Abwehrmechanismus

Als Abwehrmechanismen (defense mechanism) bezeichnet man in der psychoanalytischen Theorie jene Schutzmechanismen des Ichs, durch die Ängste verringert werden sollen, indem unbewusst die Realität verzerrt wird. Ein Abwehrmechanismus ist also eine Form des Ich-Umgangs mit bedrohlichen inneren und äußeren Reizen. Die Abwehr tritt dabei vor allem in solchen Situationen auf, in denen eine Inkongruenz zwischen seinem eigenen Selbstbild und dem, wie man gerade selbst empfindet, besteht, also zwischen idealem und realem Selbst, was als bedrohlich erlebt wird.
Beispiel: Wenn jemandem beigebracht wurde, dass er sich wertlos fühlt, wenn er eine Prüfung nicht bestanden hat, obwohl man gar kein guter Schüler ist, dann werden Situationen wie Prüfungen diese Inkongruenz hervortreten lassen und bedrohlich wirken. Wenn man einer bedrohlichen Situation entgegensieht, wird man Angst empfinden, die ja ein Signal ist und darauf hinweist, dass Ärger auf einen zukommt, dass man die bevorstehende Situation vermeiden sollte. Eine Möglichkeit zu entkommen besteht natürlich darin, dass man flüchtet, da aber dergleichen im normalen Leben nicht wirklich eine Option ist, läuft man nicht physisch davon, sondern psychisch, indem die Psyche Abwehrmechanismen einsetzt (siehe Dissoziation).
Carl Rogers Konzept der Abwehrmechanismen ist dabei der Theorie Freuds sehr ähnlich, doch betrachtet Rogers alles aus einer kontinuierlichen Sicht, indem er auch Erinnerungen und Impulse zu den Wahrnehmungen zählt, und im Gegensatz zu Freud auch nur zwei Abwehrmechanismen benennt: Verneinung (denial) und verzerrte Wahrnehmung (perceptual distortion).

Menschen unterscheiden sich einerseits hinsichtlich der von ihnen bevorzugten Abwehrmechanismen und andererseits auch der Häufigkeit des Auftretens, wobei Abwehrmechanismen nicht unbedingt Ausdruck einer psychischer Krankheit darstellen, vielmehr ist für den Menschen due Abwehr zum Erhalt des seelischen Gleichgewichts und der psychischen Funktionsfähigkeit unbedingt erforderlich. Psychisch kranke und gesunde Menschen unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, das die einen Abwehrmechanismen einsetzen, die anderen jedoch nicht, vielmehr bedienen sich psychisch gesunde Menschen ihrer Abwehrmechanismen, um ihr Leben besser zu meistern, während psychisch kranke Menschen durch ihre Abwehrmechanismen in immer größere Schwierigkeiten geraten. Der entscheidende Faktor ist damit das Ausmaß der Kontrolle, die ein Mensch über seine Abwehrmechanismen besitzt (vgl. Gresch, 2010).

Freud ging in seiner psychoanalytischen Theorie von neun grundlegenden Abwehrmechanismen aus. Seine Theorie wurde im Laufe der Jahre durch Vertreter der psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Methodik ergänzt und modifiziert. Einige der Abwehrmechanismen, die von der auf Freud folgenden Generationen definiert wurden, lassen sich auf Freuds ursprüngliche Theorie zurückführen und stellen teilweise lediglich eine Unterteilung dar. Zu den Abwehrmechanismen zählen u.a. Fixierung, Identifikation, Projektion, Konversion, Introjektion, Rationalisierung, Reaktionsbildung, Regression, Sublimierung/Sublimation, Ungeschehenmachen, Verdrängung, Reversion (Verkehrung ins Gegenteil), Verschiebung, Verleugnung bzw. Leugnung der Realität.

Überblick über die Abwehrmechanismen des Ich

Zur Bewältigung des Triebimpuls/Abwehr-Konfliktes aber auch zur Bewältigung von Ängsten stehen dem Ich, als dem zum Handeln gezwungenen Teil der Persönlichkeit, verschiedene Mechanismen zur Verfügung. Diese stellen jedoch keine optimalen Lösungen des Konfliktes dar, sondern begünstigen ein Wiederaufleben des Konfliktes zu einem späteren Zeitpunkt und führen zur Symptombildung. Die wichtigsten dieser Mechanismen sind:

  • Kompensation
    Kompensation ist eine Verhaltensweise, durch die psychische Mängel (z.B. Minderwertigkeitsgefühle) ausgeglichen werden sollen. Es kommt zu Handlungen, die Vollwertigkeit demonstrieren sollen, wobei das Ich leicht über das Ziel hinausschiesst, und die Mängel überkompensiert.
  • Verleugnung
    Im allgemeinen Sinn wird darunter die Leugnung bestimmter unangenehmer Gefühle verstanden (z.B. Angst, Minderwertigkeit, Unsicherheit) vor sich selbst und der Umgebung. Die Verleugnung kann dabei sowohl durch „Wort und Handlung“ als auch nur in der Phantasie erfolgen. In einem spezifischen Sinne wird „Verleugnung“ als ein Abwehrmechanismus gesehen, durch den sich das Ich weigert, die Realität einer traumatisierenden Wahrnehmung (z.B. der Penislosigkeit der Frau) anzuerkennen Mittels der Verleugnung werden Fetischismus und Psychosen erklärt: während der Neurotiker die Forderungen des Es verdrängt, wird die Realität vom Psychotiker verleugnet.
  • Verschiebung
    Verschiebung (=Substitution) ist ein Abwehrmechanismus, mit dessen Hilfe ein ursprüngliches Triebobjekt durch ein anderes (Ersatz-) Objekt ersetzt wird. Diese Vorgehensweise erfolgt, wenn die Befriedigung eines Bedürfnisses aus inneren oder äusseren Gründen unmöglich ist. Z.B. kann die aus dem Es stammende Aggression, die sich gegen ein äusseres Objekt (z.B. den Vorgesetzten) richtet, auf ein Ersatzobjekt (z.B. einen Untergebenen) verschoben werden und sich dort entladen. Andererseits kann die gegen ein äusseres Objekt gerichtete Aggression sich auch auf das Ich verschieben (Autoaggression). Schliesslich kann auch eine aus dem Über-Ich stammende und gegen das Ich gerichtete Aggression (z.B. Selbstbeschuldigung) auf ein anderes Objekt umgeleitet werden.
  • Isolierung
    Isolierung ist ein Abwehrmechanismus, der darin besteht, einen Gedanken oder ein Verhalten zu isolieren, so dass die Verbindung mit anderen Gedanken oder mit der übrigen Existenz des Subjekts unterbrochen ist. Zu den Isolierungen gehören Pausen im Gedankenablauf, Formeln und Rituale. Isolierung ist ein für die Zwangsneurose typischer Abwehrmechanismus, wird aber auch bei Phobien (Ängsten) und als Abwehr bei der Hysterie beobachtet.
  • Identifikation, Introjektion, Projektion
    Die Identifikation des Ich mit dem Objekt kann sowohl über die Projektion als auch die Introjektion erfolgen. Im Falle der Introjektion erfolgt eine Einbeziehung oder bewusste Einbeziehung von Personen oder einzelnen fremden Motiven und Anschauungen in das Ich. Mittels der Projektion werden Gefühle und Wünsche, die das Subjekt verkennt oder in sich ablehnt, aus dem Subjekt ausgeschlossen und in eine andere Person oder Sache hineinverlegt. Projektion ist ein bei Paranoikern und Phobikern häufig verwendeter Abwehrmechanismus.
  • Rationalisierung
    Rationalisierung ist ein Mechanismus, durch den das Subjekt versucht, Verhaltensweisen, Gedanken, Gefühle usw., deren wirkliche Motive nicht erkannt werden, eine logische oder moralisch akzeptable Erklärung zu geben. Rationalisierung kann nur bedingt als Abwehrmechanismus gesehen werden, da sie nicht direkt gegen die Triebbefriedigung gerichtet ist, sondern eher sekundär den Abwehrkonflikt verschleiert. Rationalisierung wird bei neurotischen und psychotischen Symptomen z.B. Verfolgungswahn benutzt.
  • Reaktionsbildung
    Als Reaktionsbildung wird ein Abwehrmechanismus bezeichnet, der an die Stelle eines verdrängten Wunsches, eine, diesem entgegengesetzte Vorstellung oder Verhaltensweise setzt. Symptomatischen Wert erhalten Reaktionsbildungen durch ihre Zwanghaftigkeit und Übertreibung, die gelegentlich zu Misserfolgen führen und Ergebnisse bewirken, die den bewusst angestrebten entgegengesetzt sind. Reaktionsbildungen können sehr spezifisch symptomzentriert sein, aber auch grössere Persönlichkeitsänderungen hervorrufen. Reaktionsbildungen werden häufig bei Zwangsneurosen und bei der Hysterie beobachtet.
  • Sublimierung
    Sublimierung ist ein Vorgang zur Erklärung derjenigen Verhaltensweisen, die scheinbar keinen Bezug zur Sexualität haben, deren treibende Kraft aber die Sexualität ist. Insbesondere künstlerische und intellektuelle Tätigkeiten sind als Ergebnisse von Sublimierungen anzusehen.
  • Verdrängung
    Verdrängung ist wohl der bekannteste Abwehrmechanismus. Es ist dies ein psychischer Vorgang, mit dem die mit einem Trieb verbundenen Vorstellungen ins Unbewusste abgeschoben werden. Es kommt zur Verdrängung, wenn dem Trieb entgegengesetzte Forderungen (des Über-Ich) gegenüberstehen. Zum Lustgewinn durch Befriedigung des Triebes würden sich damit Unlustgefühle gesellen. Um dies zu verhindern, werden die Triebvorstellungen verdrängt. Die Verdrängung ist sowohl ein normal-psychologischer Mechanismus, der der Bildung unbewusster Sachverhalte dient, als auch ein pathologischer Vorgang, der besonders bei der Hysterie eine Rolle spielt. Verdrängte Wünsche kommen unbeabsichtigt durch Symptome, Träume und Fehlleistungen wieder zum Vorschein. Andererseits ist es ein Ziel der psychoanalytischen Therapie, verdrängte Inhalte aus dem Unbewussten ins Bewusstsein aufsteigen zu lassen.
  • Vermeidung: bewußt Situationen vermeiden (z.B. bei Flugangst).
  • Projektion: die Übertragung von Charakterzügen, Gedanken und Meinungen auf andere.
  • Regression: Rückfall in Verhaltensweisen einer früheren Entwicklungsstufe.
  • Fixierung: ein bestimmter Aspekt der Persönlichkeit verkümmert, die Unzulänglichkeit wird in den Vordergrund gestellt.
  • Somatisierung: Flucht in Krankheit bei seelischer Belastung, Angst führt zu Bauchweh.

1. Definition
„(Psychoanalyse) unbewusste Verhaltensweisen gegenüber Triebforderungen die von der Kontrollinstanz (Über-Ich) nicht gebilligt werden. (Physiol.) im Körper wirksamer Mechanismus zur Abwehr fremder Stoffe“ (Brockhaus 19. Auflage 1996).

2. Definition
Der Begriff Abwehrmechanismus spielt in der Freudschen Lehre eine zentrale Rolle. Die Psychoanalyse kennt 9 Abwehrmechanismen: Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachung, Projektion, Introjektion, Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil.
Anna Freud definiert noch einen 10. Abwehrmechanismus: Sublimierung oder Verschiebung des Triebziels (vgl. Taemi 1982, S. 71).

3. Definition
Abwehrmechanismen werden vom Individuum dazu eingesetzt um sein momentanes psychologisches Gleichgewicht von Impulsen aus dem Über-Ich, dem Es und der Umwelt zu schützen. Sie finden nicht nur im Kampf innerhalb der Psyche Anwendung sondern auch bei gesellschaftlichen Problemen. Sie werden kollektiv gegenüber sozialen Missständen, volkswirtschaftlichen und politischen Konflikten eingesetzt (vgl. Lauster 2004, S. 90).

4. Definition
„Abwehrmechanismus ist ein psychoanalytischer Begriff für typische Verhaltensweisen gegenüber Triebforderungen im Konflikt bzw. Befriedigung und Verzicht (z.B.: Verdrängung, Kompensation, Sublimation, Regression) (Das große Duden Lexikon 1969).

5. Definition
Individuen, die den Drang verspüren etwas Verbotenes zu tun, erleben Angst. Ein Weg, diese Angst zu verringern, besteht darin, die Impulse in einer getarnten Form auszudrücken, durch die eine Bestrafung entweder von der Gesellschaft oder von Ihrem inneren Vertreter, dem Über-Ich, vermieden werden kann. Freud und seine Tochter Anna Freud beschrieben mehrere zusätzliche Abwehrmechanismen bzw. Strategien zur Vermeidung von Angst (siehe 2. Definition). Wir alle machen von Zeit zu Zeit Gebrauch von Abwehrmechanismen. Sie helfen uns aus dem Gröbsten heraus, bis wir auf direktere Weise mit Stress-Situationen umgehen können. Abwehrmechanismen sind nur schädlich, wenn sie die vorherrschende Art werden, auf Probleme zu reagieren. (vgl. Smith, Nolen-Hoeksema, Fredrickson, Loftus 2007).

6. Definition
Unter einem Abwehrmechanismus versteht man in der Psychoanalyse bzw. Psychotherapie eine Methode des „Ichs“, den Bedürfnissen bzw. Trieben des „Es“ gegenüberzutreten, die entweder generell oder aufgrund der momentanen Situation vom Über-Ich, dem Gewissen, verboten worden sind. Abwehrmechanismen treten nicht bewusst, sondern weitgehend unbewusst auf. Der Begriff des Abwehrmechanismus wurde vom Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, eingeführt.


Literatur

Bibliographisches Institut Mannheim (1969). Das große Duden-Lexikon, 1. Band A/B.
Brockhaus‘ 19. Auflage (1996). deutsches Wörterbuch A-GLUB, Band 26.
Gresch, Hans Ulrich (2010). Hypnose Bewusstseinskontrolle Manipulation: Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung. Kindle Edition.
Lauster, Peter. (2004). Lassen Sie sich nichts gefallen – Die Kunst sich durchzusetzen, Abwehrmechanismen der Gesellschaft (S. 90).
Smith, E.E., Nolen-Hoeksema, S., Fredrickson, B.L., Loftus, G.R. (2007). Atkinsons und Hilgards Einführung in die Psychologie (S. 600-601).
Stangl, W. (2022, 23. Februar). Sigmund Freud. [werner stangl]s arbeitsblätter.
https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPSYCHOLOGIE/PSYCHOLOGEN/Freud.shtml
Taemi, Rainer (1982). Das Angst-Tabu und die Befreiung. Ich Selbst – Abwehr oder Tiefe, Gesellschaft – Kerker oder Heimat, Abwehr und soziale Anpassung (S. 71).
http://flexikon.doccheck.com/ (15-03-21)



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