Mann FrauDer Begriff Neurosexismus ist ein Neologismus und umfasst all jene Positionen und Theorien, mit denen die neurowissenschaftliche Forschung bereits etablierte Vorstellungen über die inhärenten Unterschiede zwischen den Geschlechtern untersucht und teilweise noch verstärkt. Mit Neurosexismus bezeichnet man daher ein bestimmte Form der neurowissenschaftlichenn Forschung, bei der versucht wird, die Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen zu definieren und zu interpretieren. Beim Neurosexismus geht es also darum zu zeigen, dass es je nach Geschlecht, mit dem ein Mensch geboren wird, Unterschiede hinsichtlich Funktion, Größe oder Formen bestimmter Regionen des Gehirns gibt, die eine ungleiche Behandlung rechtfertigen würden. Dabei werden im Zusammenhang mit der neurowissenschaftlichen Forschung Neuromythen verbreitet, die für manche als Grundlage für die Bestätigung der Unterschiede zwischen Frauen und Männern dienen können, wobei auf Grund der neurowissenschaftlichen Basis es nur wenige Menschen – und von denen meist Frauen – wagen, diese Mythen infrage zu stellen.

Tatsächlich existieren Studien, die funktionale und anatomische Unterschiede im Gehirn bei Männern und Frauen zeigen, wobei durch die Entdeckung geschlechtsabhängiger Aktivitäten in bestimmten Hirnregionen, die etwa mit dem Erlernen von Sprachen oder der räumlichen Verarbeitung in Verbindung gebracht werden, dazu beigetragen hat, dass sich bestimmte Stereotype fest etablierten und geschlechtsspezifische Unterschiede als angeboren betrachtet wurden, und zwar dass etwa Männer logischer denken und Frauen dafür empathischer sind. Diese Stereotype werden nicht selten dazu missbraucht, um unter dem Deckmantel der Wissenschaft zu rechtfertigen, dass weniger Frauen in bestimmten Berufen oder bestimmten Lebensbereichen vertreten sind.

Die Gehirnforschung konnte aber zeigen, dass das Gehirn von Männern und Frauen viel mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede aufweist, denn betrachtet man eine einzelne Person, so setzt sich ihr Gehirn aus einer Vielzahl verschiedener Features zusammen, die in Summe nicht ausschließlich männlich oder weiblich sind. Dass einige Hirnregionen, die für bestimmte Fähigkeiten zuständig sind, bei einem Menschen aktiver sind als bei einer anderen, bedeutet nicht, dass diese Unterschiede angeboren sind, denn das Gehirn reagiert permanent auf äußere Einflüsse und verändert sich auch dementsprechend. Letztlich ist es der Gehirnplastizität zu verdanken, dass Menschen in der Lage sind, neue Fähigkeiten zu erlernen und bei Bedarf an neue Anforderungen anzupassen. Angesichts des großen Einflusses der Umwelt auf das menschliche Gehirn liegt die Vermutung nahe, dass auch die äußere Wahrnehmung des Geschlechts eines Menschen und die damit verbundenen Vorurteile Einfluss auf die Hirnentwicklung haben könnten.

Die Psychologin Cordelia Fine hat in ihrem Buch „Die Geschlechterlüge“ Sachbücher zur Genderfrage untersucht und gezeigt, dass heute die irrwitzigsten Vorurteile gegen Frauen wieder im biologischen Gewand präsentiert werden, wobei eine wichtige spielen dabei die Neurowissenschaften Rolle. Immer neue Untersuchungen aus diesem Gebiet untermauern die These von Männern, die denken, und Frauen, die fühlen, doch oft genügen diese Studien nicht einmal wissenschaftlichen Minimalanforderungen, aber der Trend, Ursachen für Geschlechtsunterschiede im Gehirn und nicht in der Gesellschaft zu suchen, ist ungebrochen.

Siehe dazu die zahlreichen Studien in den Arbeitsblättern zum Thema Geschlecht und Gehirn.

Literatur

Hohl, L. (2021). Neurosexismus.
WWW: https://missy-magazine.de/blog/2021/11/15/hae-was-heisst-dennneurosexismus/ (21-06-31)
Stangl, W. (2011). Geschlecht und Gehirn. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GESCHLECHT-UNTERSCHIEDE/Geschlecht-Gehirn.shtml (11-11-16)



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