primacy-effect

Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance.

Beim primacy-effect handelt es sich um ein psychologisches Gedächtnisphänomen, das besagt, dass Menschen sich an früher eingehende Information besser erinnern als später eingehende Informationen. Empirisch nachgewiesen wurde dieser Effekt von Solomon Asch (1952) in seinen Experimenten zur Eindrucksbildung. Im Übrigen tritt der primacy-effect in der Regel deutlicher und häufiger auf als der recency-effect, bei dem die zuletzt erhaltenen Informationen besonders gewichtet werden.

Mit dem Primacy-Prinzip bzw. dem Prinzip des ersten Eindrucks wird etwa in der Attributionstheorie erklärt, dass sich bei Menschen eine Tendenz zeigt, die ersten Wahrnehmungen als Basis für die Interpretationen weiterer Ereignisse zu verwenden. Allerdings konnte in anderen Versuchen gezeigt werden, dass der Primacy-Effefkt häufig ausbleibt und sich eher der Recency-Effekt zeigt, wonach die zuletzt aufgeführten Informationen bedeutsamer für die Attribution sind. Nach diesem Prinzip werden die Ursachen vor allem jenen Faktoren zugeschrieben, die eine besondere Aufmerksamkeit in der Wahrnehmung auf sich lenken. Das Auffälligkeitsprinzip ist aber nicht nur von der Stimulus-Konfiguration abhängig, sondern auch von den Erwartungen, Vorauserfahrungen und vor allem von zuvor gerade aktivierten mentalen Interpretationsschemata.

Wie man auf eine fremde Person wirkt, entscheidet sich binnen kürzester Zeit, denn das Gehirn braucht nur Millisekunden, um vom Gegenüber aus der Fülle an Informationen einen ersten Eindruck zu gewinnen. Körpergeruch, Gesichtszüge, Stimme, Wortwahl, Gestik, Kleidung spielen dabei eine Rolle und dieses Urteil hat Bedeutung und Bestand. Sogar der Anblick eines Porträtfotos reicht aus, um dem Betrachter einen nachhaltigen Eindruck über die abgebildete Person zu vermitteln. Diese einmal entstandene Meinung bleibt dabei vorherrschend, selbst wenn man dem Menschen Wochen später persönlich begegnet und mit diesem spricht. Demnach sorgen neue Erfahrungen, die den ersten Eindruck widerlegen, nicht für eine Korrektur des Gesamtbildes von einer Person, sondern es wird nur ein kleiner Teilaspekt angepasst. Evolutionär betrachtet schützt der rasche erste Eindruck vor schlechten Erfahrungen, denn diese Fähigkeit zur spontanen Risikoeinschätzung hilft Menschen, Freund und Feind auseinanderzuhalten und Flucht oder Angriff zu erwägen. Wenn man einem Unbekannten gegenübersteht, werden im Gehirn automatisch Stereotype aktiviert, die von den persönlichen  Lernerfahrungen geprägt sind und bestimmte Emotionen auslösen. Das kann ein Gefühl von Zuneigung, Sympathie, Vertrautheit sein, oder auch ein unangenehmes Gefühl, eine bedrohliche Stimmung, eine unerklärliche Unsicherheit, also Signale für eine mögliche Gefahr, die auffordern, zu diesem Gegenüber auf Abstand zu gehen. Man sollte daher diese negativen Gefühle ernst nehmen, denn sie haben Einfluss darauf, ob und wie man ein Risiko wahrnimmt. Dabei verstärken zwei Effekte die Festigkeit des ersten Eindrucks, einerseits die selbsterfüllende Prophezeiung, d. h., infolge des ersten Eindrucks verhält man sich einem Menschen gegenüber in einer ganz bestimmten Weise, die letztlich diesen Eindruck noch verstärkt. Hinzu kommt der Halo-Effekt als eine Art Systemfehler bei der Urteilsbildung, denn eine bekannte Eigenschaft strahlt auch auf andere Eigenschaften aus.

Was übrigens eine populärwissenschaftliche Interpretation aus dem primacy-effect ableitet, lässt sich einem Presseartikel unter dem Titel „Der frühe Vogel fängt den Wurm – wie Sie den „Primat-Effekt“ nutzen können“ entnehmen:

„Wenn Sie möchten, dass Ihr Chef sich besonders gut und positiv an Ihr gemeinsames Gespräch erinnert, dann wählen Sie am besten einen frühen Morgentermin, möglichst den ersten. In der Psychologie gibt es nämlich ein interessantes Phänomen namens „Primat-Effekt“. „Primus“ bedeutet „Erster“; der Primat-Effekt beruht auf folgender Erkenntnis: Unser Gedächtnis erinnert früher eintreffende Informationen besser als später hinzukommende. Denn bei den frühen Informationen sind noch keine anderen Informationen vorhanden, die das Abspeichern im Gedächtnis beeinflussen oder gar beeinträchtigen könnten. Bevor Ihr Chef also alles durcheinander bringt und Ihre Vorstellungen womöglich mit denen Ihrer Kolleginnen und Kollegen verwechselt, beißen Sie lieber in den sauren Apfel und schälen sich in aller Herrgottsfrühe aus den Federn.“

Übrigens ist dad auch ein Tipp für LehrerInnen: Wenn man seinen SchülerInnen besonders Wichtiges vermitteln will, dann sollte man im Lehrvortrag eine kleine Sprechpause davor machen, denn in Studien wurde festgestellt, dass sich Menschen Worte, die unmittelbar nach einer Pause gesprochen werden, besser merken als Informationen, die mitten in einem Redeschwall sind.

Quelle: Berliner Kurier vom 2. April 2012



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