Therapy Speak – auch „Therapie-Sprech“ oder „Therapeutisierung der Alltagssprache“) -bezeichnet die zunehmende Verwendung klinisch-psychologischer Fachbegriffe und Konzepte in der alltäglichen, nicht-therapeutischen Kommunikation. Dieses Phänomen beschreibt den Transfer von Vokabular, das ursprünglich für den geschützten Raum der Psychotherapie entwickelt wurde, in den privaten und öffentlichen Diskurs, insbesondere über soziale Medien wie TikTok, Instagram oder Twitter.
Während dieser Prozess einerseits zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beigetragen hat, wird er andererseits kritisch betrachtet, da komplexe zwischenmenschliche Dynamiken oft auf klinische Schlagworte reduziert werden. Typische Beispiele für Therapy Speak im Alltag sind Begriffe wie „Gaslighting“, „Trauma Dumping“, „Boundaries“ (Grenzen setzen), „Emotional Labor“ (Gefühlsarbeit) oder „Holding Space“.
Ein klassisches Szenario für Therapy Speak ist etwa die Beendigung einer Freundschaft per Textnachricht unter Berufung auf die eigene „mentale Kapazität“ oder das Labeln eines egozentrischen Ex-Partners als „Narzissten“, ohne dass eine klinische Diagnose vorliegt.
Kritiker führen an, dass die inflationäre Verwendung dieser Begriffe zu einer Entfremdung in Beziehungen führen kann, da sie oft dazu genutzt werden, sich hinter einer pseudo-professionellen Barriere zu verschanzen oder unangenehme soziale Verpflichtungen zu umgehen. Zudem besteht die Gefahr der Pathologisierung normalen menschlichen Leidens oder gewöhnlicher Konflikte, indem diese unmittelbar als „toxisch“ oder „traumatisch“ umgedeutet werden.
Psychologisch betrachtet fungiert Therapy Speak oft als Werkzeug der Selbstoptimierung und der Identitätsbildung, kann jedoch die Tiefe echter emotionaler Resonanz mindern, wenn Gespräche mehr einem klinischen Protokoll als einem authentischen Austausch gleichen.
Therapy Speak meint also alltagspsychologische Formulierungen, die nach „Therapie“ klingen, aber oft übertrieben oder ungenau verwendet werden. Meist stammen sie aus Psychotherapie, Social Media oder Ratgeber-Bubbles und rutschen dann in den normalen Alltagsdialog.
Typische Einzelwörter
„Das war total traumatisierend.“ – gesagt nach einem peinlichen Meeting oder einem schlechten Date, nicht nach einem echten Trauma.
„Der ist voll toxisch.“ – als allgemeines Schimpfwort für „unangenehm“ oder „nervig“, egal ob tatsächlich schädliche Dynamik dahintersteht.
„Sie ist ein Narzisst.“ – Diagnose-Begriff als Etikett für jemanden, der egoistisch oder unsensibel wirkt.
„Das hat mich total getriggert.“ – genutzt für jedes Ärgernis oder jede Genervtheit, nicht nur für echte Trigger im Kontext von Traumafolgestörungen.
Ganze Sätze im Therapy Speak
„Ich habe gerade nicht die emotionale Kapazität, dieses Gespräch zu führen.“ – klingt professionell-abgegrenzt, wird aber auch genutzt, um sich aus unangenehmen Gesprächen elegant zu ziehen.
„Ich muss meine Grenzen wahren, wenn du mich so ansprichst.“ – berechtigtes Konzept, aber oft als Totschlagargument, um Kritik oder Konflikt abzuwehren.
„Deine Erwartungshaltung triggert mich, das ist emotionaler Missbrauch.“ – Alltagskonflikte werden in pathologisierende Sprache „übersetzt“.
Social-Media-Formulierungen
„Mein inneres Kind ist davon total verletzt.“ – als generelle Dramatisierung von Kränkung oder Enttäuschung.
„Ich muss gerade auf meine Mental Health achten und people-pleasen nicht mehr.“ – teils ernst gemeint, teils als Rechtfertigung, sich stark zurückzuziehen.
„Ich erkenne da so viele Red Flags.“ – schon bei kleineren Macken in Dating-Situationen verwendet.
Wo es problematisch wird
Begriffe wie Trauma, Trigger oder Narzissmus verlieren an Schärfe, wenn sie im Alltag als Übertreibung oder Beleidigung benutzt werden.
Arnsthafte psychische Störungen werden verwässert, und gleichzeitig kann die „therapierte“ Sprache echte Gefühle eher verdecken als klären.
Literatur
Grotstein, J. S. (2024). The language of the soul: From clinical terminology to popular discourse. Academic Press.
Illouz, E. (2008). Die Errettung der modernen Seele: Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Suhrkamp.
McWhorter, J. (2023). How therapy speak is changing the way we talk and think. Journal of Psycholinguistic Research, 52(4), 1102–1115.
O’Connell, K. (2021). Social media and the rise of pop-psychology: A linguistic analysis. Mental Health Review, 15(2), 45–58.