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Aneignung

    Aneignung bezeichnet in der Psychologie die aktive, speziell interaktive Komponente des Mensch-Umwelt-Verhältnisses, etwa die Aneignung einer Fertigkeit im Zuge eines erfolgreichen Lernprozesses und damit auch Veränderung des Individuums in Zuge einer Ausbildung oder eines Trainings. Hier ist es vor allem die symbolische Aneignung  als eine der ältesten Formen der Aneignung der Natur durch den Menschen, etwa durch Namensgebung, Einrichtung von heiligen oder profanen Wahrzeichen, Grenzziehungen, Kodifizierung von räumlichen Ordnungen.

    Aneignung ist in einem spezielleren Verständnis jener Grundmechanismus der psychischen Entwicklung des Menschen im Sinne der kulturhistorischen Schule der Psychologie nach Wygotski, Leontjew und Lurija zu verstehen, wobei einerseits der historische Prozess der menschlichen Aneignung der Natur bzw. ihrer Rohstoffe und Kräfte und der daraus resultierender Produkte mit dem Subjekt Menschheit in Form von Phylogenese und Geschichte zu verstehen ist, aber andererseits auch der biographische Prozess der individuellen Aneignung im Sinne von Ontogenese und Aktualgenese mit dem Subjekt als einzelnem Individuum als gesellschaftlichem Wesen.

    Daher ist die Verwendung des Aneignungsbegriffs keineswegs das Charakteristikum einer bestimmten entwicklungs- oder lernpsychologischen Theorie oder auch nur einer bestimmten entwicklungspsychologischen Richtung zu verstehen, sondern er steht als Synonym für den aktiven Erwerb spezifisch menschlicher Verhaltensformen und -dispositionen einer ganzen Reihe von Entwicklungs- und Lerntheorien, deren grundlegende Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie einerseits den phylogenetischen Entwicklungszusammenhang zwischen tierischen und menschlichen Verhaltensformen anerkennen, andererseits aber die Besonderheit der Bedingungen menschlicher Entwicklung und menschlichen Lernens betonen. Dabei sind Aneignungsbegriff und Entwicklungsgedanke nicht unmittelbar aufeinander bezogen, sondern über den Kulturbegriff vermittelt, und zwar auf eine Weise, die wesentlich durch das Kulturverständnis und den Fortschrittsbegriff der klassischen deutschen Philosophie vorgegeben ist. Kultur wird dabei aufgefasst als ein linear fortschreitender Prozess der Ansammlung der jeweils besten Resultate individueller und kollektiver Tätigkeit in Wissenschaft, Kunst und Technik, wobei der im weitesten Sinne europäischen Kultur eine Schrittmacherfunktion zukommt.

    So sieht etwa Sigmund Freud die Schwierigkeit der Kindheit darin, dass ein Kind in einer kurzen Spanne Zeit sich die Resultate einer Kulturentwicklung aneignen soll, die sich über Jahrtausende erstreckt. Die Loslösung von der Wirklichkeit, wie sie dem menschlichen Denken möglich und geläufig ist, ist dabei ein spezifisches Erzeugnis unsrer Kultur, d. h., das Kind muss in kurzer Zeit einen ungeheuren Weg zurücklegen, wenn es sich diese Art zu denken, die nicht die ihm natürliche ist, aneignet. Ein Kind ist in der Erziehung auf diesem Weg so zu führen, dass es ein lebendiges Fortschreiten gibt, wobei das wesentliche Kriterium dieses Fortschritts die wachsende Beherrschung und Kontrolle der äußeren und inneren Natur darstellt. Da dieses Kriterium auf die Entwicklung der Gattung und die Individualentwicklung gleichermaßen anwendbar ist, erscheint eine individuelle Aneignung der Errungenschaften der Kultur vorwiegend als aktive Integration der Individuen in den allgemeinen Entwicklungsfortschritt der menschlichen Gattung. Unter dieser Perspektive besteht dann das Hauptproblem menschlicher Entwicklung in einer zunehmenden Diskrepanz zwischen der ständig wachsenden Menge bereits akkumulierter Kulturgüter und der beschränkten Kapazität der Individuen, sich diese Kulturgüter tatsächlich anzueignen, und mit der individuellen Reproduktion etablierter Standards die Bedingungen für den weiteren Entwicklungsfortschritt zu schaffen.

    Literatur

    Graumann, C.-F. (1990). Aneignung. In L. Kruse, C.-F. Graumann & E.-D. Lantermann (Hrsg.), Ökologische Psychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union.
    https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/aneignung/905 (18-12-12)


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