Das Szenariokonstruktionsmodell beschreibt das episodische Gedächtnis nicht als ein statisches Speichermedium, sondern als einen hochdynamischen, konstruktiven Prozess. Entgegen der seit der Antike vorherrschenden Metapher des Gedächtnisses als „Wachstafel“ oder moderner „Festplatte“, auf der Erfahrungen eins zu eins abgelegt und bei Bedarf unverändert abgerufen werden, postuliert dieses Modell, dass jede Erinnerung im Moment des Abrufs neu erschaffen wird.
Dieser theoretische Rahmen, der maßgeblich aus der interdisziplinären Zusammenarbeit von Neuroinformatik und Philosophie hervorgegangen ist, bricht mit der klassischen Kausaltheorie des Erinnerns, wie sie etwa von Martin und Deutscher (1966) formuliert wurde. Während die klassische Sichtweise eine direkte kausale Kette zwischen einem vergangenen Ereignis und der heutigen Erinnerung via einer stabilen Gedächtnisspur voraussetzt, versteht das Szenariokonstruktionsmodell die Erinnerung als eine Synthese aus verschiedenen Informationsquellen.
Den Kern des Modells bildet die Annahme, dass eine episodische Erinnerung stets die Konstruktion eines Szenarios darstellt, welches aus zwei Hauptkomponenten gespeist wird: fragmentarischen episodischen Spuren und semantischen Informationen. Die episodischen Spuren sind minimale neuronale Fragmente spezifischer Erfahrungen, die im Hippocampus verortet werden. Da diese Spuren jedoch unvollständig und oft volatil sind, greift das Gehirn auf semantische Informationen aus dem Neocortex zurück, um die Lücken zu füllen. Hierbei handelt es sich um generisches Weltwissen, statistische Wahrscheinlichkeiten und schematische Erwartungen darüber, wie die Welt üblicherweise funktioniert.
Ein anschauliches Beispiel für diesen Prozess liefern Virtual-Reality-Experimente, in denen Probanden eine Wohnung besichtigen, in der sich ein untypisches Objekt an einem ungewöhnlichen Ort befindet, wie etwa ein Toaster im Badezimmer. Erinnern sich Personen später falsch an den Ort des Toasters, geschieht dies meist zugunsten der Küche – also des Ortes, der aufgrund semantischen Wissens am wahrscheinlichsten erscheint. Dieser Mechanismus erklärt auch die Entstehung von „False Memories“ (Falscherinnerungen). Ein Individuum kann beispielsweise felsenfest davon überzeugt sein, eine Geschichte selbst erlebt zu haben, obwohl es diese lediglich in einem Buch gelesen oder erzählt bekommen hat. Das Gehirn integriert die gelesene Information in ein plausibles Selbst-Szenario, wodurch die Grenze zwischen Imagination und authentischem Erleben verschwimmt.
Solche Phänomene finden sich auch in der Kunstgeschichte wieder, etwa bei der Diskussion, ob Vincent van Gogh kompositorische Elemente von Hokusai unbewusst in seine Werke übernahm (Kryptomnesie), oder in der Forensik, wenn Zeugen unter Stress einen Baseballschläger als Pistole erinnern, weil eine Schusswaffe in einem Überfallszenario statistisch „wahrscheinlicher“ erscheint.
Das Modell hebt zudem hervor, dass die Gewichtung zwischen episodischen Fragmenten und semantischer Konstruktion variiert: Während jüngere Menschen häufiger auf detaillierte episodische Spuren zugreifen, neigen ältere Menschen oder Personen unter erheblichem Stress dazu, verstärkt auf semantische Muster und Wahrscheinlichkeiten zurückzugreifen, um Szenarien zu vervollständigen. Erinnern ist somit kein passives Abrufen einer Datei, sondern ein aktiver, schöpferischer Akt der Szenariokonstruktion, der durch aktuelles Wissen, Erwartungen und den physiologischen Zustand des Individuums beeinflusst wird (Cheng & Werning, 2016).
Literatur
Cheng, S., & Werning, M. (2016). What is episodic memory if it is a constructive process? Synthese, 193(5), 1345–1385.
Martin, C. B., & Deutscher, M. (1966). Remembering. The Philosophical Review, 75(2), 161–196.