Ehrfurcht

    Meines Erachtens ist die Ehrfurcht die Grundlage aller Tugenden.
    Marcus Tullius Cicero

    Ehrfurcht ist der Begriff für eine mit Verehrung einhergehende Furcht und bezieht sich fast immer auf einen übermächtigen oder erhabenen Adressaten, sei er nun real oder fiktiv. Ehrfurcht zu empfinden zu können, wird oft als Tugend angesehen und ist stärker als Scheu oder Achtung, aber schwächer als Unterwerfung oder Anbetung. Sichbar zeigt sich die Ehrfurcht meist in einem hohen Grad der Ehrerbietung.

    Nach Stancato & Keltner (2021) ist Ehrfurcht die emotionale Reaktion auf wahrnehmungsintensive Reize, die den aktuellen Bezugsrahmen überschreiten. Geleitet von früheren Arbeiten, die dokumentierten, dass Ehrfurcht Demut fördert, die Wahrnehmung von Ungewissheit erhöht und persönliche Bedenken verringert, haben sie in mehreren Studien die Hypothese überprüft, ob Ehrfurcht auch zu einer geringeren Überzeugung bezüglich der eigenen ideologischen Einstellungen etwa zur Todesstrafe oder gegenüber anderen Gruppen führt. In einer Studie äußerten Teilnehmer, die Ehrfurcht empfanden, im Vergleich zu denen, die sich amüsiert fühlten oder in einer neutralen Kontrollbedingung waren, etwa weniger Überzeugung bezüglich ihrer Einstellung zur Todesstrafe. In weiteren Studien konnte man auch zeigen, dass das Erleben von Ehrfurcht die Wahrnehmung der ideologischen Polarisierung in den USA in Bezug auf rassistische Vorurteile im Strafrechtssystem und die gewünschte soziale Distanz zu Personen mit anderen Ansichten bezüglich der Einwanderung verringerte, und zwar Effekte, die teilweise durch verringerte Überzeugungen vermittelt wurden.

    Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Ehrfurcht zu Unsicherheit und Ambivalenz bezüglich der eigenen Einstellungen führen kann, eine Form von epistemologischer Demut darstellt, und dass dies wiederum reduzierten Dogmatismus und eine erhöhte Wahrnehmung von sozialem Zusammenhalt fördern kann. Offenbar wird ein Mensch, der Ehrfurcht empfindet, aus seinem Bezugsrahmen geworfen und empfindet Demut im Angesicht von etwas unbegreiflich Großem, d. h., er blickt neu auf die Welt. Ehrfurcht zu empfinden öffnet offfenbar das Denken, statt es zu verschließen, mindert die Bedeutung des Selbst und verbindet mit anderen Menschen, wobei etwa gemeinsame Ergriffenheit etwa dem Zorn den Raum nehmen kann.

    Ehrfurcht ist ein erst spät aufgekommenes Wort und ist noch bei Luther nicht zu finden. Im Brockhaus von 1896 wird die Ehrfurcht als der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit beschrieben.

    Literatur

    Stancato, D. M. & Keltner, D. (2021). Awe, ideological conviction, and perceptions of ideological opponents. Emotion, 21, 61–72.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Ehrfurcht (17-02-07)

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