Gedächtnispalast

Der Gedächtnispalast ist eine Mnemotechnik, bei der man sich einen Palast räumlich mit allen Ecken und Winkeln vorstellt, in die man sortiert seine Erinnerungen ablegt und sie bei Bedarf gezielt wieder herausholen kann. Der Gedächtnispalast ist eine Erweiterung der Loci-Methode, sodass das Beherrschen der der Loci-Methode eine Voraussetzung ist, um den Gedächtnispalast effektiv anwenden zu können. Mit Hilfe eines Gedächtnispalastes lassen sich die verschiedensten Informationen im Gedächtnis abspeichern, etwa Geschichtsdaten, Vokabeln oder längere Texte sein. Wie bei der Loci-Methode werden auch bei dieser Mnemotechnik in eine Gebäude – eben dem Gedächtnispalast – Daten an unterschiedlichen Stellen abgelegt, wofür man möglichst lebhafte und emotionale Bilder erzeugen muss, d. h., je lebendiger und realistischer die Assoziationen sind, desto länger kann man sich die Informationen merken.

Diese Merkstrategie ist über 2000 Jahre alt und hat ihren Ursprung in einer strukturellen Entwicklung aus der Loci- und Routen-Methode der antiken römischen und griechischen Rhetorik-Schulen. Ziel dabei ist es, Schlüsselbegriffe einer Rede mit bestimmten Orten zu verbinden (Loci-Methode) und diese Orte in einer einzigen während der Rede dann mental abzugehenden Route zu merken (Routen-Methode). Am besten funktioniert es mit Orten, an denen man sich auskennt, wobei die eigene Wohnung oft ein guter Anfang sind. Sie muss nicht über unzählige Zimmer verfügen, es reicht, wenn man jede Schublade und jedes Regalfach vor Augen hat. Generell gilt, dass sich Bilder leichter merken lassen als trockene Fakten, und je lebhafter, skurriler und ungewöhnlicher solche Bilder sind, desto einfacher bleiben sie auch im Gedächtnis hängen.

Wichtig ist dabei ein logischer und übersichtlicher Aufbau des Gedächtnispalastes, indem man die Räume und Stockwerke des Palastes mit unterschiedlichen Farben versieht, die als weitere Gedächtniskomponente für Übersicht sorgen. Ein Gedächtnispalast wird meist Stock für Stock und Raum für Raum aufgebaut, wobei meist schon erste Informationen abgelegt werden. Wie bei der Loci-Methode können sämtliche Informationen in dem Gedächtnispalast abgespeichert werden, die sich mnemotechnisch in Bilder umwandeln lassen. Handelt es sich um sehr abstrakte Inhalte, empfiehlt es sich ein zusätzliche Gedächtnissystem wie das Major-System zu nutzen.

Historisch betrachtet wurden im Spätmittelalter neben den traditionellen religiösen Inhalten auch Grammatiken, Geografisches und Justistisches in bildliche Darstellungen übersetzt, die von einer rein bildlichen Umsetzung schließlich bis zu faszinierenden Gedächtnistheatern – insbesondere dann in der Renaissance – immer weiter entwickelt wurden, in denen man schließlich versuchte, anhand von wenigen Ordnungsregeln das gesamte Weltwissen enzyklopädisch zu speichern, wobei diese Ordnung gleichzeitig das von Gott geschaffene Universums als kosmische Weisheit widerspiegeln sollte.

In der Neu- und Jetztzeit sind es vor allem Gedächtniskünstler, wobei es sich in den meisten Fällen nicht um außergewöhnlich Begabte handelt, die die Methode des Gedächtnistheaters bemühen, wobei es bekanntlich nationale und internationale Wettbewerbe gibt, in denen in unterschiedlichsten Disziplinen versucht wird, über das Normalgedächtnis hinausragende Leistungen zu erbringen. Wrede (1997) weist darauf hin, dass das Konzept der Hypermedialität – verkörpert vor allem in den neueren digitalen Medien, insbesondere in Gestalt der Netzstrukturen des Internet – die Möglichkeit bietet, Inhalte wieder mehr topologisch zu organisieren. Die derzeit stattfindende Vergrößererung des Anteils der nicht-literalen Welterfahrung fördert so erneut den Konflikt zwischen einer topologisch-sinnlichen Imagination und dem logisch-symbolischen Repräsentationismus.

Neuere Studien (Wagner et al., 2021) haben gezeigt, dass durch das Training mit dem Gedächtnispalast sich sogar das Langzeitgedächtnis verbessert. Grundsätzlich konnte man feststellen, dass diese Methode zu einer effizienteren Verarbeitung in Gehirnregionen geführt hat, die mit dem Gedächtnis und räumlicher Orientierung im Zusammenhang stehen. Man beobachtete verschiedene Gruppen von TeilnehmerInnen mit einem ähnlichen IQ, wobei eine dieser Gruppen aus 23 GedächtnissportlerInnen bestand , zwei andere wurden unterschiedlichen Gedächtnistrainings unterzogen und eine Kontrollgruppe erhielt keinerlei Training. Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie wurde die Gehirnaktivität der TeilnehmerInnen gemessen, einmal während sie Wörter auswendig lernten und sich anschließend an das Gelernte erinnerten und anschließend in der Ruhephase danach. Die Gehirne der GedächtnissportlerInnen wiesen im Vergleich zu den Kontrollgruppen eine geringere Aktivität in den betroffenen Gehirnregionen während des Auswendiglernens und des Erinnerns der Wörter auf. Das bestätigt, dass GedächtnissportlerInnen ihre Gehirne effizient und strategisch für die vorliegende Aufgabe nutzen., d. h., ein Gehirn, das in Übung ist, kann mit weniger Aktivierung eine bessere Leistung erbringen. Diese Ergebnis wurde auch durch die Ergebnisse in den anderen Gruppen bestätigt, denn je mehr Nutzen die TeilnehmerInnen aus dem Training zogen und je besser ihre Leistung beim Erinnern von Wörtern war, desto stärker verringerte sich deren Gehirnaktivität. Überraschenderweise spiegelte sich diese Effizienz auch in der Erinnerungsdauer der gelernten Information wider, denn geübte TeilnehmerInnen konnten sich nicht nur an mehr Inhalte erinnern, sondern auch länger. Außerdem stellte sich heraus, dass die koordinierte Gehirnaktivität nach dem Lernprozess anstieg, wobei diese Veränderung in der Konnektivität des Gehirns darauf hinweist, dass Erinnerungen nach dem Einüben gefestigt werden, wodurch diese langfristig gespeichert werden können.


Einen Gedächtnispalast aufzubauen ist übrigens eine zeitaufwändige Methode und ihn später nutzen zu können erfordert Übung und ständigen Gebrauch, da sonst die Orte und Routen verloren gehen.

Anmerkung: Aus psychologischer und pädagogischer Sicht auf das schulische Lernen und das Lernen in anderen Bildungseinrichtungen ist anzumerken, dass diese Lernmethode vermutlich wenig sinnvoll ist, da der Aufwand in der Regel in keinem Verhältnis zum Erfolg steht. Geeignet ist diese Mnemotechnik vermutlich nur dann, wenn man Gedächtnisweltmeister werden will 😉 Bei solchen Meisterschaften werden relativ sinnlose und unzusammenhängende Inhalte gelernt und wiedergegeben, wobei diese Methode natürlich helfen kann. Es gibt zwar einen Einfluss auf die Verbesserung des Langzeitgedächtnisses, jedoch bleibt dieser nur dann bestehen, wenn permanent mit dieser Methode geübt und gearbeitet wird.

Literatur

Stangl, W. (2019). Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten. Werner Stangls Texte zum Lernen.
WWW: https://lerntipps.lerntipp.at/category/lernorganisation/page/8/ (2019-03-22).
Stangl, Werner (2006). Mnemotechnik (S. 89-100). In Mandl, H. & Friedrich, F. (Hrsg.), Handbuch Lernstrategien. Göttingen: Hogrefe.
Isabella C. Wagner, B.N. Konrad, P. Schuster, S. Weisig, D. Repantis, K. Ohla, S. Kühn, G. Fernández, A. Steiger, C. Lamm, M. Czisch, & Martin Dresler (2021). Durable memories and efficient neural coding through mnemonic training using the method of loci. Science Advances, doi:10.1126/sciadv.abc7606.
Wrede, O. (1997). Mnemotechnik in grafischen Benutzeroberflächen. formdiskurs. Zeitschrift für Design und Theorie. Design und Neue Medien Nr. 2.


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