Under Hyperphantasie – hyperphantasia – versteht man in der Psychologie und den Kognitionswissenschaften die Ausprägung eines extrem lebhaften, detailreichen und quasi-realistischen visuellen Vorstellungsvermögens. Während die meisten Menschen in der Lage sind, Bilder vor dem inneren Auge zu evozieren, erreichen diese mentalen Repräsentationen bei Menschen mit Hyperphantasie eine Klarheit und Intensität, die der tatsächlichen visuellen Wahrnehmung im Wachzustand kaum nachsteht. Das Phänomen bildet das exakte neurologische Gegenstück zur bekannteren Aphantasie, dem vollständigen Fehlen eines visuellen Vorstellungsvermögens. Der Begriff wurde maßgeblich durch den britischen Neurologen Adam Zeman geprägt, der das Spektrum der menschlichen Vorstellungskraft in den Fokus der modernen Hirnforschung rückte.
Menschen mit Hyperphantasie erleben ihre innere Welt mit einer verblüffenden Plastizität, d. h., wenn sie an eine vertraute Person, einen Urlaubsort oder einen Gegenstand denken, sehen sie nicht nur eine vage Skizze, sondern ein hochauflösendes Bild mit präzisen Mustern, feinen Farbnuancen, Lichtreflexen und räumlicher Tiefe. Diese Fähigkeit beschränkt sich häufig nicht nur auf das visuelle System, sondern geht oft mit einer gesteigerten Vorstellungskraft in anderen Sinnesmodalitäten einher, d. h., es gibt auch eine Hyperphantasie im auditiven, olfaktorischen oder gustatorischen Bereich. So können Betroffene beim Lesen eines Romans die beschriebene Szenerie wie einen Kinofilm vor sich ablaufen lassen, Melodien im Kopf mit der vollen Dynamik eines Orchesters hören oder den Geschmack eines Gerichts allein durch die gedankliche Beschäftigung damit täuschend echt reaktivieren.
Ein klassisches Alltagsbeispiel ist die Rekonstruktion von Erinnerungen: Fragt man eine hyperphantastische Person nach ihrem letzten Geburtstag, erinnert sie sich meist nicht nur faktisch an das Ereignis, sondern durchlebt die visuelle Szenerie erneut, d. h., sie sieht das Muster der Tischdecke, das Flackern der Kerzen und die Gesichtsausdrücke der Gäste so, als stünde sie wieder im Raum. Im kreativen oder beruflichen Kontext kann diese Eigenschaft erhebliche Vorteile bieten, denn Designer, Architekten oder Autoren mit Hyperphantasie sind oft in der Lage, komplexe dreidimensionale Strukturen oder vielschichtige Welten im Geist völlig fertigzustellen, zu rotieren und zu inspizieren, bevor sie den ersten Strich auf Papier oder dem Bildschirm setzen.
Neurowissenschaftliche Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) legen nahe, dass Hyperphantasie auf einer besonders stark ausgeprägten Konnektivität und einem intensiven Informationsfluss zwischen den frontoparietalen Kontrollnetzwerken des Gehirns und den sensorischen Arealen im Hinterhauptslappen, also dem visuellen Cortex beruht. Bei der mentalen Visualisierung feuern die visuellen Verarbeitungszentren in einer Weise, die der realen Wahrnehmung ähnlich ist.
Trotz der offensichtlichen Stärken bringt das Phänomen auch Herausforderungen mit sich, denn eine hyperphantastische Veranlagung kann zu einer Reizüberflutung durch die eigenen Gedanken führen. Unangenehme oder traumatische Erinnerungen, Sorgen und Ängste werden mit derselben quälenden visuellen Brillanz und Härte reaktiviert wie positive Erlebnisse, was das psychische Wohlbefinden bei Belastungen negativ beeinflussen kann. Zudem neigen betroffene Menschen manchmal dazu, sich in ihren lebendigen Tagträumen zu verlieren, was man als maladaptive daydreaming bezeichnet. Dennoch wird Hyperphantasie in der Psychologie nicht als Störung oder Pathologie klassifiziert, sondern als eine gesunde, am oberen Ende des Spektrums angesiedelte Variante der menschlichen Neurodiversität.
Literatur
Bainbridge, W. A., Pounder, Z., Eardley, A. F. & Baker, C. I. (2021). The cognitive and perceptual correlations of an- and hyperphantasia. Cortex, 139, 43–59.
Dance, C. J., Ward, J. & Simner, J. (2022). What is the link between mental imagery and sensory sensitivity? Insights from aphantasia and hyperphantasia. Cortex, 150, 112–126.
Zeman, A., Milton, F., Della Sala, S., Dewar, M., Frayling, T., Gaddum, J., Hattersley, A., Heuerman-Williamson, B., Jones, K., MacKisack, M. & Winlove, C. (2020). Phantasia – the spectrum of visual imagery vividness: An exploratory study of hyperphantasia and aphantasia. Cortex, 130, 426–440.