Zum Inhalt springen

Selbstregulation

    Das Konzept der Selbstregulation wurde von Bandura als Teil der sozial-kognitiven Lerntheorie entwickelt. Dieses Konzept besagt, dass ein Mensch sich Ziele setzt, die zu Motiven werden und weitere Handlungen anregen, in dem er oder sie die zukünftige Befriedigung bewertet, die sie durch die Zielerreichung erfahren wird. Im Zuge dieses Prozesses werden die eigenen Fähigkeiten ständig neu bewertet, was sich wiederum auf den Handlungsplan auswirkt (vgl. Fisseni, 1998, S. 440f). Diese Bewertung beruht auf dem Metawissen der Funktionsweise anderer relevanter Komponenten. Ziehen beispielsweise gewisse Entscheidungen längerfristig negative Folgen nach sich, so kann zu diesen ein Zusammenhang hergestellt werden, dies führt zu einer Anpassung der laufenden Prozesse (vgl. Goschke, 1996, S. 636). Daraus folgt, dass das System ein Gedächnis besitzt (vgl. Kestler, 1996, S. 353).

    Bei der Selbstregulation geht es demnach darum, selbstkongruente Ziele zu bilden und umsichtig umzusetzen. Selbstregulation gleicht einer Art innerer Demokratie, bei der viele Stimmen zu eigenen und fremden Bedürfnissen, Gefühlen und Werten bei Entscheidungen gleichzeitig berücksichtigt und integriert werden müssen. Ziele werden flexibel und kreativ umgesetzt, indem widerstrebende Stimmen aus dem Selbst überzeugt statt unterdrückt werden. Selbstregulation fördert dabei die Selbstbestimmung, also die Fähigkeit, in Übereinstimmung mit eigenen Bedürfnissen und Überzeugungen zu handeln (Baumann & Kuhl, 2013, S. 266).

    Der Prozess der Selbstregulation kann sich aber auch anderweitig auf andere Handlungen auswirken, wird zum Beispiel für eine Aufgabe eine hohe Kapazität an Selbstleistung benötigt, so beeinträchtigt dies eine andere Aufgabe, die ebenfalls Selbstregulierungskapazitäten erfordert (vgl. Heckhausen, 2006, S. 296), d. h., diese wird generalisiert. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist somit eine fundamentale Fertigkeit, die weitreichende Folgen für die Entwicklung eines Menschen in verschiedsten Bereichen haben kann, denn so kann sich Selbstregulation etwa nicht nur auf die Entwicklung der psychischen Gesundheit, sondern langfristig auch auf die Entwicklung der körperlichen Gesundheit auswirken. So ist es wichtig, dass Kinder schon früh die Möglichkeit erhalten, den Umgang mit neuen Herausforderungen und auch Frustrationen zu erlernen, wobei die Eltern natürlich helfen können, wenn die Herausforderungen für ein zweijähriges Kind zu schwierig oder zu komplex werden. Wenn Eltern zu kontrollierend sind und intervenieren, bevor ein Kind überhaupt die Möglichkeit hat zu versuchen, Probleme und Schwierigkeiten zu bewältigen, kann es sein, dass das Kind fundamentale Fertigkeiten der Emotions- und Verhaltensregulation nur ungenügend erlernt, was für zukünftige Schwierigkeiten im schulischen, sozialen, und emotionalen Bereich negative Folgen haben kann. Schon Babys können sich übrigens in gewissem Ausmaß sehr gut allein beschäftigen, wobei manche Eltern schon in diesem Alter die Selbstregulation des Babys stören. Eltern wollen ihr Kind früh fördern und überfordern es oft mit Aufmerksamkeit. Viele Eltern fühlen sich dazu verpflichtet, ihr Kind von morgens bis abends zu beschäftigen, aber das ist alles andere als günstig für die Entwicklung von Babys.

    Aus der Perspektive der pädagogischen Psychologie sind die Selbstregulierungsfähigkeiten von Kindern wichtige Prädiktoren für den Bildungserfolg und andere Lebensbereiche. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die als Kinder selbstregulierter sind, später als Erwachsene durchschnittlich ein höheres Einkommen, eine bessere Gesundheit und eine höhere Lebenszufriedenheit haben. Weitere Studien belegen, dass die Selbstregulation bereits im Kindesalter gezielt gestärkt werden kann. Selbstregulierung ist jedoch kein Schulfach, und das Wissen darüber, wie man mit leicht skalierbaren, kostengünstigen Interventionen dauerhafte Verbesserungen der Selbstregulierung und der schulischen Leistungen erreichen kann, ist immer noch begrenzt. Schunk et al. (2022) berichten über die Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Feldstudie, in der man eine kurze Unterrichtseinheit zur Selbstregulierung auf der Grundlage des Konzepts der mentalen Kontrastierung in den Lehrplan von Erstklässlern integriert hatte. Für die Studie entwickelte man dafür ein kindgerecht illustriertes Bilderbuch mit einem Rollenmodell namens Hurdy, wobei die Kinder in die Rolle des Protagonisten schlüpfen sollten, worauf sie später übten, sich einen Wunsch für die Zukunft vorzustellen und diesen mit einem Hindernis in der Gegenwart zu verknüpfen, und zwar samt einer Überwindungsstrategie. Ging es etwa darum, besser lesen zu lernen, sollten sie sich eine »Wenn-dann-Regel« überlegen, um dem Sog des Smartphones zu entgehen, indem sie zuerst ihrem Vater etwas vorlesen. Die Klassenlehrer integrierten dabei das Programm in den gewohnten Schulalltag, und zwar fünf Wochen lang eine Schulstunde pro Woche.

    Ein Jahr nach der Förderung fand man, dass diese Unterrichtseinheiten die Fähigkeiten der Kinder in Bezug auf Impulskontrolle und Selbstregulierung verbessert und gleichzeitig dauerhafte Verbesserungen in akademischen Fähigkeiten wie Lesen und Überwachung von Flüchtigkeitsfehlern bewirkt hatten. Die Steigerung der Selbstregulation bewirkt, dass die Kinder mehr Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen und sich selbst Ziele setzen und daran arbeiten. Dank der leichten Skalierbarkeit könnten so also flächendeckend Schlüsselkompetenzen von Kindern verbessert werden, die heutzutage von fundamentaler Bedeutung für einen erfolgreichen Bildungsweg und für ein gelingendes Leben sind Darüber hinaus hatte die Behandlung einen erheblichen Einfluss auf die langfristige Schullaufbahn der Kinder, da sie die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie drei Jahre später in eine weiterführende Schule aufgenommen werden. Der Selbstregulierungsunterricht kann also mit geringem Kostenaufwand in den regulären Lehrplan integriert werden, ist leicht skalierbar und kann wichtige Fähigkeiten und die Bildungslaufbahn der Kinder erheblich verbessern.

    Der Begriff der Selbstregulation taucht auch im Zusammenhang mit Gruppen auf. In Gruppensitzungen kann beispielsweise die Arbeitsverteilung etc. geregelt werden. Die Gruppe reguliert sich selbst (vgl. Antoni & Bungard, 2004, S. 143). Man vermutet übrigens, dass die Fähigkeit zur Selbstregulation ein guter Prädiktor für die berufliche Leistung darstellt, weshalb die individuelle Selbstregulationsstärke auch als Kriterium für Personalauswahlentscheidungen und -entwicklungsmaßnahmen berücksichtigt werden sollte.

    Literatur

    Antoni, C.H. & Bungard, W. (2004). Arbeitsgruppen. In H. Schuller (Hrsg.): Enzyklopädie der Psychologie Themenbereich D Wirtschafts-, Organisations- und Arbeitspsychologie Ser. 3 Organisationspsychologie – Gruppe und Organisation Band 4. Göttingen: Hogrefe.
    Baumann, N. & Kuhl, J. (2013). Selbstregulation und Selbstkontrolle. In W. Sarges (Hrsg.), Management-Diagnostik (S. 263–270). Göttingen: Hogrefe.
    Fisseni, Hermann-Josef (1998). Persönlichkeitspsychologie – Ein Theorienüberblick 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. Göttingen: Hogrefe.
    Goschke, Thomas (1996). Wille und Kognition. In J. Kuhl, H. Heckhausen (Hrsg.): Enzyklopädie der Psychologie Themenbereich C Theorie und Forschung Ser. 4 Motivation und Emotion Band 4. Göttingen: Hogrefe.
    Heckhausen, J. (2006). Motivation und Volation im Handlungsverlauf. In H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln 3. Auflage. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.
    Kestler, H.A. (1996). Kybernetik. In G. Strube (Hrsg.): Wörterbuch der Kognitionswissenschaft. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Landmann,  M.   &   Schmitz,   B.   (Hrsg.)    (2007).  Selbstregulation  erfolgreich  fördern. Praxisnahe Trainingsprogramme für effektives Lernen. Stuttgart: Kohlhammer.
    Schmitz, B. (2003). Selbstregulation – Sackgasse oder Weg mit Forschungsperspektive? Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 17, 221-232.
    Schmitz, B., Perels, F., Bruder, S. & Otto, B. (2003). Fragebogen Selbstregulation. Unveröffentlichter Fragebogen. Institut für Psychologie der Technischen Universität Darmstadt.
    Schunk, Daniel, Berger, Eva M., Hermes, Henning, Winkel, Kirsten & Fehr, Ernst ( 2022). Teaching self-regulation. Nature Human Behaviour, 6, 1680-1690.
    https://www.news4teachers.de/2022/10/bemerkenswerte-studie-grundschueler-die-frueh-lernen-sich-selbst-zu-regulieren-haben-deutlich-mehr-erfolg-in-der-schule/ (22-10-31)


    Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl :::

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

    //-->