Risikokompetenz – risk literacy, risk savvy – bezeichnet die Fähigkeit von Menschen, informiert, kritisch und reflektiert mit bekannten und unbekannten Risiken in den verschiedensten Bereichen der modernen Welt umzugehen. Zu den einzelnen Kompetenzen zählen etwa statistisches Denken, heuristisches Denken, Systemwissen und vor allem psychologisches Wissen. Dieses psychologische Wissen bezieht sich auf jene inneren Faktoren, die das Risikoverhalten beeinflussen, also individuelle Eigenschaften wie risikosuchend oder risikoscheu, aber auch auf Auslöser von Angst und Vermeidungsverhalten wie etwa Schockrisiken (Flugzeugabstürze, Katastrophen), die bei vielen Menschen schnell große Angst auslösen, obwohl viel mehr Menschen etwa durch das Rauchen oder im Straßenverkehr sterben.
In der psychologischen Forschung im Bereich der Entscheidungsfindung unter Unsicherheit beschreibt Risikokompetenz (oft auch als Risikointelligenz bezeichnet) die Fähigkeit, Informationen über Risiken und Wahrscheinlichkeiten korrekt zu verstehen, kritisch zu bewerten und dieses Wissen in effektives Handeln umzusetzen. Der Begriff, der maßgeblich durch den Psychologen Gerd Gigerenzer geprägt wurde, grenzt sich deutlich vom Konzept des „Nudging“ ab. Während das Nudging davon ausgeht, dass Menschen aufgrund kognitiver Defizite und systematischer Denkfehler (ähnlich optischen Täuschungen) durch externe Autoritäten sanft gelenkt werden müssen, postuliert die Forschung zur Risikokompetenz, dass statistisches Denken eine erlernbare Kulturtechnik wie das Lesen oder Schreiben ist. Fehlentscheidungen in komplexen Situationen werden hierbei nicht primär auf mangelnde Intelligenz zurückgeführt, sondern auf eine unzureichende Vermittlung von Fakten und eine oft irreführende Repräsentation von Daten.
Ein zentrales Hindernis für die Risikokompetenz ist die Verwendung von relativen Risiken. Ein klassisches Beispiel aus der medizinischen Praxis ist die „Pillenpanik“ von 1995: Die Information, dass die Antibabypille der dritten Generation das Risiko für Thromboembolien um 100 % erhöhe, führte zu massiver Verunsicherung und zahlreichen Schwangerschaftsabbrüchen. Risikokompetente Individuen hinterfragen in solchen Fällen die Basiswerte: Ein Anstieg um 100 % bedeutete hier lediglich, dass die Zahl der Fälle von 1 auf 2 pro 7.000 Frauen stieg – eine absolute Risikozunahme von nur 1 zu 7.000. Um solche Missverständnisse zu vermeiden, wird der Einsatz natürlicher Häufigkeiten empfohlen. Anstatt von bedingten Wahrscheinlichkeiten (z. B. „Die Sensitivität eines Tests liegt bei 99 %“) zu sprechen, sollten Daten in absoluten Zahlen (z. B. „1 von 100 Personen ist infiziert; von diesen testet eine Person positiv“) dargestellt werden. Dies vereinfacht die Anwendung des Bayes-Theorems erheblich und ermöglicht es beispielsweise Ärzten oder Richtern, die tatsächliche Aussagekraft eines positiven Testergebnisses (z. B. bei HIV- oder DNA-Tests) korrekt einzuschätzen.
Risikokompetenz ist in hohem Maße erlernbar. Risikokompetente Menschen wissen demnach, was sie sich selber zutrauen können, ohne sich und andere zu gefährden, sie erkennen, wann sie eine Aktivität abbrechen oder gezielt Hilfe holen müssen. Risikokompetenz setzt sich aus dem Gefahrenbewusstsein und der Fähigkeit zur Selbststeuerung zusammen, wobei das Gefahrenbewusstsein die Fähigkeit beschreibt, Gefahren wahrzunehmen und diese angemessen zu beurteilen. Diese Fähigkeit entwickelt sich bei Kindern in der Regel in zwei Stufen: Mit dem akuten Gefahrenbewusstsein nimmt das Kind die Gefahr einer Situation erst wahr, wenn es sich bereits mittendrin befindet, während das vorausschauende Gefahrenbewusstsein hilft, potenzielle Gefahren einer Situation bereits im Vorfeld wahrzunehmen. Ist für ein Kind eine Situation vertraut, fällt das Erkennen und Beurteilen von Gefahren leichter als in unbekannten oder komplexen Situationen. Mit der Selbststeuerungsfähigkeit gelingt es Kindern mit der Zeit, Gefahren angemessen zu begegnen und ihr Verhalten anzupassen, d. h., mit zunehmender Erfahrung haben Kinder und Jugendliche immer mehr Handlungsalternativen zur Verfügung. Verschiedene Faktoren können den sicheren Umgang mit Gefahren aber beeinträchtigen, etwa der Druck von außen in Form eines Gruppendrucks, entgegengesetzten inneren Motiven wie Lustprinzip vs Bequemlichkeit oder auch Ablenkung.
Neben der statistischen Darstellung umfasst Risikokompetenz die Nutzung von effizienten Entscheidungsbäumen („fast-and-frugal trees“). Diese Heuristiken ermöglichen es, unter Zeitdruck und bei begrenzten Informationen fundierte Entscheidungen zu treffen, indem sie wenige, aber hochrelevante Prädiktoren in einer festen Reihenfolge abfragen. In der Notfallmedizin helfen solche Bäume beispielsweise dabei, Patienten mit Brustschmerzen schneller und treffsicherer der Intensivstation oder einem normalen Bett zuzuweisen als komplexe statistische Modelle oder rein intuitive Einschätzungen. Die Vermittlung dieser Kompetenz sollte bereits in der Grundschule beginnen, da selbst junge Kinder Wahrscheinlichkeiten verstehen können, wenn diese spielerisch, etwa durch haptische Repräsentationen wie Steckwürfel, vermittelt werden. Ein umfassendes Curriculum der Risikokompetenz umfasst heute die Bereiche Gesundheits-, Finanz-, Digital- und Umweltkompetenz, wobei das Ziel eine mündige Gesellschaft darstellt, die in der Lage ist, die „Mathematik der Ungewissheit“ anzuwenden, um Paternalismus zu überwinden und informierte Entscheidungen in einer technologisch komplexen Welt zu treffen.
Literatur
Gigerenzer, G. (2002). Calculated risks: How to know when numbers deceive you. Simon & Schuster.
Gigerenzer, G. (2013). Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München: Bertelsmann.
Gigerenzer, G., & Martignon, L. (2015). Risikokompetenz in der Schule lernen. Lernen und Lernstörungen, 4(2), 91–98.