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Endowment Effect

    Je weniger Du brauchst, desto mehr hast Du.
    Janosch

    Der Endowment Effect oder Besitztumseffekt bezieht sich auf eine emotionale Voreingenommenheit, die Menschen dazu veranlasst, ein im Besitz befindliches Objekt höher und oft irrational zu bewerten als seinen Marktwert.  Dieser Effekt beschreibt vor allem in der verhaltensorientierten Finanzwissenschaft jenen Umstand, bei dem man einem Objekt, das man bereits besitzt, einen höheren Wert beimisst, als man demselben Objekt beimessen würde, wenn man es nicht besäße. Der Endowment Effect zeigt sich vor allem bei Gegenständen, die für den Einzelnen eine emotionale oder symbolische Bedeutung haben, wobei man Besitz und Verlustaversion als die beiden wichtigsten psychologischen Gründe für den Endowment-Effekt identifiziert hat. Unter den restriktiven Annahmen der Rational-Choice-Theorie, die der modernen mikroökonomischen und Finanztheorie zugrunde liegt, ist ein solches Verhalten irrational, wobei Verhaltensökonomen und Finanzwissenschaftler dieses vermeintlich irrationale Verhalten mit einer Art kognitiver Verzerrung erklären, die das Denken des Einzelnen beeinträchtigt.

    Der Endowment-Effekt besagt also, dass der wahrgenommene Wert eines Gutes höher ist, wenn man es besitzt, als wenn man weggibt. Was einmal in unserem Besitz ist, hat für uns allein aus dem Grund mehr Wert, da wir es besitzen, was den rationalen Homo oeconomicus widerlegt und in zahlreichen Experimenten bestätigt wurde. Menschen haben oft Dinge, die sie nicht benutzen, die keinen festen Aufbewahrungsort haben, als ewig unerledigte Aufgaben herumliegen oder sogar schlechte Erinnerungen wecken, aber aus Angst, man könnten diese Dinge doch noch brauchen, verhindert man, dass sie entsorgt werden. Der Durchschnittseuropäer besitzt heute etwa zehntausend Gegenstände, wobei sich in den Dingen, die er aufhebt, sich die Persönlichkeit spiegelt, wobei diese auch in gewissem Ausmaß die Identität eines Menschen festigen. Menschen mit starkem Endowment-Effekt haben sich ökonomisch in der Vergangenheit eher durchgesetzt als andere, denn wer bei einem Tausch weniger bereit ist, sein eigenes Gut herzugeben, hat gegenüber dem anderen Drohpotential, um etwa den Preis hochzutreiben, was bei jedem Handel einen u. U. überlebenswichtiger Vorteil darstellen kann. Manche Ökonomen warnen vor Schäden durch den Endowment-Effekt, etwa wenn der Besitzer an einer Aktie auf Talfahrt festhält, nur weil sie in seinem Besitz ist. Menschen tragen Verantwortung für ihr Eigentum und sind in ständiger Sorge darum, sodass Besitz auch zur Last werden kann.

    Studien haben wiederholt gezeigt, dass Menschen etwas, das sie bereits besitzen, mehr wertschätzen als einen ähnlichen Gegenstand, den sie nicht besitzen, ganz im Sinne des Sprichworts: „Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach“. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen gekauften oder einen geschenkten Gegenstand handelt, denn auch dann bleibt der Effekt bestehen. Verlustaversion ist etwa der Hauptgrund dafür, dass Anleger dazu neigen, an bestimmten unrentablen Vermögenswerten oder Geschäften festzuhalten, da die Aussicht, sich zum aktuellen Marktwert zu veräußern, nicht ihren Vorstellungen von deren Wert entspricht. So weigern sich Menschen, die Aktien von verstorbenen Verwandten geerbt haben, diese Aktien zu veräußern, selbst wenn sie nicht der Risikotoleranz oder den Anlagezielen dieser Person entsprechen, was sich negativ auf die Diversifizierung eines Portfolios auswirken kann. Um negative Ergebnisse zu vermeiden, ist es angebracht, festzustellen, ob sich die Hinzufügung dieser Aktien negativ auf die gesamte Vermögensallokation auswirkt oder nicht.

    Die Verzerrung durch den Endowment Effect gilt auch außerhalb des Finanzbereichs, denn Kahneman et al. (1990) haben in einer bekannten Studie den Eeffekt veranschaulicht und erfolgreich repliziert. Dabei hatte man eine Klasse mit zwei Abteilungen unterrichtet, von denen sich eine Montags und Mittwochs und die andere Dienstags und Donnerstags trifft. Man schenkte der Montags-/Mittwochsgruppe einen nagelneuen Kaffeebecher mit dem Logo der Universität, ohne viel Aufhebens darum zu machen, während die Dienstags-/ Donnerstagsgruppe hingegen nichts erhielt. Eine Woche später bat man alle Studenten, die Tasse zu bewerten. Die Studenten, die die Tasse erhalten hatten, gaben im Durchschnitt einen höheren Preis an als die, die sie nicht erhalten hatten. Auf die Frage, was der niedrigste Verkaufspreis für die Tasse wäre, gaben die Studenten, die die Tasse erhalten haben, durchweg einen deutlich höheren Preis an als die Studenten, die keine Tasse erhalten hatten.

    Literatur

    Kahneman, D., Knetsch, J. L. & Thaler, R. H. (1990). Experimental tests of the endowment effect and the coase theorem. Journal of Political Economy, 98, 1325–1348.


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