Unter dem Begriff Mausmodell versteht man in der Psychologie, insbesondere in der Biopsychologie, Neuropsychologie und Psychiatrieforschung, die Verwendung der Hausmaus (Mus musculus) als nicht-humanen tierischen Modellorganismus zur Untersuchung menschlicher Erlebens- und Verhaltensweisen sowie deren neurobiologischer Grundlagen. Die zentrale Begründung für diesen Ansatz liegt in der hohen genetischen, physiologischen und neurologischen Homologie zwischen Maus und Mensch; so teilen beide Spezies etwa 85 % ihrer protein-kodierenden Gene, was die Untersuchung komplexer psychischer Prozesse auf einer molekularen und zellulären Ebene ermöglicht, die am Menschen aus ethischen und praktischen Gründen nicht direkt zugänglich sind.
Ein wesentlicher Vorteil des Mausmodells ist die Möglichkeit der präzisen experimentellen Manipulation, etwa durch die Erzeugung transgener Linien (z. B. Knockout-Mäuse, bei denen gezielt bestimmte Gene deaktiviert werden), um die Rolle spezifischer Neurotransmitter oder Rezeptoren bei der Entstehung psychischer Störungen zu identifizieren. In der Verhaltensforschung werden standardisierte Paradigmen eingesetzt, um menschliche Konstrukte wie Angst, Depression, Lernen oder Gedächtnis zu operationalisieren. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Morris Water Maze, ein mit trübem Wasser gefülltes Becken, in dem die Maus eine versteckte Plattform finden muss, was als Maß für das räumliche Lernen und das deklarative Gedächtnis dient. Zur Untersuchung von affektiven Störungen wie der Depression wird häufig der Porsolt-Test (Forced Swim Test) angewandt, bei dem das Ausmaß der Immobilität der Maus als Indikator für erlernte Hilflosigkeit gewertet wird, während der Elevated Plus Maze (ein erhöhtes, kreuzförmiges Labyrinth mit offenen und geschlossenen Armen) zur Messung von angstähnlichem Verhalten genutzt wird, wobei die Vermeidung der offenen Arme als Maß für die Ängstlichkeit gilt.
Trotz der enormen Bedeutung für die Entwicklung von Psychopharmaka und das Verständnis der Pathophysiologie von Erkrankungen wie Alzheimer, Schizophrenie oder Suchterkrankungen steht das Mausmodell vor der Herausforderung der translationalen Validität. Kritiker betonen, dass komplexe menschliche Emotionen und Kognitionen nur bedingt auf das Verhaltensrepertoire eines Nagers reduziert werden können und dass viele im Mausmodell erfolgreiche Wirkstoffe in klinischen Studien am Menschen scheitern. Daher umfasst die moderne Forschung nicht nur die genetische Ähnlichkeit, sondern legt gesteigerten Wert auf die Konstruktvalidität, d. h. die Übereinstimmung der theoretischen Ursachen, und die prädiktive Validität, d. h. die Vorhersagekraft für die Behandlung am Menschen.
Ethisch ist die Forschung an Mausmodellen streng reglementiert und folgt dem 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine), um Tierleid zu minimieren und die Anzahl der Versuchstiere auf das absolut notwendige Maß zu beschränken, während gleichzeitig neue Methoden wie In-silico-Modelle oder Organoide an Bedeutung gewinnen, das Mausmodell jedoch aufgrund der systemischen Komplexität eines lebenden Organismus weiterhin als unverzichtbarer Pfeiler der psychologischen Grundlagenforschung gilt.
Literatur
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