Einsamkeit

Das Erlernen der Einsamkeit ist eine Kraft und nicht ein Ziel.
Élisabeth Badinter

Einsamkeit bezeichnet die negative Empfindung, von anderen Menschen getrennt zu sein, wobei dieses subjektive Gefühl nicht zwangsläufig mit physischem Alleinsein und tatsächlicher sozialer Isolation zusammenhängen muss. Einsamkeit kann depressiv und auch körperlich krank machen, wobei es Lebensphasen gibt, in denen sich Menschen besonders einsam fühlen. Auf dem Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie stellten Experten 2013 aktuelle Zahlen zur Einsamkeit bei Männern und Frauen im Alter vor und diskutierten Folgen und Risikofaktoren von Einsamkeit. Von den über 65-Jährigen leben nach Untersuchungen die Hälfte aller Frauen und jeder fünfte Mann allein, wobei Männer und Frauen gleichermaßen von Einsamkeit betroffen sind.

Kurzfristig ist Einsamkeit evolutionär durchaus sinnvoll, denn sie bringt den Menschen dazu, die eigenen Bedürfnisse stärker wahrzunehmen und motiviert, Sozialkontakte zu pflegen. Jemand, der alleine lebt, muss daher nicht zwingend einsam sein, denn viele Singles lieben ihre Ungebundenheit, wobei man sich im übrigen auch mit vielen Menschen um sich herum chronisch einsam fühlen kann, wenn die echte gegenseitige Ansprache fehlt. In einer Studie von Cacioppo et al. (2017) zeigte sich, dass Menschen nach einem Jahr der Einsamkeit mehr Selbstbezogenheit zeigen, wobei sich diese Selbstbezogenheit durchaus auch als Indikator für Einsamkeit erwies.

Einsamkeit ist in der späteren Lebensphase von Erwachsenen relativ gut untersucht, auch weil Altwerden häufig zusammenfällt mit Änderungen im sozialen Umfeld, zum Beispiel das Alleinleben, wenn ein Partner nicht oder nicht mehr vorhanden ist, wenn auch einer Erwerbstätigkeit nicht mehr nachgegangen wird und damit potentielle soziale Kontakte entfallen. Aber auch körperliche Beeinträchtigungen können dazu führen, dass Menschen weniger sozial aktiv sind, also auch nicht mehr so oft aus dem Haus gehen können, auch wenn sie das vielleicht möchten. Gesundheitliche Einschränkungen, abnehmende Mobilität, Partnerverlust sind demnach Risikofaktoren, die eine Vereinsamung begünstigen und die im hohen Alter verstärkt auftreten.

Psychologen unterscheiden in der Regel zwei Formen der Einsamkeit: Die emotionale Einsamkeit, wenn ein Vertrauter fehlt, ein Partner, mit dem man sich verbunden fühlt, und die soziale Einsamkeit, wenn es den Betroffenen grundsätzlich an sozialen Beziehungen mangelt, an Unterstützung durch FreundInnen, Nachbarn oder KollegInnen. Übrigens erleben Verwitwete häufiger als Verheiratete eine die Psyche belastende emotionale Einsamkeit, jedoch seltener soziale Einsamkeit. Die Einsamkeit erfüllt auch eine wichtige Funktion, denn so wie Hunger ist sie ein Signal, dass man den Kontakt zu anderen verliert. In der Evolution war es für jedes Individuum wichtig zum Überleben, die Verbindung zur Gruppe zu erhalten, denn Isolation konnte letal sein. Erst in der Gruppe konnte man sich zu behaupten und die eigenen Gene weitergeben.

Einsamkeit ist nach Untersuchungen zunächst vor allem ein Phänomen des hohen Alters, denn viele Menschen ab achtzig Jahren beschreiben sich als besonders einsam. Diese Einsamkeit des Alters ist wesentlich durch das Fehlen eines Partners, seltenere Sozialkontakte, geringeres Einkommen sowie gesundheitliche Einschränkungen bestimmt. Doch gibt es auch im jungen und mittleren Erwachsenenalter Lebensphasen, in denen Einsamkeit stark ausgeprägt war, etwa in den frühen Dreißigern sowie in den Fünfzigern. Es gibt nach deutschen Untersuchungen einen enormen Anstieg vor allem ab 75 oder 80 Jahren, was ganz dem Klischee entspricht, das viele von alten Menschen haben. Man denkt dann etwa an die alte Frau, die den ganzen Tag am Fenster sitzt und auf die Straße schaut und sonst keine Kontakte hat. Dieses Bild trifft also anscheinend ein Stück weit zu, es ist tatsächlich so, dass sehr alte Menschen, also etwa ab 75, 80 Jahren, zu denjenigen gehören, die am einsamsten sind.

Nach Luhmann gibt es allerdings auch in ganz bestimmten mittleren Lebensphasen (um die 30 herum) das Gefühl der Einsamkeit, wobei die etwa 30-jährigen sehr viel einsamer sind im Durchschnitt als diejenigen, die etwas jünger oder etwas älter waren. Allerdings gibt es keine eindeutigen Faktoren wie gesundheitliche Einschränkungen soziale Kontakte, Anzahl der Freunde, Einkommen oder Bildung, die dieses Phänomen erklären können. Um das 30. Lebensjahr herum ereignen sich bei vielen Menschen bedeutende Umbrüche in ihren sozialen Beziehungen, wenn etwa Kinder geboren werden, so führt dies nicht selten dazu, dass man sich von den Freunden ein Stück weit entfremdet, die ein anderes Leben führen, die weiterhin abends lange ausgehen, während man selber sich zu Hause um den Nachwuchs kümmert

Risikofaktoren für Einsamkeit sind generell nach neuesten Untersuchungen ein niedriges Einkommen, gesundheitliche Einschränkungen und eine geringe Häufigkeit sozialer Kontakte.

Siehe auch das Empty-Nest-Syndrom.

Literatur

Cacioppo, John T., Chen, Hsi Yuan & Cacioppo, Stephanie (2017). Reciprocal Influences Between Loneliness and Self-Centeredness: A Cross-Lagged Panel Analysis in a Population-Based Sample of African American, Hispanic, and Caucasian Adults. Personality and Social Psychology Bulletin, doi: 10.1177/0146167217705120.
Luhmann, M. & Hawkley, L.C. (2016). Age differences in loneliness from late adolescence to oldest old age. Developmental Psychology, 52, 943-959.
Steptoe, A., Shankar, A., Demakakos, P. & Wardle, J. (2013). Social isolation, loneliness, and all-cause mortality in older men and women. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, , doi:10.1073/pnas.1219686110.
http://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/risikofaktor-einsamkeit/ (15-11-21)





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