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posttraumatisches Wachstum


Aus der Traumaforschung weiß man, dass manche Menschen in der Krise oft sehr gefasst reagieren und mit allen Mitteln versuchen, gut durch Extremsituationen zu kommen. Viele Symptome zeigen sich deshalb erst dann, wenn das traumatische Ereignis vorbei ist und die emotionale Verarbeitung beginnt. Unter dem Phänomen des posttraumatischen Wachstums versteht man daher die Reaktion von Menschen, die schwere Schicksalsschläge wie Krieg und Folter, lebensbedrohliche Erkrankungen oder den Tod des Lebenspartners erlebt haben und an der Erfahrung nicht zerbrochen sondern gewachsen sind, neue Kraft geschöpft oder einen neuen Sinn im Leben entdeckt haben. Dabei zeigt sich das Paradoxon, dass manche Menschen in der Folge zwar verletzlicher aber stärker werden. Viele Betroffene stellen auch fest, dass sie sich nun selbst viel besser als Mensch annehmen können.

Das Konzept des Posttraumatischen Wachstums geht man davon aus, dass in einer Krise auch eine Chance steckt, aus der man nicht nur intakt, sondern sogar gestärkt hervorgehen kann. Die Idee, dass Traumata Menschen reifen und wachsen lassen, geht auf die klinischen Psychologen Tedeschi & Calhoun (1996) zurück. Sie beobachteten Mitte der Neunzigerjahre bei der Entwicklung eines Fragebogens (Post-traumatic Growth Inventory) bei Psychologiestudierenden, die ein traumatisierendes Ereignis überlebt hatten, etwas Erstaunliches: Die Testpersonen gaben in einem Fragebogen an, dass diese Erlebnisse, ein Todesfall, ein Unfall oder die Scheidung der Eltern, sie nicht nur belastetet hätten, sondern dass sie ihr Leben im Anschluss mehr wertschätzten als zuvor. Sie fühlten sich stärker und spiritueller, ihre soziale Beziehungen hätten sich vertieft, ihre Prioritäten verschoben.

Posttraumatisches Wachstum bezeichnet daher einen positiven psychologischen Wandel, der als Ergebnis der Auseinandersetzung mit ausgesprochen herausfordernden Lebensumständen erlebt wird. Eine ähnliche Perspektive vertritt übrigens auch die Positive Psychologie, denn im Gegensatz zur traditionellen Auffassung der Psychologie, die sich eher auf Defizite und auf Krankheit konzentriert, möchte die Positive Psychologie individuelle Ressourcen für Heilung und Gesundheit in den Fokus rücken.

Die Kritik an diesem Ansatz richtet sich neben dem eher problematischen Fragebogen vor allem auf die Unzuverlässigkeit der menschlichen Wahrnehmung, denn zahlreiche Studien belegen, dass Menschen nicht besonders gut darin sind, ihre eigene Situation objektiv zu beurteilen. Vermutlich hängt die Überzeugung, nach einer Krise persönlich gewachsen zu sein, nur in einem geringen Maß mit einer objektiven Veränderung zusammen, sondern ist möglichweise eine Form der Bewältigung des Traumas und daher eine positive Illusion, denn in belastenden Situationen reagieren viele Menschen bekanntlich oft mit einer optimistisch verzerrten Wahrnehmung.

Widrige Erfahrungen wie Traumata können vermutlich zumindest bei einigen Menschen die psychische Widerstandskraft auf lange Sicht eher stärken, was wohl eher auf nicht zu dramatische traumatische Ereignisse zutrifft. Eine solche Strategie kann daher auch aktiv zur Löschung von Gedächtnisinhalten führen, allerdings muss man sich aber den damit verbundenen Hinweisreizen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen, aktiv aussetzen, denn nur dann können Menschen diese Erinnerungen gezielt abwehren. Traumata können nach Experimenten von Hulbert, Shivde & Anderson (2012) beim Lernen von Assoziationspaaren dazu führen, dass Menschen den Abruf ihrer Gedächtnisinhalte besser steuern lernen.

Forschungstechnische Kritik: Es gibt tausende wissenschaftliche Veröffentlichungen zu diesem Thema, doch trotz dieser großen Anzahl an Untersuchungen steht die Forschung vor dem Dilemma, dass sich Wachstum nach einer Krise niemals endgültig belegen lässt, denn die ProbandInnen der Studien wurden in der Regel nur nach einer persönlichen Krise befragt, aber nie vor Eintritt der Krise. Und diese eine Methode ist eigentlich in der Wissenschaft umstritten, denn bei einer ex post facto-Forschung erfolgt erst rückblickend eine Suche nach den wirksamen Variablen. Der wichtigste Unterschied zwischen streng wissenschaftlicher experimenteller und ex post facto-Forschung liegt nämlich in der Kontrolle der Variablen, denn bei einem Experiment verfügt man über die Möglichkeit der gezielten Variation der Versuchsbedingungen. Bei einem ex post facto-Design muss man die Daten so hinnehmen, wie sie vorliegen. Die Problematik liegt vor allem an der mangelhaften Kontrolle der unabhängigen Variablen. Übrigens sind ein großer Teil erziehungswissenschaftlicher und soziologischer Studien ex post facto-Untersuchungen. Für die Erforschung einer posttraumatischen Veränderung müsste schon vor dem einschneidenden Ereignis Daten darüber zu haben, wie es etwa um die persönlichen Beziehungen stand oder wie das Erleben der eigenen Wirksamkeit nach Außen war. Liegen solche Daten vor, müsste man dann nach dem krisenhafte Ereignis die Betroffenen erneut untersuchen, um die durch die Krise bedingten Veränderungsprozesse zu sehen. Hinzu kommt, dass in den meisten Inventaren zur Erfassung des posttraumatischen Wachstums vorwiegend nach den positiven Effekten der Krise gefragt wird, aber kaum nach den negativen Folgen. Dabei werden natürlich weitere psychologische Mechanismen wirksam, denn es stellt sich die Frage, inwieweit Antwortverzerrungen die Angaben der Menschen beeinflussen, denn wer würde nicht zustimmen, wenn man jemanden danach fragt, ob er sich nach der Krise positiv entwickelt hat?

Siehe dazu Posttraumatic Growth.

Literatur

Hulbert, J. C., Shivde, G., & Anderson, M. C. (2012). Evidence against associative blocking as a cause of cue-independent retrieval-induced forgetting. Experimental Psychology, 59, 11-21.
Tedeschi, R. G. & Calhoun, L. G. (1996). The posttraumatic growth inventory: Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress, 9, 455-471.
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-05/posttraumatisches-wachstum-corona-pandemie-psychologie-krisen (20-05-25)


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