Misogynie oder Frauenfeindlichkeit ist ein Oberbegriff für soziokulturelle Einstellungsmuster der geringeren Relevanz oder Wertigkeit von Frauen beziehungsweise der höheren Relevanz oder Wertigkeit von Männern, wobei diese eine ausschließlich auf Frauen gerichtete Form der Misanthropie oder Menschenfeindlichkeit darstellt. Sie wird sowohl von Männern als auch von Frauen selbst über die psychosoziale Entwicklung verinnerlicht und stellt auch eine Grundlage für den hierarchisierenden Geschlechtshabitus von Männlichkeit und Weiblichkeit dar und ist somit eine wesentliche Basis hegemonialer Männlichkeit oder patriarchaler Beziehungsgefüge. Misogynie ist dabei ein zentraler Teil sexistischer Vorurteile sowie Ideologien und ist daher auch eine Grundlage für die Unterdrückung von Frauen in männlich dominierten Gesellschaften. Misogynie manifestiert sich dabei auf vielfältige Weise, etwa in Witzen bis hin zur geringeren Bezahlung für die gleiche Arbeit. Misogynie ist tief in manchen Kulturen verankert, wobei sie zwar offiziell sozialen Normen oder Idealen widerspricht, und daher gesellschaftlich und individuell  etwa durch Leugnung, Tabuisierung, Höflichkeit oder sozial erwünschte Gleichheitsrhetorik verdeckt wird, dennoch unter der Oberfläche gesellschaftlicher Strukturen lauert.

In populären Geschichten der Misogynie von Adam und Eva über die Hexenverfolgung bis hin zum modernen Antifeminismus geraten sowohl der Wandel der Geschlechterverhältnisse als auch strukturelle Verbindungen zwischen Frauenfeindlichkeit und Frauenverehrung tendenziell aus dem Blick. Beispielreihungen von Diskriminierung bis Verfolgung, die einen weiten historischen Bogen von der Antike bis zur Gegenwart spannen, vermitteln vor allem Kontinuitäten in der Abwertung und Unterdrückung von Frauen, selbst wenn sie zeigen, in welch unterschiedlichen Formen sich Frauenhass und Frauenfeindlichkeit historisch manifestieren können. Nicht zuletzt durch die Propagierung des Rahmens der binären Geschlechternormen als das Ideal des heterosexuellen Ehepaares durch die christliche und insbesondere katholische Tradition, in dem sich die unterschiedlichen Geschlechtscharakter anscheinend gottgegeben ergänzen, kommt der daraus resultierenden einseitigen Rollendiffferenzierung eine besonderer Bedeutung zu. Diese geht dabei einher mit dem Entwurf geschlechtsspezifischer Trennungen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Erwerbs- und Sorgearbeit, und die damit offenkundig unterschiedliche Verteilung von Macht als natürlich bzw. naturgegeben. Dass Frauen dadurch mit Natur identifiziert und vorwiegend über ihre Fähigkeit zur Reproduktion definiert werden, bedeutet etwa, dass es als Makel betrachtet wird, wenn Frauen kinderlos bleiben, weil sie damit angeblich ihre Natur verfehlen. Gleichzeitig wird Mutterschaft in der patriarchalen Gesellschaft aber nur im Rahmen einer Ehe als Erfüllung der Normvorstellungen anerkannt, d.h. eben allein unter der Vorherrschaft eines Mannes.

Mit der aufkommenden Frauenbewegung im 19. Jahrhundert wurde gesellschaftliche Misogynie zunehmend thematisiert und bekämpft, wobei im 20. Jahrhundert zunehmend die Furcht vor Männerhass und damit der binäre Spiegelbegriff der Misandrie aufkam. Im Rahmen der #metoo-Bewegung haben sich aber Misogynie und der der Alltagssexismus wieder klarer als Themen des zeitgenössischen Gender Trouble etabliert, und werden in den kontroversen Aushandlungsprozesses über die Geschlechterverhältnisse der Gegenwart und den Stand der Geschlechtergerechtigkeit mit einbezogen, wobei diese im Zusammenhang mit spezifischen Themen wie Hate Speech im digitalen Raum allmählich auch politische ernster genommen werden.

Nicht selten findet sich eine unterschwellige Misogynie im gesellschaftlichen Diskurs in einer größeren Loyalität gegenüber Männern, die Manne (2019) als Himpathy bezeichnet, also als Empathie mit einem männlichen Täter. Auch Frauen zeigen oft einen großen Widerwillen, den sprichwörtlichen Golden Boy für sein schlechtes und misogynes Verhalten verantwortlich zu machen, sondern hegen nicht selten Sympathie für ihn als für seine weiblichen Opfer, sogar in Fällen von erwiesenen sexualisierten Übergriffen.

Sichtbar wird Misogynie auch oft in Zusammenhang mit Kriminalfällen, bei denen Männer Familienmitglieder umbringen, wobei diesen Morden oft die Angst vor Gesichts- und Kontrollverlust vorausgeht. Eine solche Erfahrung ist gerade für autoritäre Männer unerträglich, was in ihrer Unfähigkeit liegt, Schamgefühle zu verarbeiten. Dabei wollen solche narzisstisch gekränkten Männer nicht nur sich selbst durch den Suizid für ihr Scheitern bestrafen, sondern auch alle ZeugInnen ihres Scheiterns ebenfalls töten. Solche patriarchal denkende Männer betrachten ihre Familienmitglieder, vor allem die Kinder, dabei weniger als eigenständige Subjekte, sondern als sichtbare Verlängerung ihrer selbst und handeln dementsprechend.


Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst: sie wird nicht als autonomes Wesen gesehen. Sie wird mit Bezug auf den Mann determiniert und differenziert, er aber nicht Bezug auf sie. Sie das ist das Unwesentliche gegenüber dem Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.
Simone De Beauvoir


Literatur

De Beauvoir, Simone (1992). Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Geier, Andrea (2020). Logik und Funktion von Misogynie. Probleme und Perspektiven. Ethik und Gesellschaft, doi:10.18156/eug-2-2020)-art-1.
Holland, Jack (2020). Misogynie. Die Geschichte des Frauenhasses. Feldafing: Zweitausendeins.
Manne, Kate (2019). Down Girl. Die Logik der Misogynie. Berlin: Suhrkamp Verlag.
https://de.wikipedia.org/wiki/Misogynie (19-12-14)
https://taz.de/Sozialphilosophin-ueber-Frauenhass/!5575598/ (19-03-30)



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