Analog zum Aufbau einer Gedächtnisstruktur zur Orientierung über die Umwelt konstruiert der menschliche Körper aus interozeptiven und haptischen Sinneswahrnehmungen ein dreidimensionales Modell unseres Körpers, ein Körpergedächtnis (kinästhetisches Gedächtnis). Durch Integration und Speicherung dieser Körperwahrnehmungen wird ein Körpergedächtnis aufgebaut. Früh gelernte Bewegungsabläufe wie Fahrradfahren, Schwimmen und Klavierspielen werden ein Leben lang gespeichert, d. h., auch nach Jahren kennen etwa beim Klavierspielen die Finger die früher gelernten Läufe immer noch. Auch Tänzer memorieren viele, komplizierte Schrittfolgen, Sprünge und Drehungen, und auch diese kennen ihre Pirouetten noch, wenn sie selbst gar nicht mehr tanzen können, wobei es vor alle die Musik ist, die das Körpergedächtnis stützt und Erinnerungen wieder ins Bewusstsein holt. Gleichzeitig ist es beim Körpergedächtnis so schwer, einmal Gelerntes zu korrigieren und Abgespeichertes zu verändern oder sogar vergessen.
Warum man Fahrradfahren nicht verlernt
Das Erlernen des Fahrradfahrens erfolgt in der Regel im Kindesalter unter Zuhilfenahme von Stützrädern und elterlicher Unterstützung. In dieser Phase sind Stürze ein wiederkehrendes Phänomen, bis schließlich die Fähigkeit erworben ist, Fahrrad zu fahren, ohne stützende Hilfsmittel. Der Übergang vom Anfänger zum fortgeschrittenen Fahrradfahrer erfolgt in der Regel schrittweise und sukzessive.
Nach einer längeren Pause kann das Radfahren erneut erlernt werden, ohne dass weitere Anstrengungen unternommen werden müssen. Das Erlernen des Fahrradfahrens ist ein Beispiel für
prozedurales Gedächtnis, also für im impliziten Gedächtnis gespeicherte Fähigkeiten. Es ist für die Speicherung motorischer Abläufe zuständig, ohne dass ein aktives Nachdenken darüber erforderlich ist, vergleichbar mit dem Schwimmen oder Laufen. Einmal erlernt, wird das Radfahren vom Gehirn nicht mehr „vergessen“. Dieser Prozess ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen, darunter das
Muskelgedächtnis und die Automatisierung. Beim Erlernen einer Bewegung, wie dem Treten der Pedale und dem Halten des Gleichgewichts, werden neuronale Verknüpfungen im Kleinhirn und den sogenannten Basalganglien gebildet, die dafür sorgen, dass die Bewegung flüssig und unbewusst abläuft.Auch nach jahrelanger Pause bleibt dieses Bewegungsmuster abrufbar.Das Lernen und die Wiederholungen spielen ebenfalls eine Rolle. Die Häufigkeit der Wiederholung einer motorischen Fähigkeit korreliert dabei positiv mit deren Stabilität.Das Fahrradfahren erfordert eine Vielzahl sensorischer Anpassungen, die tief im Gehirn verankert sind und unter anderem den Balance-, Pedalrhythmus- und Lenkeffekte umfassen. Interessanterweise ist keine bewusste Steuerung vonnöten, da das Fahrradfahren über das unbewusste Nervensystem gesteuert wird.Im Gegensatz zu reinen Faktenwissen, das dem Vergessen anheimfallen kann, bleibt diese Fähigkeit bestehen. Des Weiteren ist das Gehirn dazu in der Lage, komplexe motorische Abläufe langfristig zu speichern. So ist es möglich, dass selbst nach einer mehrjährigen Unterbrechung der Fähigkeit, ein Fahrzeug zu führen, diese nach einer kurzen Phase der Wiederholung wiedererlangt werden kann.
Literatur
Stangl, W. (2025, 9. Februar). Warum man Fahrradfahren nicht verlernt. Stangl notiert ….
https:// notiert.stangl-taller.at/populaerwissenschaftliches/warum-man-fahrradfahren-nicht-verlernt/.