Unter dem Begriff Agency – Handlungsfähigkeit, Handlungsstärke oder Eigenverantwortung – versteht man in der Psychologie die fundamentale menschliche Fähigkeit, das eigene Leben, Denken und Handeln bewusst zu steuern und aktiv auf die physische wie soziale Umwelt einzuwirken. Im Gegensatz zu einer rein passiven Anpassung an gegebene Umstände drückt Agency aus, dass der Mensch als aktiver Gestalter seines Handelns auftritt. Seinen theoretischen Ursprung hat der Begriff unter anderem in den Arbeiten von Albert Bandura, der damit beschrieb, wie Menschen intentional agieren und die Konsequenzen ihres Tuns reflektieren. Eine zentrale Säule bildet dabei die Selbstwirksamkeitsüberzeugung – also die psychologische Grundüberzeugung einer Person, durch eigenes Handeln konkrete Effekte erzielen zu bewältigen und Herausforderungen zu meistern.
Obwohl der Terminus in jüngster Zeit vor allem im Kontext der modernen Arbeitswelt und des technologischen Wandels durch Künstliche Intelligenz als vermeintlicher Trendbegriff populär geworden ist, handelt es sich aus Sicht der Differenziellen Psychologie keineswegs um eine isolierte Persönlichkeitseigenschaft oder einen einfachen Punkt auf einer Checkliste. Vielmehr beschreibt Agency ein komplexes Zusammenspiel verschiedener psychologischer Prozesse, Haltungen und Kompetenzen. Dazu gehören neben der Selbstwirksamkeit insbesondere Proaktivität, Eigeninitiative, klare Zielorientierung, fortlaufende Selbstregulation sowie die Übernahme von persönlicher Verantwortung. In der praktischen Umsetzung verbindet Agency die innere Haltung des Vertrauens mit zielgerichtetem Tun. Es geht im Kern darum, vage Absichten in produktives Handeln zu übersetzen und gesetzte Ziele konsequent zu erreichen.
Ein wesentlicher Aspekt, der Agency von verwandten Konzepten wie der reinen Selbstwirksamkeit abgrenzt, ist die untrennbare Einbettung des Individuums in einen bestimmten Kontext. Wer über ausgeprägte Agency verfügt, agiert nicht im luftleeren Raum, sondern verändert aktiv das umgebende System. Dies zeigt sich beispielsweise in unternehmerischem Denken: Betroffene Personen warten selten passiv auf Vorgaben oder explizite Erlaubnisse von außen, sondern ergreifen von sich aus Initiative, blicken neugierig nach vorn, lösen sich von starren, veralteten Systemen und lassen sich auch von temporären Selbstzweifeln nicht bremsen.
Dass der Begriff eine solche Renaissance erlebt, liegt vor allem an den tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt durch die Verbreitung Künstlicher Intelligenz. Wenn automatisierte Systeme standardisierte Wissensarbeit übernehmen, wandeln sich die menschlichen Anforderungen grundlegend. In einer vernetzten und dynamischen Arbeitsumgebung reichen traditionelle Denkmuster und starre Zielorientierungen nicht mehr aus. Gefragt sind Menschen, die sich immer wieder neu erfinden, Vorhaben eigenverantwortlich anpacken und Ziele definieren, anstatt sie nur stumpf abzuarbeiten. Aus arbeitspsychologischer Sicht ist Agency dabei auch ein starker Schutzfaktor für die psychische Gesundheit: Sie fördert die intrinsische Leistung, weil aus eigenem Antrieb und tiefer Überzeugung gehandelt wird und nicht primär für äußere Belohnungen oder soziale Anerkennung.
Dennoch lässt sich Agency im Sinne einer stabilen psychologischen Funktionsfähigkeit nur bedingt willentlich trainieren. Zwar können bestimmte Verhaltensweisen geschult werden, doch wesentliche Facetten sind tief in der individuellen Persönlichkeitsstruktur verankert, genetisch mitgeprägt und durch eine jahrelange Sozialisation geformt, die sich nicht einfach abstreifen lässt. Mit den massiv steigenden Anforderungen der modernen Wissensarbeit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz wird dieser Umstand verdeutlichen, dass dieser Transformationsprozess nicht allen Menschen gleich leichtfallen wird.
Literatur
Bandura, A. (2001). Social cognitive theory: An agentic perspective. *Annual Review of Psychology*, 52(1), 1–26.