Inferenzen sind ganz allgemein aus einem Regelsystem erzeugte Schlussfolgerungen, etwa aus einem formalen System wie der Struktur einer Sprache. Inferenz bedeuten in der Wahrnehmung einer Person etwa, dass man über die tatsächlich gegebene Information hinausgeht und unbewusst Schlüsse auf weitere nicht beobachtbare oder nicht beobachtete Eigenschaften einer Person zieht, so wird etwa aus dem Gesichtsausdruck auf Stimmungen oder die Persönlichkeitseigenschaften dieses Menschen geschlossen. So verläuft z. B. das Lesen eines Textes über das sukzessive Erschließen von Informationen, wobei diese Schlussfolgerungen auch deshalb eine besondere Bedeutung haben, weil mit der Anzahl der Inferenzen, die jemand beim Lesen eines Textes bildet, auch die erschlossene und somit auch behaltene Information steigt.

Als korrespondierende Inferenz spricht man in der Psychologie dann, wenn etwa die Disposition eines Akteurs aus den Effekten seiner Handlung erschlossen wird. Häufig wird dabei die Handlung eines Menschen durch eine Personenattribution erklärt, um also etwa eine gute Leistung durch die Fähigkeiten der erfolgreichen Person plausibel zu machen. Es gibt dabei verschiedene Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit es zu einer korrespondierenden Inferenz kommen kann, etwa dass die Person mit ihrer Handlung identifiziert wird. Eine korrespondierende Inferenz ist also etwa dann gegeben, wenn aus der aggressiven Handlung eines Menschen geschlossen wird, dass die Person, die die Handlung ausgeführt hat, aggressiv ist.

In der Psychologie des Textverstehens versteht man unter Inferenzen alle Prozesse der Anreicherung, Strukturierung und Verdichtung von Textinformationen bzw. auch die Ergebnisse dieser Prozesse, die sich in der mentalen Repräsentation des Textinhalts niederschlagen. Für die Bildung von Inferenzen wird dabei das Vorwissen genutzt, um Informationen, die im Text nicht explizit gemacht werden, zu ergänzen, und so ein vollständigeres Verständnis der in einem Text dargestellten Sachverhalte zu erreichen. So können Inferenzen schon auf der Ebene der Textbasis vollzogen werden, wenn sich bestimmte Informationen aus der Bedeutung der verwendeten Ausdrücke ergeben. So lässt sich z. B. aus dem Satz “Benjamin schenkt Mimi eine Vase” allein aus der Bedeutung des Verbs schenken ableiten, dass Mimi nun die Besitzerin der Vase ist und dass es Benjamin vorher war.

Inferenzprozesse sind ein integraler Bestandteil des Textverstehens, da der Autor eines Textes vieles weglässt, was vom Leser leicht selbstständig ergänzt werden kann. Auf der anderen Seite können aufgrund der Begrenztheit des menschlichen Arbeitsgedächtnisses nicht alle Inferenzen gebildet werden, die prinzipiell möglich wären. In narrativen Texten werden in der Regel nur solche Inferenzen gezogen, die für die lokale Kohärenzbildung erforderlich sind und die auf unmittelbar zugänglichen automatisch aktivierten Informationen beruhen, wobei aber Leser nicht selten auch bestrebt sind, ein lokal und global kohärentes mentales Modell des Textinhalts zu konstruieren und sich das Auftreten von Ereignissen zu erklären. Hinzu kommt, dass auch die Verarbeitungsziele das Textverstehen die dabei konstruierten mentalen Repräsentationen beeinflussen, sodass je nach Textcharakteristika und Verarbeitungszielen typischerweise deutlich mehr Inferenzen gezogen werden, allerdings nicht beliebige Arten von Inferenzen und auch nicht beliebig viele. Zu den häufig gezogenen Inferenzen zählen etwa rückwärtsgerichtete kausale Inferenzen, mit denen Leser ein Ereignis durch vorherige Ereignisse in der Geschichte erklärbar machen, und motivationale Inferenzen, bei denen Handlungen von Charakteren durch ihre Ziele erklärt werden. Solche Inferenzen werden auch dann gebildet, wenn sie für die lokale Kohärenzbildung nicht zwingend erforderlich sind, und wenn die für die Inferenzbildung relevante Information nicht automatisch zur Verfügung steht.

Literatur

Jones, E. E. & Davis, K. E. (1965). From acts to dispositions: The attribution process in person perception. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology, Vol 2 (S. 219-266). New York: Academic Press.
Richter, T. & Schnotz, W. (2018). Textverstehen. In S. Buch, D. Rost & J. Sparfeldt (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie (S. 826-837). Weinheim: Beltz.


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