Unter Nocebo (lat. „ich werde schaden“) versteht man die Negativseite des bekannten Placeboeffekts. Der Glaube allein kann heilen oder Schmerzen lindern, aber er kann auch krank machen oder sogar töten. Dabei handelt es sich nicht um bl0ße Einbildung, denn der Effekt beeinflusst ganz real und messbar die Physiologie des Körpers. Es gibt Berichte von Menschen, die starben, nur weil sie daran glaubten, von einem Voodoo-Magier zum Tode verurteilt worden zu sein. Die Geschichte der Medizin kennt zahlreiche Fälle, in allein der feste Glaube, dass man nur wenige Wochen vor dem Tod steht, selbst kerngesunde Menschen das Leben kosten kann. Aber auch Menschen, die den Beipackzettel eines Medikaments sorgfältig nach Nebenwirkungen durchsuchen, können sicher sein, dass sie die eine oder andere Beschwerde spüren werden. Jeder dritte der 1,5 Millionen chronischen Schmerzpatienten in Österreich verdankt sein Leiden dem Nocebo-Effekt. Auch Menschen, die alle möglichen Beschwerden auf Elektrosmog zurückführen, werden von der Wissenschaft bekanntlich nicht unterstützt. Erwartet ein Mensch eine bestimmte Nebenwirkung eines Medikaments, so kann diese tatsächlich eintreten. Bei einer unspezifischen Nebenwirkung genügt schon eine vage Befürchtung, dass das Medikament ihm nicht gut tun könnte, was zur Folge hat, er fühlt sich schlapp, müde und ihm wird übel. Allein der Gedanke an negative Auswirkungen machen manche Menschen also tatsächlich krank und erzeugen Symptome, die mit der eigentlichen Medikation gar nicht im Zusammenhang stehen. So können die rechtliche vorgeschriebenen, oft allzu ausführliche Aufklärungen über Behandlungsrisiken oder Nebenwirkungen von Medikamenten die PatientInnen tatsächlich krank machen kann.

Auch unbeabsichtigte negative Suggestionen machen etwas schlimmer, als es tatsächlich ist. Studien haben nachgewiesen, dass Beschwerden und Symptome häufiger auftreten, wenn ein Arzt seine PatientInnen auf mögliche Nebenwirkungen aufmerksam macht. Michael Pfingsten hat in einer Untersuchung fünfzig Patienten mit chronischen Rückenschmerzen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt, wobei alle Probanden Kniebeugen machen sollten, doch nur einer Gruppe war gesagt worden, der Test könne leichte Schmerzen verursachen. Der anderen Gruppe wurde erzählt, die Übung täte nicht weh. Tatsächlich gingen die Teilnehmer, die Probleme erwarteten, weniger oft in die Knie als die Patienten in der anderen Gruppe; außerdem gaben sie stärkere Schmerzen zu Protokoll. Menschen sind für negative Suggestionen stark empfänglich, vor allem in existentiell bedrohlich empfundenen Situationen wie einer Operation, bei einer schweren Krankheit oder einem Unfall, d.h., in solchen Extremsituationen befinden sich Menschen häufig in einer Art Trancezustand, in dem sie erhöht beeinflussbar sind. In diesem Bewusstseinszustand sind Menschen anfällig für Missverständnisse durch wortwörtliches Verstehen, doppeldeutige Worte und negative Suggestionen.

Fu et al. (2021) haben in Bezug auf Schmerzen gezeigt, dass sich Placebo und Nocebo auf neuronaler Ebene unterscheiden, also unterschiedliche neuronale Schaltkreise an den Effekten beteiligt sind. Die AutorInnen haben eine Meta-Analyse durchgeführt und die neuronalen Repräsentationen von Placebo-Analgesie verglichen. Kontrastanalysen bestätigten eine Placebo-spezifische Konkordanz im rechten ventralen Striatum (Belohnungsnetzwerk) und eine Nocebo-spezifische Konkordanz im dorsalen anterioren cingulären Kortex, der linken posterioren Insula und dem linken parietalen Operculum (Aversionsnetzwerk) während der kombinierten Schmerzantizipations- und Verabreichungsphasen. Dabei konnten in den Konnektivitätsanalysen keine überlappenden Regionen für diese beiden Prozesse gefunden werden, selbst wenn der Schwellenwert niedrig war. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Prozesse der Placebo-Analgesie und Nocebo-Hyperalgesie unterschiedliche neuronale Schaltkreise involvieren, was die Ansicht unterstützt, dass die beiden Phänomene über unterschiedliche neuropsychologische Prozesse ablaufen könnten. Allerdings lässt sich aus der Untersuchung nicht direkt ableiten, dass Placebo- und Noceboeffekte in der Psychotherapie über ähnliche Hirnschaltkreise wirken,, denn es wurden lediglich Studien berücksichtigt, bei denen die körperliche Schmerzwahrnehmung manipuliert worden war. Man müsste daher die neuropsychologischen Grundlagen der beiden Gegenspieler auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen eingehend untersuchen.

Keith Petrie et al. (University of Auckland) haben für eine Untersuchung zum Nocebo-Effekt Studenten in zwei Gruppen geteilt: Eine bekam ein Video über die negativen Folgen von Infraschall zu sehen, vollgepackt mit Informationen, die im Internet auffindbar waren, während die andere Gruppe keine diesbezüglichen Informationen erhielt. Infraschall ist jener Schall, dessen Frequenz unterhalb von 16 Hertz liegt, d. h., er ist für das menschliche Ohr kaum wahrnehmbar, wird aber von manchen als gesundheitsstörend erlebt. Anschließend wurden die Probanden wieder in zwei Gruppen geteilt und in unterschiedliche Räume geführt. In einer wurden sie Infraschall ausgesetzt, in der anderen einem Placebo, nämlich Stille. Die Teilnehmer, die über negative Folgen von Infraschall informiert worden waren, berichteten weit häufiger von Symptomen, gleichgültig, ob sie tatsächlich Infraschall ausgesetzt waren oder nicht.

In einer Studie wurde auch gezeigt, dass die Furcht vor Gesundheitsrisiken durch elektromagnetische Wellen ohne objektiven Anlass bei manchen Menschen echte Beschwerden hervorrufen kann. Man befestigte bei Probanden Antennen an den Köpfen und setzte sie dann angeblich WLAN-Signalen aussetzte. Bei etwa der Hälfte der Studienteilnehmer hat dies dennoch Symptome wie Beunruhigung und Beklemmung, Beeinträchtigung der Konzentration oder Kribbeln in Fingern und Füßen hervorgerufen. Untersuchungen zeigten auch, dass in solchen Fällen schmerzverarbeitende Gehirnregionen aktiviert werden können, d. h., allein die Erwartung einer Schädigung kann tatsächlich Schmerzen auslösen.

Man konnte auch zeigen, dass allein Berichte über etwaige Risiken die Gesundheit vieler Menschen beeinflussen können, wobei die Suggestion von Gesundheitsgefahren vermutlich nicht nur kurzfristig wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung wirkt, sondern kann auch langfristig zu körperlichen Beschwerden führen, die chronifizieren können. Besonders anfällig für den Nocebo-Effekt scheinen dabei Menschen, die sehr kritisch sind und wenig Vertrauen zum behandelnden Arzt oder zur Medizin im Allgemeinen haben, sodass es häufig die Aufgabe des behandelnden Arztes ist, in dieser Beziehung eine Vertrauensbasis zum Patienten aufzubauen, damit sich dieser in seinen Händen wohl fühlt. Es ist daher Aufgabe des Arztes, ein mögliches Behandlungsrisiko im Gespräch mit dem Patienten in die richtige Relation zu setzen. Ärzte müssen sich daher bewusst sein, dass es einen großen Einfluss auf die Genesung von Patienten hat, was man zu seinem Patienten sagt und wie man mit dem Patienten umgeht, sodass die Einschätzung, wie ein Patient auf Informationen möglicherweise reagiert, von großer Bedeutung ist.

Man kann auch von einem Nocebo-Effekt sprechen, wenn Googlen krank macht, denn ein Mensch verspürt einen Schmerz, hat eine Rötung oder Beule und konsultiert zuerst Dr. Google, d. h., er sucht im Internet nach einer möglichen Ursache. Aufgrund der großen Menge und meist einander widersprechenden Information zu seinen Symptomen, werden diese verstärkt oder rufen gar weitere hervor, d. h., alleine eine gewisse Erwartungshaltung kann krank machen.

Literatur

Fu, Junjun, Wu, Shuyi, Liu, Cuizhen, Camilleri, Julia A., Eickhoff, Simon B. & Yu, Rongjun (2021). Distinct neural networks subserve placebo analgesia and nocebo hyperalgesia. NeuroImage, 231, doi:10.1016/j.neuroimage.2021.117833.
Gruber, Christian (2012). Nocebo-Effekt: „Wir schläfern Sie ein, gleich ist es vorbei“. Spiegel online vom 15.08.2012.
http://diepresse.com/home/wirtschaft/1391815/index.do (13-04-20)

 



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