Antizipation bezeichnet in der Psychologie die gedankliche, vorstellungsmäßige Vorwegnahme eines Ereignisses oder Handlungsziels bzw. von Zielen.

In einer Studie registrierte man EEG-Muster erwachsener Probanden, während diese mit Objekten unterschiedlicher Farbe und Gewicht hantierten. Danach zeigte man den Probanden ein Video von einem Mann, der mit den gleichen Gegenständen interagierte, wobei dann das Gehirn der Teilnehmer so reagierte, wenn er Handlungen um die Objekte herum nachahmte oder auf diese zeigte, als ob sie selbst die Objekte in den Händen hielten. Darüber hinaus spiegelte ihre neuronale Aktivität ihr eigenes Erfahrungslevel wider, d. h., aus den EEG-Mustern konnte man vorhersagen, wie die Erinnerung der Probanden etwa daran war, ob ein Objekt schwer oder leicht war, beeinflussen würde, wie sie die Handlungen des Mannes wahrnahmen. Das Gehirn sagt demnach die sensomotorischen Erfahrungen des Gegenübers vorher, wenn auch nur ein paar Millisekunden im Voraus.

Grabenhorst et al. (2019) haben in Verhaltensexperimenten jüngst gezeigt, dass das Gehirn in den drei verschiedenen Sinnesmodalitäten Sehen, Hören und Somatosensorik nicht auf Basis der Hazard Rate Vorhersagen trifft, sondern eine viel einfachere Berechnung verwendet, denn es schätzt lediglich den Kehrwert der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses. Die enge Beziehung zwischen der reziproken Wahrscheinlichkeit und dem Shannon-Informationsgehalt (Surprisal) deutet darauf hin, dass das Gehirn Wahrscheinlichkeiten tatsächlich als Information abbildet, d. h., die Wahrscheinlichkeit selbst ist jener grundlegende Parameter, den das Gehirn verwendet. Der Informationsgehalt bzw. Überraschungswert einer Information ist dabei eine logarithmische Größe, die angibt, wie viel Information in einer Nachricht übertragen wurde. Bei diesen Untersuchungen zeigte sich auch eine neue Perspektive bei der Schätzung der verstrichenen Zeit, denn bisherige Forschungen haben gezeigt, dass die Unsicherheit der Schätzung des Gehirns umso größer ist, je länger die verstrichene Zeit ist. Doch dieses Prinzip der monoton steigenden Unsicherheit mit der verstrichenen Zeit gilt nicht immer, sondern es ist tatsächlich die Wahrscheinlichkeitsverteilung von Ereignissen über den Zeitraum, die bestimmt, wann die Unsicherheit am geringsten oder am größten ist.

Literatur

Grabenhorst, M., Michalareas, G., Maloney, L. T. & Poeppel, D. (2019). The anticipation of events in time. Nature Communications, 10, doi:10.1038/s41467-019-13849-0.
https://notiert.stangl-taller.at/grundlagenforschung/wie-sagt-das-menschliche-gehirn-ereignisse-voraus/ (21-10-19)


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