Jürgen Grimm, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, postulierte in einem Interview mit dem ORF 2020 anlässlich der Belastungen durch die Covid19-Pendemie eine Art Höhlenkompetenz, die Menschen schon in der Urzeit entwickelt haben, denn eine Höhle war ein Schutzraum in Krisenzeiten. Nach Vulkanausbrüchen oder in Eiszeiten stand der Homo Sapiens mehrmals kurz vor dem Aussterben, d. h., es konnten nur diejenigen überleben, die eine Mentalität entwickelt hatten, mit solchen Krisensituationen umzugehen. Die Höhle war einerseits ein Schutzraum, der das Überleben vor Zehntausenden von Jahren sicherte, aber die Menschen gleichzeitig vor neue Herausforderungen stellte, denn in einer Höhle mussten sie gegen Angst, Depressionen und die Enge kämpfen. Grimms Meinung nach hat damals so etwas wie eine kognitive Revolution stattgefunden, d. h., es war der Moment, in dem sich eine neue, komplexere Software für das Gehirn entwickelt hat. Um diese Krisensituation zu überwinden, hat der Mensch die Fähigkeit zum inneren Dialog entwickelt, aus denen nicht nur technische Entwicklungen sondern auch die Fantasiefähigkeit und Kunst entstanden sind.

Zur Höhlenkompetenz hilft Fantasie, Kochen, Malen, Schreiben und Meditation, denn in dieser Hinsicht kompetente Menschen schauen differenzierter in die Welt und interessieren sich für gute Lösungen, haben mehr Mitgefühl und können auch das soziale Leben besser gestalten. Mit der Empathie kommt automatisch mehr Wel‘ in das öde Höhlenleben, wobei die Gestaltung des Soziallebens  damals wie heute in der Regel von den empathisch überdurchschnittlich Begabten übernommen wird, und das sind meist dis Frauen. Neben der zwischenmenschlichen Komponente war es vor allem aber wichtig, die Fantasiefähigkeit in kreative Prozesse zu stecken und damit die Vorstellungskraft zu kultivieren. Allerdings ist dabei die Irrationalität gewissermaßen die Schattenseite der menschlichen Fantasie, d. h., aus dieser erwachsen etwa Verschwörungstheorien. Grimm vermutet, dass diese Fähigkeiten Homo sapiens zu der beherrschenden Spezies gemacht hat, wobei es andere Menschenarten wie der Neandertaler dies eben nicht geschafft haben. Höhlenkompetenz lässt sich nach Grimm auch trainieren, am besten durch kulturelle Aktivität, denn Kunst ermöglicht eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit bestimmten Themen.

Literatur

https://science.orf.at/stories/3203261/ (20-12-02)


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