Misogynie

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Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne zu nennen – dies konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt fertigbringen.
Arthur Schopenhauer („Über die Weiber“, 1851)

Misogynie oder Frauenfeindlichkeit ist ein Oberbegriff für soziokulturelle Einstellungsmuster der geringeren Relevanz oder Wertigkeit von Frauen beziehungsweise der höheren Relevanz oder Wertigkeit von Männern, wobei diese eine ausschließlich auf Frauen gerichtete Form der Misanthropie oder Menschenfeindlichkeit darstellt. Sie wird sowohl von Männern als auch von Frauen selbst über die psychosoziale Entwicklung verinnerlicht und stellt auch eine Grundlage für den hierarchisierenden Geschlechtshabitus von Männlichkeit und Weiblichkeit dar und ist somit eine wesentliche Basis hegemonialer Männlichkeit oder patriarchaler Beziehungsgefüge. Misogynie ist dabei ein zentraler Teil sexistischer Vorurteile sowie Ideologien und ist daher auch eine Grundlage für die Unterdrückung von Frauen in männlich dominierten Gesellschaften. Misogynie manifestiert sich dabei auf vielfältige Weise, etwa in Witzen bis hin zur geringeren Bezahlung für die gleiche Arbeit. Misogynie ist tief in manchen Kulturen verankert, wobei sie zwar offiziell sozialen Normen oder Idealen widerspricht, und daher gesellschaftlich und individuell  etwa durch Leugnung, Tabuisierung, Höflichkeit oder sozial erwünschte Gleichheitsrhetorik verdeckt wird, dennoch unter der Oberfläche gesellschaftlicher Strukturen lauert.

In populären Geschichten der Misogynie von Adam und Eva über die Hexenverfolgung bis hin zum modernen Antifeminismus geraten sowohl der Wandel der Geschlechterverhältnisse als auch strukturelle Verbindungen zwischen Frauenfeindlichkeit und Frauenverehrung tendenziell aus dem Blick. Beispielreihungen von Diskriminierung bis Verfolgung, die einen weiten historischen Bogen von der Antike bis zur Gegenwart spannen, vermitteln vor allem Kontinuitäten in der Abwertung und Unterdrückung von Frauen, selbst wenn sie zeigen, in welch unterschiedlichen Formen sich Frauenhass und Frauenfeindlichkeit historisch manifestieren können. Nicht zuletzt durch die Propagierung des Rahmens der binären Geschlechternormen als das Ideal des heterosexuellen Ehepaares durch die christliche und insbesondere katholische Tradition, in dem sich die unterschiedlichen Geschlechtscharakter anscheinend gottgegeben ergänzen, kommt der daraus resultierenden einseitigen Rollendiffferenzierung eine besonderer Bedeutung zu. Diese geht dabei einher mit dem Entwurf geschlechtsspezifischer Trennungen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Erwerbs- und Sorgearbeit, und die damit offenkundig unterschiedliche Verteilung von Macht als natürlich bzw. naturgegeben. Dass Frauen dadurch mit Natur identifiziert und vorwiegend über ihre Fähigkeit zur Reproduktion definiert werden, bedeutet etwa, dass es als Makel betrachtet wird, wenn Frauen kinderlos bleiben, weil sie damit angeblich ihre Natur verfehlen. Gleichzeitig wird Mutterschaft in der patriarchalen Gesellschaft aber nur im Rahmen einer Ehe als Erfüllung der Normvorstellungen anerkannt, d.h. eben allein unter der Vorherrschaft eines Mannes.

Mit der aufkommenden Frauenbewegung im 19. Jahrhundert wurde gesellschaftliche Misogynie zunehmend thematisiert und bekämpft, wobei im 20. Jahrhundert zunehmend die Furcht vor Männerhass und damit der binäre Spiegelbegriff der Misandrie aufkam. Im Rahmen der #metoo-Bewegung haben sich aber Misogynie und der der Alltagssexismus wieder klarer als Themen des zeitgenössischen Gender Trouble etabliert, und werden in den kontroversen Aushandlungsprozesses über die Geschlechterverhältnisse der Gegenwart und den Stand der Geschlechtergerechtigkeit mit einbezogen, wobei diese im Zusammenhang mit spezifischen Themen wie Hate Speech im digitalen Raum allmählich auch politische ernster genommen werden.

Nicht selten findet sich eine unterschwellige Misogynie im gesellschaftlichen Diskurs in einer größeren Loyalität gegenüber Männern, die Manne (2019) als Himpathy bezeichnet, also als Empathie mit einem männlichen Täter. Auch Frauen zeigen oft einen großen Widerwillen, den sprichwörtlichen Golden Boy für sein schlechtes und misogynes Verhalten verantwortlich zu machen, sondern hegen nicht selten Sympathie für ihn als für seine weiblichen Opfer, sogar in Fällen von erwiesenen sexualisierten Übergriffen.

Sichtbar wird Misogynie auch oft in Zusammenhang mit Kriminalfällen, bei denen Männer Familienmitglieder umbringen, wobei diesen Morden oft die Angst vor Gesichts- und Kontrollverlust vorausgeht. Eine solche Erfahrung ist gerade für autoritäre Männer unerträglich, was in ihrer Unfähigkeit liegt, Schamgefühle zu verarbeiten. Dabei wollen solche narzisstisch gekränkten Männer nicht nur sich selbst durch den Suizid für ihr Scheitern bestrafen, sondern auch alle ZeugInnen ihres Scheiterns ebenfalls töten. Solche patriarchal denkende Männer betrachten ihre Familienmitglieder, vor allem die Kinder, dabei weniger als eigenständige Subjekte, sondern als sichtbare Verlängerung ihrer selbst und handeln dementsprechend.


Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst: sie wird nicht als autonomes Wesen gesehen. Sie wird mit Bezug auf den Mann determiniert und differenziert, er aber nicht Bezug auf sie. Sie das ist das Unwesentliche gegenüber dem Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.
Simone De Beauvoir


Die Auswirkungen medialer Misogynie auf das gesellschaftliche Frauenbild

In der heutigen digitalen Ära ist Misogynie zu einem allgegenwärtigen Bestandteil der medialen Landschaft geworden. Von herabwürdigenden Stereotypen, die Frauen als „hysterisch“ oder „dumm“ stigmatisieren, bis hin zu bösartigen Unterstellungen und offener Feindseligkeit in sozialen Netzwerken, ist die Abwertung des Weiblichen ein systematisches Phänomen. Die psychologische Tragweite dieser Entwicklung wird oft unterschätzt, doch eine aktuelle und wegweisende Metaanalyse von Nater et al. (2026) verdeutlicht das massive Ausmaß der Beeinflussung durch solche Inhalte. Diese Untersuchung, die im Fachjournal Psychological Bulletin der American Psychological Association veröffentlicht wurde, bündelt die Ergebnisse aus 257 Einzelstudien der letzten 47 Jahre und umfasst die Daten von insgesamt 132.933 Teilnehmenden. Die zentrale Erkenntnis dieser wissenschaftlichen Aufarbeitung ist ebenso eindeutig wie besorgniserregend: Der regelmäßige Konsum misogyn geprägter Medieninhalte führt im Durchschnitt zu einer messbar höheren Feindseligkeit gegenüber Frauen. Dabei zeigt sich über eine enorme Bandbreite von Studiendesigns hinweg ein klarer statistisch signifikanter Zusammenhang, der belegt, dass die mediale Darstellung von Frauen direkt beeinflusst, wie über sie gedacht wird und wie sie gesellschaftlich bewertet werden (Nater et al., 2026). Ein wesentlicher Aspekt dieser Dynamik ist die psychologische Habituation, also der Gewöhnungseffekt durch ständige Wiederholung. Wenn frauenfeindliche Narrative oft genug konsumiert werden, beginnen Rezipienten, diese Verzerrungen zunehmend für die soziale Realität zu halten. Medien fungieren hierbei nicht nur als bloße Spiegel gesellschaftlicher Normen, sondern wirken als Verstärker, die patriarchale Machtstrukturen zementieren.

Besonders kritisch ist dabei die Rolle von Akteuren außerhalb der klassischen Mediensysteme zu betrachten. Influencer wie Andrew Tate oder organisierte Online-Communitys wie die sogenannten „Incels“ üben einen wachsenden Einfluss auf den öffentlichen Diskurs aus und normalisieren misogyne Denkweisen in einem Maße, das herkömmliche Regulierungsmechanismen oft umgeht. Diese Inhalte vermitteln das Bild einer Frau, die weniger wert, weniger kompetent und weniger glaubwürdig sei als ein Mann, was wiederum die Grundlage für Diskriminierung und Gewalt im realen Leben bildet (Nater et al., 2026). Interessanterweise beschränkt sich die Wirkung dieser Inhalte keineswegs nur auf männliche Konsumenten, was die Komplexität des Phänomens unterstreicht. Zwar reagieren Männer tendenziell stärker mit Feindseligkeit, insbesondere wenn es um gewalttätige misogyne Inhalte geht, doch auch Frauen sind vor der Beeinflussung nicht gefeit. Die Metaanalyse zeigt, dass Frauen auf demütigende und pornografische Inhalte mit einer ähnlich starken Steigerung der Feindseligkeit reagieren wie Männer (Nater et al., 2026).

Experten wie Jacob Johanssen weisen darauf hin, dass dies ein Indiz für die sogenannte internalisierte Misogynie ist. Frauen verinnerlichen dabei die ihnen medial entgegengebrachten patriarchalen Abwertungen und integrieren diese in ihr eigenes Ich-Ideal. Dies führt dazu, dass Frauen andere Frauen – und sich selbst – durch die Brille der männlichen Abwertung betrachten, was die Solidarität untergräbt und die gesellschaftliche Hierarchie stabilisiert. Während Gewalt in Medien bei Männern die Aggressivität gegenüber Frauen deutlich stärker anheizt, scheint die subtilere Erniedrigung eine universellere, geschlechterübergreifende Wirkung zu entfalten. Ein besonders alarmierender Befund der Studie von Nater et al. (2026) betrifft die Korrelation zwischen dem Alter der Rezipienten und der Empfänglichkeit für misogyne Botschaften. Jugendliche und junge Erwachsene lassen sich durch entsprechende Inhalte erheblich stärker beeinflussen als ältere Generationen. Diese erhöhte Vulnerabilität in einer Lebensphase, die durch Identitätsfindung und eine hohe Affinität zu sozialen Medien geprägt ist, birgt langfristige gesellschaftliche Risiken. Wenn die nächste Generation mit einem durch Misogynie verzerrten Weltbild aufwächst, erschwert dies das Erreichen echter Geschlechtergerechtigkeit massiv.

Misogyne Medieninhalte sind also nicht nur harmlose Meinungsäußerungen, sondern fungieren als Katalysatoren, die den niedrigeren Status von Frauen in der Gesellschaft aktiv perpetuieren

Literatur

De Beauvoir, Simone (1992). Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Geier, Andrea (2020). Logik und Funktion von Misogynie. Probleme und Perspektiven. Ethik und Gesellschaft, doi:10.18156/eug-2-2020)-art-1.
Holland, Jack (2020). Misogynie. Die Geschichte des Frauenhasses. Feldafing: Zweitausendeins.
Manne, Kate (2019). Down Girl. Die Logik der Misogynie. Berlin: Suhrkamp Verlag.
Nater, C., Felber, L., Lüke, R., Eagly, A. H., Greitemeyer, T., Miller, D. I., & Dorrough, A. R. (2026). Misogynous messages in the media increase hostility to women: Evidence from a meta-analysis of 257 experimental and nonexperimental studies. Psychological Bulletin, doi:10.1037/bul0000513.
Stangl, W. (2026, 21. März). Die Auswirkungen medialer Misogynie auf das gesellschaftliche Frauenbild. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/6331/die-auswirkungen-medialer-misogynie-auf-das-gesellschaftliche-frauenbild.

https://de.wikipedia.org/wiki/Misogynie (19-12-14)
https://taz.de/Sozialphilosophin-ueber-Frauenhass/!5575598/ (19-03-30)


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