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Unter Hörigkeit versteht man ganz allgemein die gefühlsmäßige Bindung an andere Menschen in einem Ausmaß, in dem die persönliche Freiheit und menschliche Würde aufgegeben werden. Der Wille der herrschenden Person(en) kann insofern über die sich unterwerfende Person verfügen, als die Grenzen von Recht und Moral mißachtet werden. Hörigkeit ist in vielen Fällen sexuell bedingt ist. Wird das sexuelle Verlangen des Hörigen von dem Objekt der Abhängigkeit nicht befriedigt, kann das unter Umständen die Bindung verstärken.
Man kann bei Hörigkeit nicht generell von Tätern und Opfern sprechen, denn es gibt Menschen, die sich an ihren Partner oder eine Gruppe klammern und sich völlig auf diese fixieren. Sie haben in der Regel kaum soziale Kontakte und ihr Selbstbewußtsein speist sich ausschließlich aus der Fixierung auf den meist idealisierten Partner, was diesen auch sehr belasten kann. Diese Form der Hörigkeit ist in der Regel aber nicht sexuell ausgeprägt, sondern allgemein auf das Zusammenleben mit dem Partner oder Gruppe bezogen. Typisch für ein Hörigkeitsverhältnis ist, daß es nicht auf Gegenseitigkeit beruht, vielmehr ordnet sich die hörige Person dem Partner fast sklavisch unter, was dieser nicht selten ausnutzt. Meist werden diese Beziehungen nicht mit der Absicht zur Ausnutzung eingegangen, sondern entwickeln sich meist schleichend auf Grund der Persönlichkeitskonstellation der jeweiligen Partner. Der Hörige idealisiert die verehrte Person und die Beziehung in einer Weise, die Außenstehenden häufig unverständlich bleibt, zumal diese die Einseitigkeit erleben. Ein weiteres charakteristischer Merkmal von Hörigkeitsbeziehungen ist auch die Teilnahmslosigkeit der verehrten Person, was zwangsläufig zu Abweisungen und Demütigungen führt, die der hörig Liebende als unabwendbar und scheinbar unbelehrbar in Kauf nimmt. Zur Situation des hörigen Menschen gehört auch, daß er sich nicht mehr aus eigener Kraft lösen kann und hilflos in der psychische Abhängigkeit von einem anderen Menschen oder auch einer Gruppe bleibt.

Anmerkung: Der Begriff Hörigkeit stammt ursprünglich aus der Rechtssprache und bezeichnet ein Verhältnis besonderer Abhängigkeit. Bereits in der ersten Entwicklungsphase der Leibeigenschaft (9. Jahrhundert bis Ende des 12. Jahrhunderts) flossen Leib- und Grundherrschaft zusammen, wobei die Hörigen, die an den Boden gebunden waren (Grundholden) von den Leibeigenen, die sich als Freie in den Schutz des Grundherren begeben hatten, unterschieden werden müssen. Die an die Scholle gebundenen Hörigen (Halbfreien) galten als Zubehör des Bauernguts. Zur Abhängigkeit gehörten auch persönliche Dienst- und Kriegsleistungen der gesamten Familie des Hörigen (Hand- und Spanndienste). Die Hörigkeit wurde endgültig im 19. Jahrhundert mit der Bauernbefreiung beseitigt. Sie wurde in Rußland z. B. erst 1861 aufgehoben (Stangl, 2010).


Bedingungslose Liebe …?

Ich treffe oft auf Menschen, die bedingungslose Liebe, mit Abhängigkeit verwechseln.
Natürlich sagt unser Ego lieber, dass es bedingungslos liebt, als zuzugeben, dass es emotional abhängig ist.
Es fühlt sich so viel größer, wenn es bedingungslos liebt!
Wenn jemand sagt, dass er alles vom anderen akzeptiert, weil er bedingungslos liebt, auch dann, wenn er schlecht behandelt oder gedemütigt wird, und den anderen entschuldigt, dass er in jungen Jahren gelitten hat, dass es seine Verletzungen sind, die ihn so handeln lassen – dann befinden wir uns nicht in der bedingungslosen Liebe, auch wenn wir versuchen, es uns einzureden.
Wir befinden uns in der Abhängigkeit, in der emotionalen Abhängigkeit.
Denn bedingungslose Liebe bedeutet nicht, alles zu akzeptieren!
Bedingungslose Liebe beginnt bei uns selbst.
Wenn mich ein anderer schlecht behandelt, benutzt, beeinflusst, respektlos behandelt oder belügt, habe ich die Pflicht, mich selbst ausreichend und bedingungslos zu lieben und nicht zu dulden, dass meine Integrität oder meine Würde verletzt wird.
Bedingungslose Liebe zu einem anderen Menschen bedeutet nicht, dass ich ihn retten oder ihm irgendetwas verständlich machen muss.
Bedingungslose Liebe verlangt nicht, dass ich in der Nähe der Person bleiben muss, die mich verletzt.
Ich muss nicht einmal eine Beziehung zu dieser Person haben, um sie bedingungslos zu lieben.
Niemals und nimmer, darf ich in einer Beziehung bleiben, die mir ständig Schmerzen bereitet, die mich langsam zerstört, die mich manipuliert, mich herabsetzt, mich an mir zweifeln lässt, mich klein macht.
Das ist Abhängigkeit, schlicht und einfach.
Und ein großer Mangel an Liebe mir selbst gegenüber.
Während wahre bedingungslose Liebe beinhaltet, dass ich den anderen nicht ändern will, dass ich ihn nicht retten oder erziehen will, dass ich ihn so akzeptiere, wie er ist – aber wenn er mir schadet, muss ich mich von ihm distanzieren.
Bedingungslose Liebe mit emotionaler Abhängigkeit zu verwechseln ist so, als würde ich Wärme und Feuer auf meiner Hand verwechseln.
Die Wärme tut mir gut, aber das Feuer verbrennt mich.
Lieben ja, aber niemals gegen mich selbst!

Diane Gagnon – übersetzt von Nicole von Merkelbeek


Literatur

Krafft-Ebing, Richard v. (1892). Bemerkungen über „geschlechtliche Hörigkeit“ und Masochismus. Jahrbücher für Psychiatrie, S. 199-211. Leipzig: Deuticke.
Stangl, W. (2010). Hörigkeit. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/SUCHT/Hoerigkeit.shtml (10-12-12)



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