selektive Wahrnehmung

Das Auge sieht nur, was der Geist bereit ist, zu begreifen.
Henri-Louis Bergson

Die selektive Wahrnehmung ist jenes psychologische Phänomen, dass bei der Wahrnehmung nur bestimmte Aspekte der Umwelt aufgenommen und andere ausgeblendet werden. Selektive Wahrnehmung kann durch Priming, Framing oder vergleichbare Effekte hervorgerufen werden. Selektive Wahrnehmung beruht grundsätzlich auf der Fähigkeit, Muster zu erkennen, einem grundlegenden Mechanismus des menschlichen Gehirns. Das Gehirn ist ständig auf der Suche nach Mustern, um neue Informationen in bereits vorhandene besser eingliedern zu können. Dabei ist die selektive Wahrnehmung die eine unbewusste Suche nach einem bestimmten Muster. Dies ist erforderlich, um die Fülle an Informationen überhaupt bewältigen zu können. Argumente, die die eigene Position stützen, werden dabei meist stärker wahrgenommen als solche, die sie beschädigen. Umwelten, die es Menschen nicht möglich machen, darin Muster zu erkennen, führen in der Regel zu einer großen Irritation bzw. auch dazu, dass das Gehirn beginnt, Muster auf diese Umwelt zu projizieren, die dann wenig bis nichts mit einer objektiven Betrachtung zu tun haben.

Während des Wahrnehmungsaktes laufen zwei steuernde Prozesse ab: Selektion und Inferenz. Durch die Selektion wird nur ein kleiner Teil des gesamten Reizspektrums erfasst und verarbeitet, d.h., bei der Personenwahrnehmung werden nicht alle Verhaltensweisen eines Menschen in die Bewertung miteinbezogen. Die Inferenz bedeutet in diesem Beispiel, dass man über die tatsächlich gegebene Information hinausgeht und unbewusst Schlüsse auf weitere nicht beobachtbare oder nicht beobachtete Eigenschaften einer Person zieht, etwa aus dem Gesichtsausdruck wird auf Stimmungen oder Persönlichkeitseigenschaften geschlossen.

Jeder Mensch nimmt die Welt auf eine ganz subjektive und individuelle Weise wahr, d. h., stets in Ausschnitten, Verzerrungen, Verkleinerungen, Vergrößerungen usw., und erst durch eine Interpretation dieses Ausschnitts werden die Daten der Umwelt zu Informationen. Basis für die selektive Wahrnehmung ist die Fähigkeit, Muster zu erkennen bzw. die ständige meist unbewusste Suche nach Mustern, denn nur mit Hilfe dieser Muster ist das Gehirn überhaupt in der Lage, neue Informationen über die Umwelt in die bereits vorhandenen einzugliedern, d. h., die auf jeden Menschen einstürmende Informationsflut zu bewältigen. Man weiß, dass em ehesten werden Muster wahrgenommen werden, deren Komplexität irgendwo in der Mitte zwischen perfekter Symmetrie und absolut strukturlosem Rauschen liegt. Die Auswahl der wahrgenommenen Sinneseindrücke wird von verschiedenen Filtern beeinflusst, in denen Erfahrungen, Erwartungen, Einstellungen und Interessen eine bedeutende Rolle spielen. Vor allem Erziehung und die Erfahrungen in Familie und Schule prägen Vorstellungen und Werte, das Verhalten und somit auch die Denk- und Wahrnehmungsweise. Alles erscheint im Alltag selbstverständlich, so dass es gar nicht mehr bewusst wird. Die gesellschaftliche Umwelt prägt zusätzlich Überzeugungen, Ideologien, Vorurteile, Ziele oder Interessen. Auch Erwartungen spielen bei der selektiven Wahrnehmung eine große Rolle, denn sie wirken dabei wie Schablonen. Emotionen sind einer der zentralen Beeinflussungsfaktoren im Wahrnehmungsprozess, denn so beurteilt man etwa Handlungen von sympathischen Personen viel positiver als von unsympathischen. Starke Gefühle wie Angst oder Nervosität können dabei funktional im Sinne einer Sinnesschärfung oder im Sinne einer Wahrnehmungsverzerrung wirken. Hinzu kommen individuelle Unterschiede, wobei grundsätzlich Argumente, die den eigenen Standpunkt unterstützen, eher wahrgenommen werden, als jene, die diesem entgegenstehen. Selektive Wahrnehmung orientiert sich immer an dem bewussten oder unbewussten Zielen der handelnden Person, d. h., man richtet die Wahrnehmung immer auf Reize, die der Erreichung von Zielen dienen. Wenn man sich aber nur auf eine Sache konzentriert, desto leichter entgehen der Aufmerksamkeit andere Ereignisse der Umgebung, die ebenfalls von Bedeutung sein können. Die Wahrnehmung hängt letztlich in hohem Maße auch vom jeweiligen Kontext bzw. der Situation ab, wobei die Beschaffenheit eines Raumes ebenso hat Auswirkungen wie Alter und Geschlecht eines Gesprächspartners.

Frau-Fenster-KatzeDie Auswahl der wahrgenommenen Aspekte in einer konkreten Situation ist somit von zahlreichen Faktoren abhängig, wobei neben der Aufmerksamkeit, der Erwartung auch die Motivation sowie die individuelle Erfahrung eine wichtige Rolle spielen. Daneben wird die Auswahl von Wünschen, Bedürfnissen und Strebungen beeinflusst. Auch die in der Erziehung vermittelten Normen einer Person, weiters die Medien und die persönliche Lernerfahrungen, wirken an der Auswahl mit. Wahrgenommen werden hauptsächlich jene Inhalte, die in das Einstellungssystem passen, wodurch eine Verzerrung der Wahrnehmung entstehen kann (Vorurteile, Klischees).

Bei  Menschen beeinflussen vor allem die visuellen Wahrnehmungen die übergeordneten Areale der Gefühle, Erinnerungen und Erwartungen, d. h., sie lenken die Blicke, ohne dass es bewusst wird. Eine Frau, die gerade ein Kind erwartet, wird in einer Menschenmenge ungewöhnlich viele Kinderwagen entdecken, obwohl deren Zahl vom Normalwert gar nicht abweicht. Das Gehirn filtert und zeigt offensichtlich den Menschen die Welt, wie sie gerade zu ihnen passt. Hinzu kommt, dass auch die Gehirnarchitektur die Wahrnehmung mitbestimmt, was man am Phänomen der Scheinbewegung erkennen kann.

Reber et al. (2017) haben den Prozess der Selektion in bewusste und nicht bewusste Wahrnehmung bei Epilepsiepatienten im Detail untersucht, da diese im Gehirn implantierte Elektroden trugen, die man zur experimentellen Auswertung nutzen konnte. Zeigt man Menschen nacheinander zwei Bilder, nehmen diese das zweite nur dann bewusst wahr, wenn der zeitliche Abstand zum ersten lang genug ist. Man hat in diesem Experiment den zeitlichen Abstand zwischen den beiden gesuchten Bildern variiert, und es zeigte sich, dass wenn die gesuchten Bilder knapp hintereinander erschienen, die Hälfte der Teilnehmer nur das erste Bild bewusst wahrnahm. Wenn ein Bild auf die Netzhaut fällt, leitet der Sehnerv die dazu gehörigen Reize zunächst an die Hinterseite des Schädels zum visuellen Cortex, dem primären Sehzentrum. Dort verzweigt sich das Signal, wobei ein Teil durch den Schläfenlappen zurück Richtung Stirn läuft. Im hinteren Bereich des Schläfenlappens, also dem, der früher in der Verarbeitungskette liegt, gab es kaum Unterschiede zwischen bewusst und unbewusst verarbeiteten Bildern, sondern die Aufspaltung in bewusst und unbewusst passiert erst danach, und zwar auf dem Weg des Impuses in die vorderen Areale des Schläfenlappens, wobei die Impulse bei unbewussten Bildern mit einer immer größeren Zeitverzögerung erfolgten und auch immer schwächer wurden.

Literatur

Reber, T. P., Faber, ., Niediek, J., Boström, J., Elger, C. E. & Mormann, F. (2017). Single-Neuron Correlates of Conscious Perception in the Human Medial Temporal Lobe. Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2017.08.025.
http://de.wikipedia.org/wiki/Selektive_Wahrnehmung (10-06-08)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPSYCHOLOGIE/PsychologiePersonen.shtml (07-11-21)
http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/169982/index.html (14-02-07)





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