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Kindheitsforschung

    Kindheitsforschung – Children and Childhood studies – ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, dessen Aufgabe es ist, strukturelle Probleme, die in verschiedenen Kulturen die Qualität von Kindheit beeinträchtigen, zu verstehen und Ansätze zu ihrer Behebung zu finden. Die Kindheitsforschung schöpft dabei aus den verschiedenen Disziplinen der Sozialwissenschaft, der Geisteswissenschaft und der Verhaltenswissenschaft, insbesondere der Psychologie. Die Entstehung der Kindheitsforschung als akademischer Disziplin muss auch im Kontext der Entstehung anderer interdisziplinärer Forschungsgebiete betrachtet werden, die aus dem Bestreben heraus entstanden sind, die Situation gesellschaftlicher Gruppen der Forschung zugänglich zu machen, die bis dahin wenig beachtet bzw. oft sogar aus der Wissenschaft verdrängt worden waren.

    Die Kindheitsforschung versucht dabei eine Abgrenzung zu sozialisationstheoretischen Denkmodellen, die noch in den 1990er Jahren die forscherische Arbeit anleiteten. Dieses Sozialisationsparadigma folgt weitgehend einer deterministischen Vorstellung von kindlicher Persönlichkeitsentwicklung, begreift die Entwicklung von Identität als das Produkt der von Eltern und anderen Erwachsenen konstruierten Erziehungsumwelten und vernachlässigt damit die aktiven Aneignungsprozesse, in denen sich Kinder mit materialen und sozialen Umwelten auseinander setzen und ihre Lebenswelt aktiv gestalten. Das Interesse der traditionellen Sozialisationsforschung galt in erster Linie der Zukunft des Kindes als Erwachsener, sodass Sozialisationsprozesse vor allem unter der Perspektive des Erwachsenwerdens betrachtet wurden und die Kindheit und Jugend als Durchgangsstationen auf der Reise ins Erwachsenenalter gesehen wurden, während die alltägliche Lebenspraxis der Kinder, ihre Erkundung der Welt, ihre Orientierungssuche in der Vielzahl der Lernangebote, ihre Bearbeitung von belastenden und schmerzlichen Lebensereignissen nur wenig Beachtung fanden.

    Der neue Kindheitsforschung geht es daher vorwiegend um eine Änderung dieser Perspektige und um die Analyse der alltagskulturellen Praxis der Kinder, um die Veränderungen und Umbrüche in den Lebenswelten der Kinder, der Umgang der Kinder mit sich rasch verändernden Lebensbedingungen und die unterstützenden Erziehungssettings, die Eltern und Pädagogen für Kinder bieten können, um ihnen auf ihrem Weg in die Welt einen sozialen Geleitschutz zu geben. Nach Hurrelmann & Bründel (2003) müssen Kinder dabei als Akteure wahrgenommen werden, die sich ihre Welt aneignen und sie nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten versuchen. Kinder können die Anforderungen des sozialen Lebens dann bewältigen, wenn sie lernen, die vielfältigen Einzelaspekte ihrer äußeren Lebenswelt miteinander zu verknüpfen, Beziehungen zwischen sich und anderen Menschen selbständig herzustellen und verschiedenartige Interaktionsfelder des Alltags in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Kinder kommen dann am besten zurecht, wenn sie kreativ Einfluss auf ihre Umwelt nehmen, sie zu gestalten in der Lage sind und eine Fähigkeit der Selbstorganisation ihrer Persönlichkeit entwickeln. Voraussetzung dafür ist dabei die zuverlässige und einfühlsame Unterstützung von Eltern, Erziehern, Lehrern und anderen Erwachsenen, die sie bei den ersten Schritten in das gesellschaftliche Leben begleiten.

    Erkenntnisse der Kindheitsforschung, die auf der Analyse von Erfahrungen, Alltag und Thematisierungsweisen von Kindern basieren, verdeutlichen, dass Vorstellungen vom guten Leben auch davon geprägt sind, ob sie im Lichte von Gestaltungs- und Handlungsspielräumen entwickelt werden oder aber angesichts starker Abhängigkeiten entstehen. Im Vergleich zu Erwachsenen verfügen Kinder über sehr beschränkte Spielräume und sind in nahezu allen Bereichen abhängig, sodass es vor diesem Hintergrund verständlich ist, dass sie Aspekte des Schutzes stark machen. Zu einem guten Leben zählen Kinder auch Wahlmöglichkeiten und Freiheit, wobei es sich lohnt, Kindern und Jugendlichen zuzuhören, und zwar nicht nur für die Forschung. Doch scheint es wenig Interesse daran zu geben, sie in gesellschaftliche Debatten über das gute Leben oder gar die „Zeitenwende“ einzubeziehen. Gesellschaftliche, mediale, politische Diskussionen darüber, wie wir heute und künftig leben wollen, finden meist unter Ausschluss der Jüngsten statt. Woraus resultiert der Mangel an Neugierde an Positionen von Kindern und Jugendlichen in der Politik? Warum halten sich Vorbehalte gegenüber der Tragfähigkeit von Kinderaussagen in der Forschung, der Pädagogik, der Zivilgesellschaft? Woher rührt die Bequemlichkeit, Kinder und Jugendliche nicht aktiv einzubeziehen und vor allem ihre Interessen in politischen Krisen nachrangig zu behandeln? Die empirischen Ergebnisse über das „gute Leben“, über Ideen zur Gestaltung unseres Zusammenlebens aus der Perspektive von Kindern deuten Überschneidungen auch mit Ergebnissen aus Befragungen älterer Menschen an, denn so sprechen sich auch Kinder dagegen aus, dass sie oder andere vorzeitig sterben müssen, weil es an medizinischer Versorgung fehlt oder Schulen bombardiert werden. Andererseits gilt es, auf die Unterschiede zu achten, und diese resultieren aus der Abhängigkeit der Kinder vom Wohlwollen der Erwachsenen in ihren Familien und überall dort, wo Entscheidungen getroffen werden. Man kann zwar nur dasjenige Kind trösten, das einem nahe ist, und nur mit der Jugendlichen Freiheiten aushandeln, zu der eine konkrete Beziehung besteht. Doch das entbindet niemanden in Politik, in den Medien, der Wirtschaft und Zivilgesellschaft, verantwortungsvoll im Streben nach einem guten Leben aller Kinder zu entscheiden und zu handeln. Dazu gehört, ihnen zuzuhören und sie ernsthaft einzubeziehen.

    Literatur

    Andresen, Sabine (2022). Hört ihnen zu! Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. November.
    Bowman, V. (Eds.) (2007). Scholarly Resources for Children and Childhood Studies: A Research Guide and Annotated Bibliography. Lanham, MD: Scarecrow Press.
    Herriger, N. (2003). Rezension zu Klaus Hurrelmann, Heidrun Bründel: Einführung in die Kindheitsforschung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. 2., vollständig überarbeitete Auflage.
    WWW: https://www.socialnet.de/rezensionen/703.php (20-11-21)
    Hurrelmann, K. & Bründel, H. (2003). Einführung in die Kindheitsforschung. Weinheim: Beltz.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kindheitsforschung (22-09-11)


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