Ein Belohnungsaufschub bezeichnet in der Lernpsychologie die Fähigkeit, auf eine zeitnahe aber verfügbare Belohnung zugunsten einer zeitlich entfernteren Belohnung zu verzichten. In Experimenten zum Belohnungsaufschub werden meist Kinder vor die Wahl gestellt, entweder ein kleineres Geschenk sofort oder ein Größeres später zu bekommen. Nach Auffassung der Psychologie ist Belohnungsaufschub erlernbar, kaum abhängig von Persönlichkeitsmerkmalen wie Ichstärke oder Willensstärke.
Seit den Marshmallow-Tests des Psychologen Walter Mischel, in denen Kinder die Wahl zwischen einer sofortigen oder einer späteren, größeren Belohnung hatten, gilt der sogenannte Belohnungsaufschub als zentrale Kompetenz für ein gelingendes Leben. Die spätere Lebensentwicklung der Versuchskinder bestätigte dies eindrucksvoll: Wer früh Selbstkontrolle zeigte, war im Erwachsenenalter gesünder, erfolgreicher und zufriedener. Aktuelle Forschung knüpft an diese Erkenntnisse an und erweitert sie um eine globale Perspektive. In einer breit angelegten Studie untersuchte WÄ™ziak-BiaÅ‚owolska et al. (2025) die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub in 22 Ländern anhand von Daten der Global Flourishing Study (GFS). An der Untersuchung nahmen mehr als 200.000 Menschen teil, die ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle auf einer Skala von 0 bis 10 selbst einschätzten. Die Ergebnisse offenbaren signifikante kulturelle Unterschiede: Während Länder wie die Philippinen, Indonesien, Kenia und Mexiko Durchschnittswerte von über acht erreichten, lagen westliche Länder wie Deutschland, Großbritannien oder Schweden mit Werten unter sieben im Mittelfeld. Man führt diese Unterschiede unter anderem auf kulturelle Werte zurück, d. h., dass Gesellschaften mit kollektivistischen Orientierungen – in denen Konformität, Gemeinschaft und Gehorsam eine größere Rolle spielen – scheinen die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub stärker zu fördern als individualistisch geprägte Gesellschaften des Westens. Religiosität zeigte sich ebenfalls als förderlicher Faktor, denn Menschen, die regelmäßig religiöse Zeremonien in ihrer Kindheit besuchten, wiesen im Erwachsenenalter häufiger eine ausgeprägte Selbstkontrolle auf. Ein weiterer bedeutsamer Prädiktor war die Beziehung zum Vater, denn ein gutes Verhältnis zum Vater in der Kindheit korrelierte deutlich mit höherer Selbstdisziplin im späteren Leben, und zwar stärker noch als das Verhältnis zur Mutter. Auch subjektive Gesundheit und finanzielle Lage in der Kindheit wirkten sich positiv auf die Fähigkeit aus, Belohnungen aufzuschieben, wobei sich diese Zusammenhänge über Kulturen hinweg relativ stabil zeigten, auch wenn es länderspezifische Abweichungen gab. Selbstkontrolle ist somit nicht nur eine persönliche Stärke, sondern auch ein gesellschaftliches Gut, denn sie beeinflusst das Bildungssystem, die Arbeitswelt, das Gesundheitssystem und nicht zuletzt das soziale Miteinander, sodass Maßnahmen zur Förderung dieser Fähigkeit – etwa durch stärkere elterliche Bindung, gesundes Aufwachsen und Werteerziehung – langfristig positive Effekte auf die Lebensführung und gesellschaftliche Resilienz haben könnten.
Literatur
Weziak-Bialowolska, D., Bialowolski, P., Cowden, R. G., Jang, S. J., Bradshaw, M., Padgett, R. N., Johnson, B. R., & VanderWeele, T. J. (2025). Delayed gratification across 22 countries: A cross-national analysis of demographic variation and childhood predictors. Journal of Research in Personality, 117, doi:10.1016/j.jrp.2025.104627
Stangl, W. (2025, 18. Juli). Kulturelle Unterschiede im Belohnungsaufschub: Selbstkontrolle als Schlüssel zum Lebenserfolg. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/5962/kulturelle-unterschiede-im-belohnungsaufschub-selbstkontrolle-als-schluessel-zum-lebenserfolg.