Unter dem Begriff „Chemobrain“ – in der Fachwelt präziser als Post-Chemotherapy Cognitive Impairment (PCCI) oder Cancer-Related Cognitive Impairment (CRCI) bezeichnet – versteht man in der Psychologie und Neuropsychologie eine Form der kognitiven Beeinträchtigung, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Krebserkrankung und deren systemischer Behandlung, insbesondere der Chemotherapie, auftritt. Chemobrain bezeichnet also die von Krebspatienten nach einer Chemotherapie empfundenen kognitiven Beeinträchtigungen, wobei Symptome wie Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen, Gedächtnislücken oder fehlende Orientierung von den Betroffenen auf die aggressiven Medikamente der Chemotherapie zurückgeführt werden.
Betroffene beschreiben diesen Zustand häufig als einen „mentalen Nebel“, der die geistige Klarheit trübt und die Bewältigung des Alltags erschwert. Obwohl der Name eine direkte Ursache durch Chemotherapeutika suggeriert, deuten aktuelle Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Entstehung multifaktoriell ist: Neben der Neurotoxizität der Medikamente spielen auch inflammatorische Prozesse (Zytokinausschüttung), oxidativer Stress, hormonelle Veränderungen, genetische Prädispositionen sowie die psychische Belastung durch die Diagnose selbst eine entscheidende Rolle. Die Symptomatik äußert sich primär in Defiziten der Exekutivfunktionen, des Arbeitsgedächtnisses, der Aufmerksamkeitsspanne und der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Ein klassisches Beispiel ist das „Phänomen der Wortfindungsstörung“, bei dem Betroffene im Gespräch einfache Begriffe vergessen, die ihnen „auf der Zunge liegen“. Im beruflichen Kontext zeigt sich das Chemobrain oft durch eine verminderte Multitasking-Fähigkeit; so kann eine Person, die früher problemlos komplexe Projekte koordinierte, nun bereits durch das gleichzeitige Telefonieren und Notieren von Informationen überfordert sein. Ein weiteres Beispiel ist die Desorientierung in vertrauten Umgebungen oder das plötzliche Vergessen des Grundes, warum man einen Raum betreten hat. Psychologisch betrachtet führt diese Diskrepanz zwischen dem früheren Leistungsniveau und dem aktuellen Erleben oft zu Frustration, Angst vor einem Rezidiv oder depressiven Verstimmungen, da die kognitive Identität der Betroffenen erschüttert wird.
In zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen wurde dieser Zusammenhang zwischen Therapie und Chemobrain eindeutig nachgewiesen. Studien zeigen auch, dass der Anteil der Betroffenen zwischen fünfzehn und mehr als sechzig Prozent liegen kann. Allerdings ist unklar, ob es sich dabei um direkte Auswirkungen der Chemotherapie handelt, oder ob es sich um Folgeerscheinungen etwa der Belastungssituation während der Therapie handelt. Neuropsychologische Studien belegen nämlich, dass die subjektiv wahrgenommene Beeinträchtigung oft stärker ausgeprägt ist als die in standardisierten Tests messbaren Defizite, was die Relevanz einer validierenden psychoonkologischen Begleitung unterstreicht. Die Forschung zeigt jedoch auch eine positive Nachricht: Bei einem Großteil der Patienten sind diese Effekte transient und bilden sich innerhalb weniger Monate bis Jahre nach Abschluss der Therapie zurück, wobei kognitives Training und körperliche Aktivität als protektive Faktoren gelten.
Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Chemobrain-Symptomatik bei vielen Patienten schon vor Beginn der Therapie auftritt, insbesondere bei Brustkrebspatientinnen. Auch eine Krebserkrankung selbst könnte bestimmte Gehirnfunktionen beeinträchtigen, etwa durch eine vermehrte Ausschüttung bestimmter Zytokine, oder die Krebserkrankung und die kognitive Beeinträchtigung könnten gemeinsame genetische Grundlagen haben.
Man versucht derzeit diese Probleme durch ein begleitendes Gehirntraining, das Anfertigen von Notizzetteln als Gedächtnisstütze, feste Tagesroutinen, Stressvermeidung und ausreichende Ruhe in den Griff zu bekommen. Es ist aber auch notwendig, Betroffene auf diese möglichen Probleme vorzubereiten, um bei ihnen und ihren Angehörigen diese emotionalen Belastungen möglichst gering zu halten.
Diese kognitiven Folgen eines Chemobrain wirken sich bei Kindern und Jugendlichen häufig besonders extrem aus. Gibson et al. (2018) haben nun bei Mäusen herausgefunden, dass die verabreichten Mittel gleich drei unterschiedliche Zelltypen in der weißen Substanz beeinflussen, sodass es durch ein gestörtes Wechselspiel zwischen diesen Zellen zu einem anhaltenden Defizit in der Myelinisierung kommt und wichtige Gliazellen nicht heranreifen können. Als Folge schrumpft die schützende Isolierschicht um die Nervenfasern und es entstehen diese kognitiven Probleme. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Chemotherapie mit einer anhaltenden tri-glialen Dysregulation verbunden ist und eine Behandlung der entzündlichen Mikroglia notwendig wäre, um chemotherapeutisch bedingte kognitive Beeinträchtigungen wieder aufzuheben.
Bewegung gegen den Chemobrain
Eine gezielte Behandlung gegen die Chemobrain-Effekte sind noch sehr selten, wobei Ärzte zu körperlichem Training und Gehirntraining raten. Auch soll mit dem Anfertigen von Notizzetteln als Gedächtnisstützen und festen Tagesroutinen Stress vermieden sowie ausreichende Ruhezeiten gefördert werden. In einer Studie des Kepler Universitätsklinikums geht man der Frage nach, ob den Folgen eines Chemobrains mit körperlichem Training gegengesteuert werden kann. Aus früheren Studien gibt es Hinweise, dass sich hochintensives Intervalltraining noch besser als Grundlagen-Ausdauertraining auf den Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit auswirkt. Begleitet wird der auf ein Jahr konzipierte Trainingsprozess in den Kliniken für Neurologie, Neuropsychologie und Neuroradiologie mithilfe von bildgebenden Verfahren zur Gehirnuntersuchung. Man hofft, gemeinsam mit den Patientinnen dieser Studie Ergebnisse zu erarbeiten, die dann in neue, moderne Behandlungskonzepte direkt am Universitätsklinikum überführt werden können.
Literatur
Ahles, T. A., & Saykin, A. J. (2007). Candidate mechanisms for chemotherapy-induced cognitive changes. Nature Reviews Cancer, 7(3), 192–201.
Gibson, Erin M. et al. (2018). Methotrexate Chemotherapy Induces Persistent Tri-glial Dysregulation that Underlies Chemotherapy-Related Cognitive Impairment. Cell, doi:10.1016/j.cell.2018.10.049.
Janelsins, M. C., Kesler, S. R., Ahles, T. A., & Morrow, G. R. (2014). Prevalence, mechanisms, and management of cancer-related cognitive impairment. International Review of Psychiatry, 26(1), 102–113.
Wefel, J. S., Vardy, J., Ahles, T., & Schagen, S. B. (2011). International Cognition and Cancer Task Force recommendations to harmonise studies of cognitive function in patients with cancer. The Lancet Oncology, 12(7), 703–708.
https://de.wikipedia.org/wiki/Chemobrain (12-09-30)
https://www.nachrichten.at/meine-welt/gesundheit/wenn-die-chemo-das-gehirn-umnebelt;art114,3226205 (20-02-15)