Kurzdefinition: Unter Automatisierung wird in der Psychologie jener Vorgang der wiederholten Ausübung einer Handlung oder Reaktion verstanden, der sich fortsetzt bis die Handlung nicht mehr bewusst gesteuert wird.
Unter Automatisierung versteht man in der Psychologie also den Prozess, durch den eine ursprünglich bewusste, kontrollierte und aufmerksamkeitsintensive Handlung infolge von wiederholter Übung in einen Zustand übergeht, in dem sie schnell, mühelos und weitgehend ohne bewusste Steuerung ausgeführt werden kann. Dieser fundamentale Lernprozess markiert den Übergang von der kontrollierten Verarbeitung zur automatischen Verarbeitung. Während kontrollierte Prozesse eine begrenzte Kapazität im Arbeitsgedächtnis beanspruchen, seriell ablaufen und anfällig für Ablenkungen sind, zeichnen sich automatisierte Prozesse dadurch aus, dass sie parallel zu anderen Aufgaben ablaufen können, ohne deren Leistung wesentlich zu beeinträchtigen.
Theoretisch lässt sich dies oft durch das Zwei-Prozess-Modell von Shiffrin & Schneider erklären, welches beschreibt, wie durch konsistente Reiz-Reaktions-Koppelungen neuronale Pfade so gefestigt werden, dass die Handlungsausführung quasi „von selbst“ erfolgt. Ein klassisches Beispiel aus dem Alltag ist das Autofahren: Während ein Anfänger sich hochgradig auf das Koordinieren von Kupplung, Gas und Lenkung konzentrieren muss und dabei kaum ein Gespräch führen kann, führt ein erfahrener Fahrer diese Bewegungen vollautomatisch aus, während er komplexe philosophische Debatten im Radio verfolgt. Ein weiteres prominentes Beispiel ist das Lesen; wir können die Bedeutung vertrauter Wörter kaum unterdrücken, selbst wenn wir es versuchen, was im berühmten Stroop-Effekt deutlich wird, bei dem das Lesen eines Farbwortes (z. B. das Wort „Blau“, das in roter Farbe gedruckt ist) die Benennung der tatsächlichen Druckfarbe verzögert.
Die Automatisierung bietet den evolutionären Vorteil der kognitiven Ökonomie, da sie wertvolle mentale Ressourcen für neuartige oder komplexe Problemlösungen freisetzt. Allerdings hat die Medaille eine Kehrseite: Automatisierte Handlungen sind schwer zu modifizieren oder zu unterdrücken, was bei Routinefehlern (sogenannten „Action Slips“) deutlich wird – etwa wenn man am Samstagmorgen aus Gewohnheit zur Arbeit fährt, obwohl man eigentlich zum Supermarkt wollte. In der kognitiven Psychologie wird zudem zwischen der „Instance Theory“ von Logan, die Automatisierung als Abruf von Gedächtnisspuren versteht, und dem Modell von Anderson (ACT-R) unterschieden, das die Umwandlung von deklarativem Wissen in prozedurale Regeln betont. Letztlich ist Automatisierung der Klebstoff unserer Alltagskompetenz, der es uns erlaubt, komplexe Fertigkeiten wie das Spielen eines Instruments, das Tippen auf einer Tastatur oder das Sprechen einer Sprache mit einer Leichtigkeit auszuüben, die ihre zugrunde liegende Komplexität fast vergessen lässt.
Literatur
Anderson, J. R. (1982). Acquisition of cognitive skill. Psychological Review, 89(4), 369–406.
Logan, G. D. (1988). Toward an instance theory of automatization. Psychological Review, 95(4), 492–527.
Schneider, W., & Shiffrin, R. M. (1977). Controlled and automatic human information processing: I. Detection, search, and attention. Psychological Review, 84(1), 1–66.
Shiffrin, R. M., & Schneider, W. (1977). Controlled and automatic human information processing: II. Perceptual learning, automatic attending, and a general theory. Psychological Review, 84(2), 127–190.
Siehe auch Automatismus.