Kindergartenpädagogik

Im Bereich des Kindergartens als wichtige Institution im Bildungsgefüge vollzieht sich aktuell ein Wandel vom Kindergarten als pädagogische Einrichtung mit einem ausgeprägten Betreuungsauftrag hin zum Kindergarten als Bildungseinrichtung. Das Kind soll in seinen Anlagen und Entwicklungsstufen ganzheitlich individuell gefördert werden, wobei die Ressourcen und nicht die Defizite des einzelnen Kindes im Vordergrund stehen sollen. Die Kinder sollen im Kindergarten ihren individuellen Begabungen entsprechend gefördert und Defizite rechtzeitig erkannt werden, wobei Schwerpunkte in den Bildungs- und Entwicklungsfeldern liegen, also etwa die Bereiche Körper, Sinne, Sprache, Denken, Gefühl und Mitgefühl, sowie Sinne, Werte und Religion.

Nach einzelnen Studien kann eine längere Zeit im Kindergarten Bildungslücken und Defizite des Elternhauses ausgleichen, wenn die Kinder den Kindergarten ab dem dritten Lebensjahr besucht haben, wobei ein einziges Kindergartenjahr kaum positive Effekte für die Schulreifezeitigt. Besonders Kinder aus bildungsfernen Haushalten und Migrantenfamilien, die bereits mit drei Jahren den Kindergarten besucht haben, holen nahezu alles auf und die Wahrscheinlichkeit einer Rückstellung vom Schulbesuch sinkt deutlich.

Nach Expertenmeinung führt aber die Vielzahl der Pädagogiken des Kindergartens und der angeblich neuen Konzepte zu Verunsicherungen bei den Eltern, wobei idealistische Beschreibungen einzelner Kindergartentypen in Elternzeitschriften und -ratgebern dazu wesentlich beitragen.


Trotz der weiten Verbreitung von Kindergärten ist vielen Eltern nicht klar, dass Kindergärten bei der Entwicklung von Kindern eine große Rolle spielen können. Ein Kindergarten dient daher nicht nur als Betreuungsstelle, während Eltern ihren Berufen nachgehen, sondern Kindergartenkinder erlernen und schulen erste Kompetenzen, die später für den Schulbesuch wichtig sind. Das Kind lernt den Umgang mit anderen durch ständige Interaktion, es lernt Rücksicht auf andere Kinder zu nehmen, sich zu entschuldigen und zu bedanken, andere ins Spiel mit einzuschließen, hinter sich selbst aufzuräumen und zu teilen. Das Kind lernt zudem viel über sich selbst auch im Vergleich mit anderen Kindern. Der Kindergarten ist eine Möglichkeit für das Kind, in einer Umgebung mit anderen ein eigenes Selbstvertrauen zu entwickeln und Interessen zu entdecken. Die natürliche Neugier des Kindes wird aktiv angeregt. Der regelmäßige sprachliche Austausch ist wichtig für Kinder, insbesondere wenn es sich um Einzelkinder handelt, um ihre Kommunikationsfähigkeiten zu verbessern. Der ständige Umgang mit Gleichaltrigen und den Erziehern fördert die Sprachbildung des Kindes, wobei auch Gespräche und Geschichtenerzählen, das Lernen von Kinderliedern und der erste Kontakt mit Bilderbüchern beitragen. In fast jedem Kindergarten gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung, denn Kinder können dort malen, basteln, kneten und unter Anleitung der Erzieher auch neue Techniken erlernen. Auch das Spiel im Freien, etwa im Wald, bringt Kindern zusätzlich die Natur näher und sorgt für ausreichend Bewegung.

Spezielles: Waldkindergärten

Für die pädagogische Arbeit mit Kindergartenkindern im Wald sind erweiterte und andere Kompetenzen notwendig als für die Arbeit im klassischen Regelkindergarten. Das pädagogische Konzept und Setting im Wald und die damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen, der Wald an sich mit der Vielfalt an Themen biologischer, ökologischer, kultureller und forstlicher Ausprägung sowie notwendige Grundausbil- dungen etwa Erste Hilfe, Recht und Haftung sind für das Gelingen und die Qualität ausschlaggebend (Lude & Raith, 2014).

In Waldkindergärten erleben Kinder die Natur und ihre Lebewesen hautnah, denn während in anderen Kindergärten Bilder und Bücher über Würmer, Schnecken, Eichhörnchen und anderes Getier angeschaut werden, trifft man auf diese im Laufe des Jahres ganz von selbst. Dass die Kinder fast ausschließlich im Freien sind, prägt sie nachhaltig, wie eine Studie zeigt, denn auch Jahre danach sind sie geschickter und aufmerksamer. Natur wirkt demnach auf die mentale Entwicklung (Wohlbefinden, Selbstwahrnehmung, Selbstkompetenz und Sachkompetenz), auf die soziale Entwicklung (Sozialkompetenz und Spielverhalten), auf die physische Entwicklung (Gesundheit und Bewegung), auf das Umweltbewusstsein (Naturverbundenheit, Umweltwissen, Umwelteinstellung und -handeln) und hinsichtlich Umweltbildung.

Silvia Schäffer (Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Uni Bonn) hat Waldkindergärten und Volksschulen untersucht, in die frühere Waldkinder gewechselt sind. Dadurch konnte sie Kinder aus Waldkindergärten mit Kindern aus Regelkindergärten vergleichen. Eines der auffälligsten Ergebnisse war, dass durch die verschiedenen Untergründe die Motorik extrem gut geschult wird, denn sie konnten bei Tests etwa deutlich besser rückwärts über einen Holzbalken balancieren. Besonders profitieren Mädchen vom Waldkindergarten, denn eine Aufteilung der Kinder in Mädchen, die drinnen basteln und malen, und Buben, die draußen laufen und springen, ist im Waldkindergarten schon vom Konzept her nicht möglich. Hinzu kommt, dass sich ehemalige Waldkinder sehr gut organisieren können, denn was man im Wald verliert, ist für immer weg, sodass die Kinder früh lernen müssen, alles wieder mitzunehmen. Kinder, die sich auspowern, können sich schließlich auch besser konzentrieren.


Siehe auch das Stichwort Reggio-Pädagogik.

Literatur

Lude, Armin & Raith, Andreas (2014). Startkapital Natur. Wie Naturerfahrung die kindliche Entwicklung fördert. München: oekom.
Textor, Martin R. (Hrsg.) (1993). Kindergartenpädagogik. Online-Handbuch.
Stangl, W. (2018). Welche pädagogischen Funktionen haben Kindergärten? – Stangl notiert …. Was Stangl so notiert.
WWW: https://notiert.stangl-taller.at/allgemein/welche-paedagogischen-funktionen-haben-kindergaerten/ (18-06-10).
WWW: http://www.kindergartenpaedagogik.de/ (08-01-03)
https://science.orf.at/v2/stories/2845285/ (17-11-11)


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