Psychopathologie

In der Psychopathologie  werden abweichende Erlebens- und Verhaltensweisen in ihren seelischen, sozialen und biologischen Bezügen beschrieben. Die psychischen Störungen werden dabei zunächst beschrieben, benannt und geordnet  (deskriptive Psychopathologie),  in ihren inneren Zusammenhängen erklärt (phänomenologische und verstehende Psychopathologie) und schließlich in Beziehungen  zu tiefenpsychologischen  und  zwischenmenschlichen  Vorgängen gestellt (dynamische, interaktionelle Psychopathologie).

Neurowissenschaftliche Perspektiven auf Psychopathie

Lange Zeit galten Versuche, das „Böse“ im Menschen biologisch zu erklären, als Ausdruck pseudowissenschaftlicher Fantasien. Insbesondere die Phrenologie des 19. Jahrhunderts versuchte, anhand von Schädelformen auf Charaktereigenschaften zu schließen – ein Irrweg mit weitreichenden Folgen. Doch mit dem Fortschritt moderner bildgebender Verfahren hat sich die Forschung in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Statt grober Mutmaßungen stehen heute hochauflösende MRT-Bilder, differenzierte psychologische Diagnostik und offene Datensätze wie der Julich-Brain-Atlas zur Verfügung. Auf dieser Grundlage haben Pieperhoff et al. (2025 nun einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen bestimmten Hirnstrukturen und psychopathischen Persönlichkeitsmerkmalen identifiziert. Psychopathie ist kein medizinisch eindeutig definiertes Krankheitsbild, sondern ein psychologisches Konstrukt, das sich durch ein Bündel von Persönlichkeitsmerkmalen auszeichnet: Gefühlskälte, Manipulation, Empathielosigkeit und antisoziales Verhalten. In der Forschung wird das Persönlichkeitsprofil häufig mithilfe der „Psychopathy Checklist – Revised“ (PCL-R) erfasst, die zwischen zwei Dimensionen unterscheidet: Faktor 1 beschreibt die emotionalen und interpersonellen Aspekte, wie oberflächlichen Charme und fehlende Empathie; Faktor 2 hingegen steht für impulsives, verantwortungsloses und gewalttätiges Verhalten. Die aktuelle Studie untersuchte mithilfe struktureller Magnetresonanztomografie (MRT) das Gehirn von 39 männlichen Probanden mit hohen Psychopathie-Werten im Vergleich zu einer sorgfältig abgestimmten Kontrollgruppe. Besonders auffällig war dabei die Korrelation zwischen hohen Werten auf Faktor 2 und einem verringerten Volumen in spezifischen Hirnarealen. Betroffen waren vor allem Regionen, die für Impulskontrolle, Emotionsregulation und soziales Verhalten zentral sind: die Basalganglien, der Thalamus, der Pons im Hirnstamm sowie Teile des orbitofrontalen und insulären Kortex. Auch das Kleinhirn und das rechte Subikulum – eine Region des Hippocampus, die unter anderem für Gedächtnis und räumliche Orientierung relevant ist – zeigten signifikante Volumenveränderungen. Insgesamt wies die Psychopathie-Gruppe ein messbar reduziertes gesamtes Hirnvolumen auf. Diese strukturellen Besonderheiten erlauben zwar keine kausalen Schlüsse – ob die Veränderungen angeboren sind, durch frühkindliche Erfahrungen entstanden oder mit anderen psychischen Faktoren zusammenhängen, bleibt offen. Dennoch liefern sie Hinweise auf neurobiologische Grundlagen antisozialen Verhaltens. So spielt der orbitofrontale Cortex eine entscheidende Rolle bei der Bewertung von Handlungsfolgen und sozialem Lernen, denn ist seine Funktion eingeschränkt, fällt es schwerer, Schuldgefühle oder Konsequenzen des eigenen Verhaltens zu antizipieren. Die Basalganglien und der Thalamus wiederum gehören zu jenen neuronalen Schaltkreisen, die spontane Impulse wie Aggressionen oder Wutausbrüche kontrollieren, also eine Art inneres Bremssystem, dessen Effizienz durch ein geringeres Volumen beeinträchtigt sein könnte. Für die emotional-interpersonellen Merkmale (Faktor 1) fielen die strukturellen Korrelationen hingegen schwächer aus. Zwar gab es auch hier Hinweise auf Volumenunterschiede, etwa im linken Hippocampus oder im frontalen Cortex, doch das Bild blieb insgesamt uneinheitlich. Dies stützt die Annahme, dass es kein einzelnes Zentrum für Psychopathie gibt, sondern vielmehr ein dynamisches Netzwerk aus Hirnregionen, das bei betroffenen Personen in variabler Weise verändert ist.
Literatur
Pieperhoff, P., Hofhansel, L., Schneider, F., Müller, J., Amunts, K., Weber-Papen, S., Weidler, C., Clemens, B., Raine, A., & Habel, U. (2025). Associations of brain structure with psychopathy. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, do:10.1007/s00406-025-02028-6
Stangl, W. (2025, 23. Juli). Neurowissenschaftliche Perspektiven auf Psychopathie und antisoziales Verhalten. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/5969/neurowissenschaftliche-perspektiven-auf-psychopathie-und-antisoziales-verhalten.

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