist, sodass adoptierte Erwachsene, die in diesem Sinne eine komplexe Realität verinnerlichen und integrieren müssen, Probleme mit ihrer Identität zeigen können.
Menschen mit einer reaktiven Bindungsstörung versuchen manchmal, sehr schnell vertrauensvolle affektive Beziehungen aufzubauen und durchlaufen die Phasen der Bindung viel schneller als eine Menschen ohne diese Störung. Dass sie sich nicht die Zeit nehmen, in angemessenem Tempo soziale Beziehungen aufzubauen, führt dazu, dass sie viele Enttäuschungen erleben, denn sie erwarten etwa von einem Menschen, mit dem sie seit zwei Wochen zusammen sind, das Gleiche wie von einem Freund oder einer Freundin, die sie schon lange kennen. Ein solches Bindungsmuster führt dazu, dass sie in Beziehungen übermäßig anspruchsvoll sind und zu schnell zu viel von anderen erwarten, sodass sie oft auf Ablehnung stoßen, da die andere Person überfordert ist. Nicht selten fällt es ihnen schwer, die Gefühle anderer zu verstehen, was mit den eigenen Problemen bei der Regulierung von Emotionen zusammenhängt und und insgesamt zu einer affektiven Instabilität führt.
Literatur
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (Hrsg.) (2007). Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Deutscher Ärzte Verlag.
Möller, H.-J., Laux, G. & Deister, A. (2009). Psychiatrie und Psychotherapie. München, Wasserburg, Itzehoe: Thieme Verlag.
Vasquez, M., & Stensland, M.L. (2016). Adopted Children with Reactive Attachment Disorder: A Qualitative Study on Family Processes. Clinical Social Work Journal, 44, 319-332.