Moral Reframing ist ein psychologisches Konzept, das sich auf die gezielte Umdeutung oder Neurahmung von Argumenten im Rahmen moralischer Werte bezieht, die für eine bestimmte Zielgruppe besonders relevant sind. Es baut auf der Annahme auf, dass Menschen politische und soziale Themen nicht primär auf der Grundlage rationaler Überlegungen, sondern im Einklang mit ihren moralischen Überzeugungen und Wertorientierungen beurteilen. Ein zentraler theoretischer Bezugspunkt ist die Moral Foundations Theory von Haidt und Graham (2007), die davon ausgeht, dass moralische Urteile auf verschiedenen grundlegenden Dimensionen wie Fürsorge/Schaden, Fairness/Betrug, Loyalität/Verrat, Autorität/Subversion und Reinheit/Entweihung beruhen. Moral Reframing nutzt dieses Wissen, indem Botschaften so formuliert werden, dass sie mit den moralischen Grundwerten der Adressaten resonieren, auch wenn der ursprüngliche Absender selbst andere moralische Prioritäten setzt.
So zeigt sich beispielsweise, dass liberale Menschen in den USA tendenziell stärker auf die Werte Fürsorge und Fairness reagieren, während konservativ orientierte Personen eher auf Loyalität, Autorität und Reinheit ansprechen (Graham et al., 2011). Studien haben belegt, dass politische Überzeugungen oder Handlungsbereitschaften beeinflusst werden können, wenn Argumente an die jeweils relevanten moralischen Grundlagen angepasst werden. Feinberg und Willer (2013) konnten nachweisen, dass konservative Personen eher bereit sind, umweltpolitische Maßnahmen zu unterstützen, wenn diese im Sinne von Reinheit und dem Schutz der Nation vor Verschmutzung argumentiert werden, anstatt im klassischen liberalen Narrativ von Gerechtigkeit oder Fürsorge. Ähnliche Effekte lassen sich auch in Debatten zu Einwanderung, Gesundheitspolitik oder gleichgeschlechtlicher Ehe nachweisen, wenn Argumente so gerahmt werden, dass sie die moralischen Intuitionen der jeweils anderen Seite ansprechen (Wolsko et al., 2016).
Psychologisch betrachtet stellt Moral Reframing damit eine Strategie dar, Kommunikationsbarrieren zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Wertorientierungen zu überwinden. Es basiert auf der Einsicht, dass Menschen Argumenten gegenüber aufgeschlossener sind, wenn diese an ihre eigenen moralischen Überzeugungen anschließen, anstatt diese herauszufordern. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Moral Reframing stets manipulativer Natur ist. Vielmehr kann es auch als Mittel zur Verständigung gesehen werden, indem Themen in einer moralischen Sprache präsentiert werden, die für die Gesprächspartner Sinn ergibt.
Kritisch diskutiert wird allerdings, ob die Methode langfristig zur Polarisierung beitragen kann, da sie die bestehenden Wertunterschiede eher betont als abbaut (Voelkel & Feinberg, 2018). Dennoch gilt Moral Reframing in der Sozial- und Kommunikationspsychologie als vielversprechender Ansatz, um Brücken zwischen ideologisch gespaltenen Gruppen zu schlagen und konstruktiven Dialog zu fördern.
Literatur
Feinberg, M., & Willer, R. (2013). The moral roots of environmental attitudes. Psychological Science, 24(1), 56–62.
Graham, J., Haidt, J., & Nosek, B. A. (2011). Liberals and conservatives rely on different sets of moral foundations. Journal of Personality and Social Psychology, 96(5), 1029–1046.
Haidt, J., & Graham, J. (2007). When morality opposes justice: Conservatives have moral intuitions that liberals may not recognize. Social Justice Research, 20(1), 98–116.
Voelkel, J. G., & Feinberg, M. (2018). Morally reframed arguments can undercut partisan divides and increase bipartisan support for political policies. Social Psychological and Personality Science, 9(8), 917–924.
Wolsko, C., Ariceaga, H., & Seiden, J. (2016). Red, white, and blue enough to be green: Effects of moral framing on climate change attitudes and conservation behaviors. Journal of Experimental Social Psychology, 65, 7–19.