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Vegetotherapie

Kurzdefinition: Die Vegetotherapie bzw. das vegetative Training ist eine körperorientierte Psychotherapieform nach Wilhelm Reich, die körperliche Prozesse ins Zentrum der therapeutischen Arbeit stellt. In der Regel sind die gefundenen Verspannungen und Verkrampfungen, die sich in Haltung, Bewegung, Atmung oder Stimme niederschlagen, mit verschiedenen unterdrückten oder unbewussten Gefühlen verbunden.

Wilhelm Reich hatte sich ursprünglich zum Ziel gesetzt, die Triebenergie des Libido als physische Kraft zu erforschen und nannte sie Orgon. Er vermutete diese Energie in allen Lebewesen, am Himmel und in der Atmosphäre und suchte einen Weg, Orgon effektiv für die therapeutische Arbeit einzusetzen. Wilhelm Reich wurde damit zum Begründer aller Körper-Psychotherapien und legte einen Grundstein dafür, dass man heute versucht, in rationaler Weise mit Bioenergie und feinstofflicher Energie naturwissenschaftlich, psychiatrisch, medizinisch und spirituell zu arbeiten.

Reich war in den 1930ern vor dem Nationalsozialismus nach Norwegen geflohen, bevor er in die USA emigrierte, wobei das noch vor seinen eher pseudowissenschaftlichen Forschungen war, die ihn letztlich seine Glaubwürdigkeit und Freiheit kosteten. Reich starb 1957 in US-Haft, seine Schriften und Gerätschaften wurden unter Aufsicht der Bundesbehörden verbrannt oder zerstört. Unter diesem unrühmlichen Ende leidet bis heute die Glaubwürdigkeit Reichs früherer Arbeit wie eben auch die jetzt wieder häufiger praktizierte Vegetotherapie bzw. das vegetative Training. Heilung war für Reich eine Auflösung der Blockaden und ein freies Fließen der Libidoenergie in Bewegung, Atmung und vor allem im Orgasmus. Man kann sich vorstellen, dass in den prüden USA solche therapeutischen Ansätze gerichtlich verfolgt wurden.

Anstatt sich nur auf die psychische Dimension des Menschen zu konzentrieren, bezieht die Vegetotherapie den Körper mit ein, denn für Reich spielten die körperlichen Aspekte beim Unterdrücken von Gefühlen eine zentrale Rolle. Nach Reich können psychische Abwehrsymptome geheilt werden, wenn abgewehrte Anteile und Erinnerungen zugänglich gemacht werden, indem die damit verbundenen Gefühle von Wut, Hass, Trauer, Ekel, Schmerz, Angst oder Verzweiflung durch emotionale Ausdrucksbewegungen wie Zittern, Weinen oder Schlagen körperlich ausgedrückt werden können.

Eine zentrale Rolle bei der Vegetotherapie spielt dabei die Atmung bzw. das Lösen und Entspannen der Atemmuskulatur und der Atemhilfsmuskulatur, denn Reich stellte bei vielen seiner KlientInnen eine chronische Bauchspannung fest, die den vegetativen Fluss im Solarplexus blockiert. Er vermutete, dass sich viele Menschen aufgrund frühkindlicher Affekthemmung eine dauerhafte Einatmungshaltung angewöhnt haben, um ihre Gefühle nicht durchbrechen zu lassen. Nach Reichs Anschauung werden durch die Therapie gestaute körperenergetische Ladungen befreit und die darunter liegenden primären Energien wieder spürbar.

Reich überschritt damit die Einschränkungen Freuds, der alle Formen des körperlichen Ausdrucks von Gefühlen sowie jeden körperlichen Kontakt zwischen Therapeut und Klient aus der Psychotherapie ausgeschlossen und die Psychoanalyse zu einem rein verbalen Verfahren gemacht hatte. Reich forderte hingegen seine Klienten auf, ihre Gefühle körperlich auszudrücken, er massierte ihre verhärteten Muskelpartien und bat sie, tiefer und schneller zu atmen. Durch diese therapeutische Arbeit unmittelbar am Körper gelang es Reich nach eigenen Aussagen, zu verdrängten Emotionen vorzudringen, die im psychosomatischen System der KlientInnen als Einheit von Gefühlen, Körperimpulsen und Erinnerungen festgehalten werden. Solche körperlich fixierte Verdrängungsmuster bezeichnete er als Charakterpanzer, wobei die Lösung einer muskulären Verkrampfung nicht nur vegetative Energie entbindet, sondern darüber hinaus diejenige Situation in der Erinnerung reproduziert, in der die Triebunterdrückung sich manifestiert hatte. Nach Reichs Meinung enthält jede muskuläre Verkrampfung die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung.

In der Körperpsychotherapie lädt der Therapeut den Klienten ein, seine Gefühle und Impulse körperlich auszudrücken, wobei sich häufig bereits in Ansätzen ein körperlicher Ausdruck beim Klienten zeigt, aber noch zurückgehalten wird. Der körperliche Ausdruck von Gefühlen verstärkt und differenziert die Wahrnehmung dieser Gefühle. Der Therapeut kann den Klienten auch auffordern, einen spontanen Körperausdruck zu wiederholen, zu intensivieren, zu übertreiben, zu verändern oder in sein Gegenteil zu verkehren. Wenn sich der Klient mit einem realen oder imaginierten Gegenüber auseinandersetzt, kann der Therapeut den authentischen emotionalen Ausdruck fördern. Dabei kann der Ausdruck intensiv und raumgreifend, aber auch nur subtil und beiläufig geschehen (Makro- bzw. Mikro-Ausdrucksbewegungen). Als Therapieziel definierte Reich dabei die orgastische Potenz, bei der es um eine vollständige vegetative Hingabe an unwillkürliche Muskelbewegung nebst kurzer Bewusstseinstrübung im Höhepunkt geht.

Grundsätzlich ist das Ziel der Körperpsychotherapie, zur Selbstheilung anzuleiten, dabei ist es eine sehr wirksame Technik, sodass jeder Therapeut wissen muss, wo die Grenzen des Verfahrens liegen. Falsch angewandt kann Körperpsychotherapie und speziell Vegetotherapie zu Retraumatisierungen oder gar psychotischen Zuständen führen, d. h., man sollte ein solches Training nur bei psychisch intakten KlientInnen durchführen.

In Österreich ist die Körperpsychotherapie gesetzlich nicht als Therapiemethode anerkannt.

Literatur

Eberwein, W. (2017). Was ist Vegetotherapie?
WWW: https://www.werner-eberwein.de/was-ist-vegetotherapie/ (17-11-12)
Stangl, W. (2017). Körperorientierte Therapien. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOTHERAPIE/Koerperorientierte-Therapie-Reich.shtml (2017-11-18).


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