Katastrophendenken

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Katastrophendenken – auch Katastrophisieren oder catastrophizing – beschreibt in der klinischen Psychologie und der Kognitiven Verhaltenstherapie eine weit verbreitete kognitive Verzerrung, bei der Betroffene systematisch davon ausgehen, dass das schlimmstmögliche Szenario eintritt oder eine eingetretene Situation weitaus gravierendere Konsequenzen haben wird, als es objektiv und realistisch zu erwarten ist. Geprägt wurde der Begriff maßgeblich durch den Begründer der kognitiven Therapie, Aaron T. Beck, sowie im therapeutischen Kontext des Schmerzmanagements durch Albert Ellis. Es handelt sich hierbei nicht um eine bloße, bewusste Sorge, sondern um ein tief verwurzeltes, oft automatisiertes und unbewusst ablaufendes Denkmuster, wobei die Wahrscheinlichkeit eines extrem negativen Ausgangs einer Situation dramatisch überschätzt wird, während gleichzeitig die eigenen Bewältigungskapazitäten (Coping-Strategien) als völlig unzureichend wahrgenommen werden.

Psychologisch eng verwandt ist das Katastrophendenken mit dem Phänomen des Negativismus. Nach Stangl (2026) bezeichnet Negativismus in einem weiten Sinne eine grundlegend ablehnende, pessimistische oder widerstrebende Haltung gegenüber äußeren Anforderungen, Vorschlägen oder allgemein der Umwelt. Während ein allgemeiner Negativismus oft die Form eines passiven oder aktiven Widerstands sowie einer habituellen Abwertung positiver Aspekte der Realität annimmt, stellt das Katastrophendenken die kognitiv-antizipatorische Ausformung dieser pessimistischen Geisteshaltung dar: Es ist die proaktive, angstgesteuerte gedankliche Konstruktion des schlimmstmöglichen Untergangsszenarios. Beide Konzepte teilen das Kernmerkmal einer selektiven und verzerrten Informationsverarbeitung, bei der neutrale oder gar positive Reize konsequent ausgeblendet und potenzielle Gefahren oder Misserfolge übermäßig fokussiert, dramatisiert und unzulässig verallgemeinert werden.

Typische Beispiele für Katastrophendenken finden sich in fast allen Lebensbereichen und äußern sich meist in Form von „Wenn-dann-Kaskaden“. Im beruflichen Kontext führt etwa ein kleiner, korrigierbarer Fehler in einem Bericht zu der gedanklichen Kette: „Mein Chef wird mich für vollkommen inkompetent halten, ich werde fristlos entlassen, finde nie wieder eine Anstellung, werde obdachlos und meine Familie verlässt mich.“ Im medizinischen oder hypochondrischen Bereich wird ein leichtes, vorübergehendes Stechen in der Brust augenblicklich als unumstößliches Zeichen für einen unmittelbar bevorstehenden, tödlichen Herzinfarkt interpretiert (somatosensorische Verstärkung). Auch im zwischenmenschlichen Bereich zeigt sich diese Verzerrung deutlich: Wenn ein Partner nicht sofort auf eine Textnachricht antwortet, wird dies nicht mit alltäglichen Erklärungen wie einem leeren Akku oder einer Beschäftigung begründet, sondern mündet in der Überzeugung: „Er liebt mich nicht mehr, betrügt mich und wird sich heute noch trennen.“

Aus neurobiologischer und evolutionärer Sicht lässt sich das Katastrophendenken als eine Dysregulation des ursprünglichen menschlichen Überlebensmechanismus verstehen. In der Entwicklungsgeschichte des Menschen war es überlebenswichtig, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen, um Gefahren rechtzeitig auszuweichen („Better safe than sorry“). In der modernen Gesellschaft führt dieser hypersensible Alarmmodus der Amygdala jedoch zu einer chronischen Aktivierung des vegetativen Nervensystems, was die Entstehung von Angststörungen, Panikattacken, Depressionen sowie eine massiv verstärkte Schmerzwahrnehmung begünstigt. Das Individuum verbleibt in einem Zustand permanenter kognitiver und emotionaler Überforderung, da das Gehirn die bloß vorgestellten Katastrophen physiologisch so verarbeitet, als würden sie real und im gegenwärtigen Moment stattfinden. Eine therapeutische Intervention in der Kognitiven Verhaltenstherapie zielt daher primär auf die kognitive Umstrukturierung ab, indem diese automatischen Gedanken identifiziert, im Rahmen des Sokratischen Dialogs auf ihren Realitätsgehalt geprüft und durch funktionale, realistischere Perspektiven ersetzt werden.

Literatur

Beck, A. T. (2013). Kognitive Therapie der Depression . Psychologie Verlagsunion.
Ellis, A., & Harper, R. A. (2019). Therapie unter dem Suchtlicht: Rational-Emotive Verhaltenstherapie in der Praxis. Beltz.
Margraf, J., & Schneider, S. (Hrsg.). (2018). Lehrbuch der Verhaltenstherapie: Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren, Rahmenbedingungen (4. Aufl.). Springer.
Stangl, W. (2020, 13. Juli). Negativismus. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik. [https://lexikon.stangl.eu/20327/negativismus](https://lexikon.stangl.eu/20327/negativismus)
Sullivan, M. J., Bishop, S. R., & Pivik, J. (1995). The Pain Catastrophizing Scale: Development and validation. Psychological Assessment, 7(4), 524–532.


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