paralingual

In den Kommunikationswissenschaften versteht man unter paralingualer Kommunikation die konkrete Sprachgestaltung bzw. -ausformung, etwa den Tonfall, die Sprechgeschwindigkeit, die Betonung, die Sprechpausen, das Seufzen, das Stöhnen, das Räuspern, das Weinen, das Lachen, die Stimmhöhe sowie die Lautstärke einer sprachlichen Äußerung.

Übrigens haben Seifart et al. (2018) im Rahmen einer Studie Sprachaufnahmen von sprachlich und kulturell unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen aus der ganzen Welt analysiert, etwa Englisch, Niederländisch, Sprachen aus dem Amazonas-Regenwald, aus Sibirien, dem Himalaja und der Kalahari-Wüste, um herauszufinden, inwieweit Sprecher bei bestimmten Begriffen kurze Pausen machen. Man erfasste dazu die Äußerungsgeschwindigkeit in Lauten pro Sekunde. Es zeigte sich, dass es eine starke Tendenz zu Verlangsamungseffekten vor Substantiven im Vergleich zu Verben gibt, was sowohl für die Sprechgeschwindigkeit als auch für die Verzögerungslaute (das berühmte (Ähh”) galt, die für die jeweilige Sprache typisch sind. Man vermutet, dass Hauptwörter beim Sprechen tendenziell schwieriger zu planen sind, da in ihnen besonders häufig neue oder unerwartete Informationen stecken, sodass das Gehirn ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken muss, während bei Verben dies weniger der Fall zu sein scheint. Diese Verlangsamungseffekte vor den Substantiven erschweren es offenbar, dass sich komplexe Formen durch Kontraktion mit vorangestellten Wörtern entwickeln, was sich etwa im Deutschen durch Vorsilben-Konstruktionen bei Verben zeigt, während bei Substantiven Präfixe seltener auftauchen.

Füllwörter und Verzögerungslaute für Sprechpausen

Auch wenn man sie häufig gar nicht bemerkt und obwohl sie keine eigentliche Bedeutung haben, erfüllen Verzögerungslaute gleich eine ganze Reihe an Funktionen, denn zum einen haben sie eine respiratorische Funktion, indem sie dem Sprecher helfen, die Sprechatmung zu regulieren, andererseits lassen sie sich inhaltlich pointiert einsetzen, um zum Beispiel humoristische oder zweifelnde Effekte zu erzielen oder einen Fehler zu korrigieren. Vor allem aber helfen die Laute dabei, Gesprochenes zu strukturieren und dem Sprecher Denkpausen zu verschaffen. Daher werden Verzögerungslaute häufig vor weniger alltäglichen Wörtern verwendet und können Zuhörern dadurch helfen, ein selteneres Wort zu antizipieren und aufmerksamer zuzuhören.

Ähm, Äh und andere Füllwörter für Sprechpausen kommen in jeder Sprache vor, wobei Nuu und Mmm auf Russisch, Cainjo auf Nepali, Neige auf Chinesisch oder Ööö auf Burmesisch solche Füllwörter sind. Wenn man eine neue Sprache lernt, sollte auch wissen, wie die Füllwörter für Sprechpausen in dieser Sprache lauten, denn diese sind wichtig und zögern das Sprechen hinaus, wenn das Gehirn mehr Zeit braucht, um das Sprechen vorzubereiten. Wenn Sprache über das Ohr in das Gehirn gelangt, beginnt dieses bereits nach 200 bis 600 Millisekunden zu interpretieren und noch bevor ein Satz fertig ausgesprochen wurde, versucht das Gehirn schon, diesen zu vervollständigen. Während noch immer Informationen fließen, bereitet das Gehirn auch schon eine Antwort vor und plant das Sprechen, wobei es nach 600 Millisekunden Signale an Lippen und Zunge sendet und der Mund bereit für die Antwort ist. Dabei herrscht ein großer Zeitdruck in diversen Hirnarealen, sodass es sinnvoll ist, eine Strategie für Verzögerungen zu entwickeln, wobei neben Füllwörtern auch das Einlegen von Sprechpausen oder eine langsamere Sprechgeschwindigkeit helfen können (Arroyo, 2018).

Untersuchungen zeigen, dass Zuhörer Erwartungen entwickeln, was auf “Ähs” und “Ähms” folgt, sofern sie den Sprachkenntnissen des Redners vertrauen, denn Zuhörer verfolgen aktiv, wann Sprecher ‘äh’ sagen, und passen ihre Aufmerksamkeit daran an. Hat der Sprecher aber den Akzent einer anderen Sprache, bleibt die Anpassung der Zuhörer aus. Der Akzent führt vermutlich zur Annahme, der Sprecher könnte Schwierigkeiten haben, selbst häufige Worte auszusprechen. Menschen passen sich anscheinend nur an unstimmige Verzögerungslaute an, wenn sie von einem verlässlichen Äh-Sager kommen (Bosker et al., 2019).

Schleef (2019) analysierte in einer Untersuchung, wie Zuhörer Gesprochenes wahrnehmen, das immer wieder von Pausen unterbrochen wird und verglich es mit Gesprochenem, in denen es keine Pausen gibt. Dabei ging es nicht um jene Pausen, die durch Satzzeichen bestimmt werden, sondern nur um stille Pausen, die die Sprecher nicht mit Fülllauten (s. o.) überbrücken. Es zeigte sich, dass Sprecher, die hin und wieder Pausen einlegen, als eloquenter und gebildeter eingeschätzt werden als solche, die ohne zu zögern redeten, auch wenn die Pausen in den Sätzen die Sprecher weniger selbstbewusst und entschieden wirken lassen. Offenbar nehmen Zuhörer die nicht gefüllten Pausen beim Sprechen als Zeichen dafür wahr, dass der Sprecher sehr genau überlegt.

Literatur

Arroyo, A. (2018). «Ähm» und «Äh» sind Fluch und Segen zugleich.
WWW: https://www.srf.ch/news/panorama/ohne-bedeutung-aber-wichtig-aehm-und-aeh-sind-fluch-und-segen-zugleich (18-05-30)
Bosker, H. R., Van Os, M., Does, R., & Van Bergen, G. (2019). Counting ‘uhm’s: how tracking the distribution of native and non-native disfluencies influences online language comprehension. Journal of Memory and Language, doi:10.1016/j.jml.2019.02.006.
Schleef, Erik (2019). The evaluation of unfilled pauses: Limits of the prestige, solidarity and dynamism dimensions. Lingua, 228, doi:10.1016/j.lingua.2019.06.008.
Seifart, F., Strunk, J., Danielsen, S., Hartmann, I., Pakendorf, B., Wichmann, S., Witzlack-Makarevich, A., de Jong, N. H. & Bickel, B. (2018). Nouns slow down speech across structurally and culturally diverse languages. Proceedings of the National Academy of Sciences, dot:10.1073/pnas.1800708115.
https://www.welt.de/kmpkt/article201158934/Psychologie-Das-musst-du-sagen-um-intelligenter-zu-wirken.html (19-10.02)

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