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kontrafaktisches Denken

Kontrafaktisch bedeutet wörtlich „gegen die Fakten“, wobei ein bestimmtes, tatsächlich eingetretenes Ereignis den Ausgangspunkt für eine kontrafaktische Annahme bildet und die Auswirkung dieser gedanklichen Veränderung bestimmt. Ein wichtiges Merkmal des menschlichen Denkens ist daher die Fähigkeit, darüber nachzudenken, wie etwas hätte anders sein können, oder wie es unter anderen Umständen hätte sein können, als es sich im Moment wirklich darstellt. David Hume beschreibt kontrafaktische Bedingungen als jene Bedingungen, denen eine von den aktuellen Fakten bzw. der momentanen Wirklichkeit abweichende Bedingung vorausgeht.

Unsere Vorstellungen oder unser Denken über vergangene, aber auch gegenwärtige Ereignisse beinhaltet nämlich nicht nur die faktische Wirklichkeit, sondern auch kontrafaktische und hypothetische Zustände dieser Wirklichkeit. Psychologen interessiert daran vor allem, wie Menschen über solche Ereignisse, die geschehen könnten, aber doch nicht geschehen sind, nachdenken. Kontrafaktische Annahmen oder Aussagen beziehen sich häufig auf Ereignisse, die beinahe eingetreten wären, in Wirklichkeit aber nicht eingetreten sind. Eine Unterscheidung zwischen dem, was wirklich geschehen ist und dem, was beinahe geschehen wäre, ist von großer Wichtigkeit, um die Kontrolle über die Realität zu behalten. Im täglichen Leben denken Menschen nicht nur über Zustände ihrer realen Umgebung nach, sondern sie denken auch über mögliche Alternativen zu diesen Zuständen nach. Dadurch wird das menschliche Erleben und Verhalten oft massiv beeinflusst, denn wenn Menschen kontrafaktisch denken, überlegen sie sich Alternativen zum wirklich Geschehenen. Dabei stellt das, was geschehen ist, einen Widerspruch zur kontrafaktischen Bedingung dar und ist damit apriori falsch. Psychologisch interessant ist dabei vor allem auch, wie Menschen die Fähigkeit kontrafaktischen Denkens entwickeln und warum diese Fähigkeit etwa zur selben Zeit entwickelt wird wie andere kognitive Fähigkeiten. Ab einem Alter von vier Jahren entwickeln Kinder in ihrem Denken die Fähigkeit, sich selbst von einem zwanghaften Einfluss ihrer realen Umgebung auf ihr Denken zu befreien. Diese Fähigkeit kann am Auftreten von kontrafaktischen Aussagen im Vorschulalter beobachtet werden (vgl. Sprung, 1999, S. 12ff). Bis zu diesem Alter stört es Kinder nicht besonders, wenn sie zwischen zwei Alternativen die schlechtere wählen, denn erst dann, wenn sie in der Lage sind, ihre Entscheidung zu bedauern, lernen sie aus jener Erfahrung für künftige Entscheidungen. Eine wichtige Rolle scheint in diesem Zusammenhang der orbitofrontale Cortex zu spielen, denn bei Menschen, bei denen dieses Areal geschädigt ist, fehlt die Fähigkeit, Fehlentscheidungen zu bereuen. Zudem neigen die Betroffenen häufiger dazu, unter zwei Optionen die mit dem höheren möglichen Gewinn zu wählen, auch wenn diese deutlich riskanter war.

Bei vielen Entscheidungen weiß man im Augenblick der Entscheidung nicht, ob man mit der getroffenen Wahl später einmal zufrieden sein wird. Das gilt nicht für  triviale Entscheidungen, sondern vor allem für jene, die weit reichende Folgen nach sich ziehen. Was soll ich studieren, will ich jetzt ein Kind oder erst einmal beruflich Fuß fassen? Hin und wieder stellt sich später heraus, dass man besser damit gefahren wäre, hätte man den anderen Weg eingeschlagen. Die Reue, die darauf folgt, ist Ausdruck einer Selbstanklage: Du hattest es in der Hand. Hättest du damals anders entschieden, ginge es dir heute besser. Dieses Bedauern spornt Menschen dazu an, ihre Fehler zu korrigieren, d. h., man jauft eine Hose, bemerkt zu Hause, dass sie doch nicht so gefällt, bedauert seinen Kauf und wird dadurch motiviert, diese zurückzubringen. Doch diese Reue dient nicht nur der Reparatur, sondern sie klebt sich wie ein warnendes Etikett an die Fehlentscheidungen und sorgt so dafür, dass man diese Irrtümer nicht vergißt und abhalten soll, diese Fehler nicht zu wiederholen. Dazu trägt auch zu der Tendenz bei, unangenehmen Emotionen möglichst aus dem Weg zu gehen, denn bei jeder Wahl bedenkt man, wie sehr man diese Entscheidung irgendwann bereuen könnte (regret anticipation). In einer amerikanischen Untersuchung zeigte sich, dass Menschen am häufigsten falsche Entscheidungen in der Liebe und im Umgang mit ihrer Familie bedauern, viele bedauerten zudem ihre Berufswahl oder, nicht genug Energie in ihre Ausbildung gesteckt zu haben. Frauen bedauerten eher Fehlentscheidungen im Liebesleben, Männer eher in Sachen Karriere. Je größer die Konsequenzen einer Wahl sind, desto größer ist in der Regel dads Bedauern, wenn diese sich danach als schlecht herausstellt, was natürlich vor allem dann gilt, wenn diese Entscheidung nicht irgendwelchen äußeren Zwängen geschuldet war, sondern tatsächlich in der eigenen Macht stand. Auf lange Sicht gesehen bereuen Menschen vor allem Dinge, die sie nicht getan haben und die sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr revidieren können (Trägheitseffekt, inaction effect. Gerade Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen, können Menschen stark belasten, etwa Frauen, die sich irgendwann wünschen, doch Kinder bekommen zu haben, nun aber dafür zu alt sind, oder man hat sich mit seinen Eltern zerstritten und bedauert nach deren Tod, den Konflikt nicht beigelegt zu haben. In solchen Fällen ohne einen psychologischen Abschluss neigen Menschen dann dazu, sich immer weiter Vorwürfe zu machen, was der psychischen Gesundheit nicht  zuträglich ist. Menschen mit Depressionen stecken häufiger in einer solchen Dauerschleife fest. Viele Menschen bedauern aber ihre Entscheidungen oft auch deshalb so stark, weil sie die Alternative überschätzen, vor allem, wenn über die nicht gewählte Option wenig Informationen vorliegen. Oft nimmt man die positiven Folgen einer Entscheidung gerne als gegeben hin und sieht an der Alternative nur das, was bei ihr besser gelaufen wäre. Dass Entscheidungen oft Kompromisse zwischen verschiedenen Aspekten sind, vergisst man aber dabei gerne. Bei weitreichenden Entscheidungen ist es daher hilfreich, eine Exit-Strategie zu haben, falls sich die getroffene Wahl als falsch herausstellt, denn das schafft Verbindlichkeit und hilft gerade bei emotional belastenden Fehlentscheidungen, dann die Kraft aufzubringen, diese wieder zu korrigieren (Luerweg, 2022).

Literatur

Hume, David (1989). Ein Traktat über die menschliche Natur. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
Luerweg, F. (2022). Was wäre, wenn?
WWW: https://www.spektrum.de/news/fehlentscheidungen-was-waere-wenn/2012998 (22-05-02)
Sprung, Manuel Siegfried (1999). Theory of Mind und Kontrafaktisches Denken. Diplomarbeit. Universität Salzburg.



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