Lernen

    Es ist im Leben wichtig,
    gleich das Richtige zu lernen,
    denn wenn man erst einmal das Falsche gelernt hat,
    ist es äußerst mühsam das Falsche zu verlernen
    und dann doch noch das Richtige zu erlernen.
    W. S.

    Unter Lernen versteht man in der Psychologie in der Regel den absichtlichen oder den beiläufigen, individuellen oder kollektiven Erwerb von geistigen, körperlichen, sozialen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Lernen bedeutet letztlich, die Zukunft vorhersagen zu können und das Verhalten dementsprechend anzupassen, um größtmögliche Erfolge zu erzielen. Lernfähige Lebewesen besitzen dadurch einen Überlebensvorteil gegenüber anderen Lebewesen, wobei etwa Menschen unter den Tieren durch eine besonders hohe Lernfähigkeit bevorzugt sind, was aber auf die diesbezügliche Unvollkommenheit der genetischen Ausstattung bei der Geburt zurückzuführen ist. Nahezu all menschlichen Fähigkeiten müssen daher durch Lernprozesse erworben werden, wobei das menschliche Gehirn bis in das hohe Alter in der Lage ist, neues Wissen zu verarbeiten und zu behalten.

    In der  lernpsychologischen Perspektive wird Lernen demnach als Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens auf Grund von Erfahrung oder neu gewonnenen Einsichten aufgefasst. Das Wort Lernen geht übrigens auf das Gotische  lais (ich weiß) und auf das indogermanische Wort lis (gehen) zurück, sodass die Herkunft des Wortes  also darauf hindeutet, dass mit Lernen ein Prozess gemeint ist, bei dem man einen Weg zurücklegt und dabei zu Wissen gelang.

    Einige Definitionen
    „Lernen ist ein Sammelname für verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltensänderung durch Erfahrung führen“ (o.A., 1976, S. 340).
    „Wir bezeichnen mit dem Wort Lernen jede relativ permanente Veränderung im Verhalten aufgrund vorausgegangener Erfahrung“ (o.A., 1971, S. 92).
    „Lernen: Oberbegriff für alle Verhaltensänderungen auf Grund von Erfahrungen und somit abgrenzbar gegen jene Verhaltensänderungen, die sich auf Grund von Reifung, Ermüdung, Erkrankungen, mechanischen Einflüssen und Drogeneinwirkung ergeben“ (o.A., 1992, S. 204).
    „Lernen ist ein Vorgang, durch den eine Aktivität im Gefolge von Reaktionen des Organismus auf eine Umweltsituation entsteht oder verändert wird“ (o.A., 1974, S. 182).
    In der modernen Lernpsychologie ist Lernen eine kontinuierliche Reifung von Einstellungen und Verhaltensweisen, die aufgrund von Erfahrungen stattfindet (vgl. o.A., 1994, S. 435).
    Lernen im weitesten Sinne ist Aufnehmen, subjektives Einordnen und Bereithalten von Erfahrungen, von Wissens- und Erlebnisinhalten. Dies ist eine besondere Fähigkeit des Menschen, durch die er auf die Ansprüche der Umwelt effizient reagieren kann (vgl. o.A., 1975, S. 151).
    Lernen ist absichtlicher beiläufiger, individueller oder kollektiver Erwerb von geistigen, körperlichen und sozialen Kenntnissen und Fertigkeiten. Aus lernpsychologischer Sicht wird Lernen als ein Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgefasst. Lebenslanges Lernen umfasst alles formale, nicht-formale und informelle Lernen an verschiedenen Lernorten von der frühen Kindheit bis einschlieβlich der Phase des Ruhestands (o.A., o.J.).
    Jeder Mensch lernt. Es ist eine anthropologische Gegebenheit, dass wir ohne Kenntniszuwachs nicht überleben könnten. Das heißt der Mensch lernt, weil (oder: damit) er lebt. Lange Zeit war die einzige Form des Lernens das sozialisatorische Lernen im Alltag. Durch das unmittelbare Weitergeben der Kenntnisse und Fertigkeiten der älteren Generation lernten die Jungen von den Alten. Heutzutage treffen wir oft eine vom Leben abgetrennte Lernsituation. Sie besteht aus einem Lehrenden, der einen Wissens-oder Kompetenzvorsprung gegenüber dem Lernenden ausweist. Ziel des Lernens ist dabei die Aufhebung dieses Unterschieds. Der bildungswissenschaftliche Lernbegriff umfasst verschiedene Dimensionen. Die offensichtlichste ist die Inhaltsdimension. Durch das Lernen eignet man sich neue Lerninhalte, also Fertigkeiten oder Kenntnisse, an. In der Auseinandersetzung mit der Umwelt macht jeder abhängig von den eigenen Interessen neue Erfahrungen. Das dadurch erworbene Wissen führt zu einem Transformationsprozess, was auch ein Um- oder Verlernen bedeuten kann. Lernen wird als ganzheitlicher Prozess verstanden, der immer in eine soziale Praxis eingelagert. Lernen ist ein lebensbegleitendes Phänomen und es bezieht sich nicht nur auf das Lernen in Institutionen. Wir lernen bei der Ausübung unserer Hobbys, bei einer Reifenpanne, bei einer Wanderung, beim Backen oder Kochen. Die Zahl der Beispiele ist unendlich. Lernen findet immer und überall statt (Zinoun, 2014).
    Lernen ist ein Akt der Erkenntnis zwischen Erfahrung und Begreifen. Es geht beim Lernen darum, durch Erfahrung interne, in sich drehende Kreisläufe des Denkens zu öffnen und das Neue zuzulassen. In den Routinen menschlicher Aktivitäten könnten so Lücken aufbrechen, woraus Widerstände hervordrängen. So kann Neues entstehen. Angestoßen wird Lernen durch Probleme, Irritationen, Diskrepanzen oder Krisen, welche die Reflexion dieser Erfahrungen provozieren und das Denken verändern. Lernen ist eine kognitiv-emotional-motorische Einheit. Impulse zum Lernen rufen immer auch Emotionen hervor. Lernanlässe ergeben sich so aus der Motivation, Probleme zu lösen, aus dem Wunsch, mehr zu wissen und zu können oder aus Bedürfnissen, die man befriedigen will (Faulstich, 2014).

    Lernen ist für die Erziehung nach Prange (2002) unableitbar gegeben, soll heißen: Es gibt das Lernen. Punkt. Man kann und braucht es nicht aus etwas anderem herzuleiten, aus der Gesellschaft etwa, oder aus unserer leiblichen Verfassung oder unserer genetisch-evolutionären Erbschaft. Etwas vorsichtiger formuliert, aber mit demselben Resultat lässt sich sagen: Für die Pädagogik gibt es das Lernen und ist sozusagen die Betriebsprämisse aller Maßnahmen des Erziehens. Pädagogen beziehen sich in der Erziehung immer auf Lernen, setzen es als gegeben voraus, selbst dann, wenn sie auf Widerstand und Widerwillen stoßen. Auch in diesen Fällen rechnet man damit, dass Kinder oder sonstige Adressaten lernen können. Es muss nicht erst hergestellt werden; man kann nicht erst das Lernen lehren und dann wird gelernt. Dazu müsste man schon lernen können. Es muss schon gegeben sein, sonst käme es pädagogisch gar nicht in Gang. Das Lernen ist dem Erziehen vorgegeben, ein ursprüngliches Können, das zur menschlichen Verfassung gehört wie der Herzschlag und die Leberfunktion. Das Lernen ist eine anthropologische Konstante, eine Mitgift der Natur, so wie der Tatbestand, dass Menschen immer in einer geschlechtlichen Variante vorkommen, die man sich nicht aussuchen und auch nicht konstruieren kann, oder der Tatbestand, dass Menschen erst klein sind, heranwachsen, ausgewachsen sind, altern und sterben. Das sind anthropologische Konstanten, pädagogisch gesehen als Unterlage dafür, wie man diese Tatbestände verarbeitet, was man aus sich machen oder nicht machen kann. Darin besteht, was man Kultur nennt, eine Schöpfung auf dem Grunde der Ausstattung.


    Man muss Lernen wollen

    Aktives Lernen ist ein großes Thema in Erziehung, Psychologie und den Neurowissenschaften, wobei zahlreiche Studien belegen, dass beim aktiven Lernen Aufmerksamkeit, Motivation und kognitive Kontrolle erhöht werden und so das Gelernte besser behalten wird. Bei Mäusen hatte man den zugrunde liegenden Mechanismus entdeckt und versucht nun, diesen auch bei Menschen nachzuweisen. Estefan et al. (2021) haben bei Menschen die physiologischen Mechanismen identifiziert, die dafür verantwortlich sind, dass diese besonders effizient lernen, wenn sie es selbstbestimmt und aus einer Eigenmotivation heraus tun.  Man untersuchte die Theta-Wellen bei Menschen mit Epilepsie, denen Elektroden in das Gehirn implantiert worden waren, wenn diese ein Spiel in einer virtuellen Realität absolvierten. Dabei mussten sie entlang einer Strecke navigieren und sich Bilder einprägen, die an unterschiedlichen Stellen des Wegs präsentiert wurden. Die ProbandInnen konnten sich dabei entweder aktiv in der virtuellen Umgebung bewegen oder sahen nur die Bilder entlang eines Pfades, den ein anderer Teilnehmer zurückgelegt hatte, d. h., in diesem Fall hatten sie also keine Kontrolle darüber, wie sie sich die verschiedenen Objekte in der virtuellen Umgebung einprägen konnten. Nach der Aufzeichnung der elektrophysiologische Aktivität im Hippocampus während der Navigationsaufgabe überprüft man, wie gut sich die ProbandInnen nach dem Versuch an die Objekte erinnern konnten. Bei Versuchspersonen, die aktiv navigieren durften, konnte man einen Anstieg der Theta-Oszillationen beobachten, die das Lernen und anschließend das Erinnern effizienter gemacht haben. Es gab allerdings zwei aufeinanderfolgende Phänomene, die zeitlich nur Millisekunden auseinanderlagen: eines korrespondierte mit dem Einspeichern der Information, das andere mit dem Abruf der zuvor gespeicherten Information, also einer Reaktivierung des Gedächtnisses. Tatsächlich zeigten ProbandInnen, die frei durch die virtuelle Umgebung navigierten und Informationen somit besser speichern und erinnern konnten, eine ähnliche Theta-Aktivität, wie sie zuvor bei den Mäusen beobachtet worden war. Daraus kann man schließen, dass auch die Willenskraft entscheidend ist, um Informationen ins Gedächtnis zu integrieren, was nichts anderes bedeutet, dass Menschen, die gezwungen werden, etwas zu lernen, diese Inhalte schlechter im Gedächtnis behalten.

    Siehe auch Was ist Lernen?


    Ronya Othmann reiht übrigens das Wort Lernen auf Grund des inflationären Gebrauchs in die Reihe der Unwortungetüme ein. Sie schreibt: “Lernen ist so ein Modewort geworden. Aus allem soll man heute etwas lernen, über die eigenen Privilegien, aus gescheiterten Ehen und Naturkatastrophen. Lernen ist ja erst mal nichts Schlechtes, wenn man es als Ausbessern von Mängeln begreift. Demokratien etwa sind keine perfekten Systeme, sondern müssen sich immer weiterentwickeln, um Schritt zu halten mit gesellschaftlichem Wandel, aber auch um sich vor Bedrohungen zu schützen. Das Lernen darf aber nicht zu einer Floskel verkommen, mit der man ein Problem der Gesellschaft und Politik mit Rassismus, Misogynie oder Antisemitismus auf die individuelle Ebene abwälzt. Kosmetik reicht nicht, es bedarf konkreter Schritte.”


    Literatur

    Dorsch, F. (1976). Dorsch Psychologisches Wörterbuch – 9. Auflage. Bern: Hans Huber.
    Daniel Pacheco Estefan, Riccardo Zucca, Xerxes Arsiwalla, Alessandro Principe, Hui Zhang, Rodrigo Rocamora, Nikolai Axmacher & Paul F. M. J. Verschure (2021). Volitional learning promotes theta phase coding in the human hippocampus. Proceedings of the National Academy of Sciences, doi:10.1073/pnas.2021238118.
    Faulstich, P. (2014):.Lerndebatten. Phänomenologische, pragmatistische und kritische Lerntheorien in der Diskussion. Bielefeld: transcript.
    Ipfling, H.-J: (1974). Pädagogische Fachsprache. München: Ehrenwirth.
    Köck, P. & Ott, H. (1994). Wörterbuch für Erziehung und Unterricht – 5. Auflage. Donauwörth: Auer.
    Prange, K. (2002). Erziehen als gegliedertes Zeigen und Lernen. Praxis Schule 5–10, Heft 5, 6–8.
    Rombach, H. (1971). Lexikon der Pädagogik 3 – neue Ausgabe. Freiburg: Herder.
    Tewes, U. & Wildgrube, K. (1992). Psychologie – Lexikon. München, Wien: Oldenbourg.
    Zinoun. K. (2014). Lernen ist immer und überall. Grundbegriffe Bildungswissenschaft.
    WWW: http://www.zinoun.de/lernen-ist-immer-und-ueberall/ (14-11-13)
    Zöpfl, H., Bittner G., Mühlbauer, R. & Tschamler, H. (1975). Kleines Lexikon der Pädagogik und Didaktik. Donauwörth: Auer.

     


    Weitere Seiten zum Thema

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.