Idiolektik

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Die Idiolektik (vom griechischen idios für „eigen“ und legein für „sprechen“) bezeichnet ein ressourcenorientiertes und phänomenologisches Verfahren der Gesprächsführung, das die individuelle „Eigensprache“ (den Idiolekt) eines Menschen ins Zentrum rückt. Begründet wurde die Methode in den 1970er Jahren von dem amerikanischen Arzt Dr. A. David Jonas, der eine Form der Kommunikation anstrebte, welche die innere Weisheit und Autonomie des Sprechenden respektiert. Nach seinem Tod im Jahr 1985 verbreitete sich der Ansatz, maßgeblich gefördert durch die im selben Jahr gegründete Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung (GIG), vor allem im deutschsprachigen Raum.

Die Idiolektik basiert auf der Erkenntnis, dass jedes Individuum Worte auf eine Weise gebraucht, die durch die eigene Biografie, Emotionen und körperliche Wahrnehmungen geprägt ist, wodurch die subjektive Bedeutung oft weit über die allgemeine Definition hinausgeht. In der psychologischen Praxis bedeutet dies, dass der Beratende eine „Haltung des Nicht-Wissens“ einnimmt und darauf verzichtet, Äußerungen aus dem eigenen Bezugssystem heraus zu interpretieren oder zu bewerten. Stattdessen folgt das Verfahren dem Prinzip der minimalen Intervention, bei dem durch kurze, offene Fragen jene „Schlüsselwörter“ aufgegriffen werden, die für den Klienten eine besondere emotionale Ladung besitzen. Ein klassisches Beispiel für diese Vorgehensweise zeigt sich, wenn ein Gesprächspartner eine Situation als „erdrückend“ beschreibt: Ein idiolektisch geschulter Zuhörer würde nicht nach dem „Warum“ fragen oder Ratschläge zur Entlastung geben, sondern die Eigensprache aufgreifen und fragen: „Was genau ist es, das da auf Sie drückt?“ oder „Wo genau spüren Sie dieses Drücken?“. Solche Fragen eröffnen einen Raum für Selbstreflexion und ermöglichen es dem Sprechenden, eigene Lösungen aus dem Erleben heraus zu entwickeln.

Aktuell erlebt die Idiolektik eine Renaissance und wird zunehmend als Alltagskompetenz jenseits von Therapie und Coaching entdeckt, und kommt verstärkt in der Pädagogik, Pflege, Seelsorge sowie im Management zum Einsatz. In einer Zeit digitaler Schnelllebigkeit und oberflächlicher Kommunikation fungiert die Idiolektik als Gegenbewegung, die auf Verlangsamung, Vertiefung und echte Begegnung setzt. In Partnerschaften hilft sie, Missverständnisse zu entschärfen, indem sie zum wertschätzenden Nachfragen statt zum Interpretieren einlädt, während sie im beruflichen Kontext, etwa in Mitarbeitergesprächen, eine konstruktive Atmosphäre fördert, in der sich das Gegenüber in seiner Individualität ernst genommen fühlt.

Die Methode verknüpft dabei Elemente der Klientenzentrierten Psychotherapie nach Carl Rogers mit der Hypnotherapie nach Milton H. Erickson und modernen Achtsamkeitskonzepten. Ziel ist es, den „inneren Garten“ des Gegenübers mit Respekt und Neugier zu betreten, ohne die dortigen Strukturen eigenmächtig umzugestalten, was die Idiolektik zu einer besonders wertschätzenden Form der Kommunikation macht, die in einer zunehmend komplexen Welt emotionale Entlastung und Klarheit bietet.

Literatur

Bindernagel, J. (2012). Idiolektik: Das Handbuch der Eigensprache in Beratung und Therapie. Klett-Cotta.
Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung [GIG]. (2023). Geschichte und Verbreitung der idiolektischen Methode. GIG Eigenverlag.
Jonas, A. D., & Jonas, D. F. (1979). Idiolektik: Die Sprache des Einzelnen. Springer.
Kriz, J. (2014). Grundkonzepte der Psychotherapie (7. Aufl.). Psychologie Verlags Union.
Winkler, H.-J. (2001). Einführung in die Idiolektik: Die Kunst der präzisen Aufmerksamkeit. Carl-Auer-Systeme.
Würstlin, P. (2018). Idiolektik: Die Kraft der Eigensprache in der Coaching-Praxis. Junfermann Verlag.


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