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Tics sind wiederauftretende, unwillkürliche Entladungen eines oder mehrerer Muskeln, meist im Gesicht, wobei Tics als zeitweilige, wiederholte, stereotype Bewegungen oder auch Töne besonders bei Kindern in einer seltenen oder fast ununterbrochenen Weise auftreten. Er kann sich als Husten, Grunzen, Gesichtszuckungen, aber auch Schulterzucken zeigen und sind „normalen“ Bewegungen ähnlich, sie sind aber nicht freiwillig. Tics sind also meist kurze Bewegungen oder Lautäußerungen, die oft in rascher Abfolge und ohne ersichtlichen Bezug zur aktuellen Situation wiederholt werden. Starkes Blinzeln oder Kopfschleudern beispielsweise zählen zu den motorischen, Räuspern oder Pfeifen zu den vokalen Tics. Oft geht ein Tic mit weiteren Verhaltensauffälligkeiten wie Ängsten und Zwängen, ADHS oder einer Depression einher, die soziale Ausgrenzung der Betroffenen ist eine häufige Folge.

In Erscheinung treten Tic-Störungen meistens in der Kindheit. Meist kommt es zu einer Anhäufung des Verhaltens, wenn das Kind oder eine andere Person versucht die Bewegungen zu verhindern. Tics treten in der Kindheit sehr häufig auf, verschwinden aber bei Nichtbeachten meist von selbst. Bei etwa 10% der Buben, bei Mädchen treten Tics eher selten auf. Eine transiente bzw. vorübergehende Tic-Störung geht mit motorischen und/oder vokalen Tics einher, die meist weniger als ein Jahr andauern, während chronische Tic-Störungen dadurch gekennzeichnet sind, dass die Tics über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr vorhanden sind. Die chronische motorische Tic-Störung unterscheidet sich vom Tourette-Syndrom (siehe unten) lediglich durch das Fehlen vokaler Tics, denn meist sind auch die motorischen Tics schwächer ausgeprägt und die Häufigkeit und Schwere der psychiatrischen Komorbiditäten ist geringer.

Tics erreichen zwischen 10 und 13/14 Jahren bei den meisten Betroffenen die stärkste Ausprägung, wobei eine deutliche Abnahme der Symptomatik meist erst mit dem Ende der Pubertät eintritt. Neben dem Alter und den langfristigeren Schwankungen treten auch über den Tag verteilt Veränderungen in der Ticfrequenz auf, die sich zum Beispiel während Konzentrationsphasen oder bei Entspannung zeigen. Auch wechselnde oder anhaltende Umgebungsfaktoren können zu emotionaler Erregung (positiv und negativ), Müdigkeit sowie psychosozialem Stress zu einer veränderten Ticfrequenz führen. Da es in vielen Fällen eine spontane Heilung gibt, ist eine Behandlung meist unnötig bzw. verstärkt unter Umständen nur die Symptome.

Eine der wohl bekanntesten Tic-Störungen ist das Tourette-Syndrom, bei dem verschiedene vokale und motorische Tics gemeinsam auftreten. Schätzungen zufolge erfüllt etwa jedes hundertste Kind die diagnostischen Kriterien eines Tourette-Syndroms. Oftmals, aber nicht immer, schwächen sich die Symptome spätestens im Erwachsenenalter ab.

Komplexe motorischer Tics sind die Kopropraxie und die Echopraxie, wobei man unter Kopropraxie das Ausführen unwillkürlicher, nicht zweckgebundener obszöner Bewegungen und Gesten versteht. Häufige Symptome sind das Berühren des eigenen Genitals, Masturbationsbewegungen, das Herausstrecken der Zunge oder das Zeigen des Mittelfingers sein. Dieser Tic ist für die Betroffenen und ihre Umgebung oft sehr belastend, tritt aber nur sehr selten auf. Als Echopraxie bezeichnet man die automatische, zwanghafte Nachahmung und Wiederholung von Bewegungen und Bewegungsabläufen aber auch Sprachäußerungen anderer Menschen (Echolalie), wobei wenn diese Nachahmung besonders die Mimik und Gesten anderer betrifft, spricht man von Echomimie. Die Echopraxie tritt meist bei Schizophrenie, Asperger-Syndrom, Autismus, Oligophrenie und dem Tourette-Syndrom auf, wobei in einigen Fällen auch Alzheimer-Patienten betroffen sein können.

Nur wenig ist darüber bekannt, wie Tics im Gehirn eigentlich entstehen. In den vergangenen Jahren hat die neurologische Forschung verschiedene Areale des Gehirns identifiziert, die für Tics eine Rolle spielen. Unklar blieb jedoch, welche dieser Hirnareale die Tics auslösen und welche stattdessen aktiv sind, um fehlerhafte Prozesse zu kompensieren. Ganos et al. (2022) haben nun ein neuronales Netzwerk identifiziert, das für die Entstehung von Tic-Störungen verantwortlich ist, wobei eine Reizung dieses Netzwerks durch tiefe Hirnstimulation bei Menschen mit Tourette-Syndrom zur Linderung der Symptome geführt hat. Sie konnten jetzt auch zeigen, dass es nicht eine einzelne Hirnregion ist, die die Verhaltensstörungen verursacht, sondern Tics sind auf Fehlfunktionen in einem Netzwerk verschiedener Areale im Gehirn zurückzuführen.

Methode war eine Konnektivitätsanalyse auf Basis eines Durchschnittsschaltplans des menschlichen Gehirns, durch die man zeigen konnte, dass die Hirnschädigungen von Patientinnen  trotz unterschiedlicher Lokalisation im Gehirn nahezu alle Teil eines gemeinsamen Nervengeflechts waren. Dieses Netzwerk umfasste verschiedenste Bereiche des Gehirns, nämlich die Inselrinde (Cortex insularis), die Gürtelwindung (Gyrus cinguli), das Striatum, den Globus pallidus internus, den Thalamus sowie das Kleinhirn. Diese Strukturen sind praktisch über das gesamte Gehirn verteilt und haben unterschiedlichste Funktionen, von der Steuerung der Motorik bis zur Verarbeitung von Emotionen. Sie alle wurden in der Vergangenheit bereits als mögliche Auslöser für Tics diskutiert, ein eindeutiger Beweis ist jedoch bisher nicht gelungen und auch ein direkter Zusammenhang zwischen diesen Strukturen war nicht bekannt. Jetzt weiß man aber, dass diese Hirnbereiche ein Netzwerk bilden und tatsächlich die Ursache für Tic-Störungen sein können. Dass das jetzt identifizierte Nerven-Netzwerk auch für die Behandlung klassischer Tics relevant ist, zeigte man anhand einer Analyse von Menschen mit Tourette-Syndrom, denen Hirnschrittmacher mit unterschiedlich platzierten Elektroden implantiert worden waren. Eine solche tiefe Hirnstimulation kommt aktuell in besonders schweren Fällen zum Einsatz, wenn verhaltenstherapeutische und medikamentöse Ansätze nicht ausreichend wirken. Dabei bestimmte man anhand von Hirnscans für jeden der Tourette-Betroffenen, wo exakt die Elektroden des Hirnschrittmachers positioniert worden waren und ob diese das Tic-auslösende neuronale Netzwerk stimuliert hatten. Tatsächlich zeigte sich, dass die Symptome der Betroffenen am stärksten zurückgingen, je präziser die Elektroden das Tic-Netzwerk stimulierten. Menschen mit schweren Tic-Störungen profitieren also offenbar am meisten, wenn die tiefe Hirnstimulation auf das Tic-Netzwerk abzielt.


Hinweis: Die Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie unterhält am Charité Campus Mitte in Berlin eine Ambulanz für Tic-Störungen. Sie bietet Betroffenen eine umfassende Beratung und Behandlung, die auf aktuellen neurologischen, psychiatrischen und verhaltenspsychologischen Erkenntnissen beruht und auch zusätzlich bestehende Störungen berücksichtigt. Zu den therapeutischen Angeboten gehört neben der medikamentösen und verhaltenstherapeutischen Behandlung auch die tiefe Hirnstimulation.


Literatur

Ganos, Christos, Al-Fatly, Bassam, Fischer, Jan-Frederik, Baldermann, Juan-Carlos, Hennen, Christina, Visser-Vandewalle, Veerle, Neudorfer, Clemens, Martino, Davide, Li, Jing, Bouwens, Tim, Ackermanns, Linda, Leentjens, Albert, Pyatigorskaya, Nadya, Yulia, Worbe, Fox, Michael, Kühn, Andrea & Horn, Andreas (2022). A neural network for tics: insights from causal brain lesions and deep brain stimulation. Brain, doi: 10.1093/brain/awac009.



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