Wer darauf besteht, alle Faktoren zu überblicken, bevor er sich entscheidet, wird sich nie entscheiden.
Henri-Frédéric Amiel

Overthinking bezeichnet jenes Syndrom, wenn sich Menschen zu viele Gedanken auf einmal machen, wobei es zwar vollkommen normal ist, dass Menschen viel denken, wenn sie etwas beschäftigt, doch sobald das Denken deren Leben kontrolliert, kann es krankheitswertigen Charakter erreichen (siehe dazu Rumination). Wenn Menschen ein Problem belastet, denken sie so lange darüber nach, bis sich ihre Gedanken nur mehr im Kreis drehen, bis vollkommen erschöpft ist und das Problem dann letzten Endes beiseite legen muss und verdrängt.

In endlosen Schleifen über etwas nachzudenken ist äußerst anstrengend, wobei davon Betroffene die meiste Zeit des Tages mit Grübeln verbringen, wodurch sie sich selbst unter Druck setzen und diesen Druck dann mit Stress verwechseln. Es gibt Menschen, bei denen der Grad des Overthinking pathologisch wird, wobei dieses Phänomen viele Formen annehmen kann: endloses Überlegen bei der Entscheidungsfindung und danach das Infragestellen dieser Entscheidung, der Versuch, Gedanken anderer zu lesen, der Versuch, seine Zukunft vorherzusagen, das Informieren zu einer Fragestellung bis ins kleinste Detail. Solche Menschen haben ständig Kommentare im Kopf, kritisieren und zerpflücken, was sie gestern gesagt und getan haben, haben z. B. Angst, dass sie schlecht aussehen, und machen sich Sorgen über eine schreckliche Zukunft, die sie vielleicht erwartet.

Ihr Denken dominiert das „Was wäre, wenn“ und „Sollte ich nicht besser“, als ob eine unsichtbare Jury über ihr Leben urteilen würde. Sie schlafen schlecht, weil sie des Nachts durch Grübeln und Besorgnis wach bleiben, d. h., Ruminatoren gehen immer wieder die Ereignisse des letzten Tages durch und stellen große Fragen: „Warum ist das passiert?“ „Was bedeutet das?“. Aber sie finden nie eine Antwort.

Overthinking ist destruktiv und geistig anstrengend und kann dazu führen, dass man das Gefühl hat, an einem Ort festzusitzen, und wenn man aus diesem Gefühl heraus nicht handelt, kann sich das massiv auf das tägliche Leben auswirken, kann die Gesundheit und das gesamtes Wohlbefinden in Gefahr kommen, wobei man auch anfälliger für Depressionen und Angstzustände wird. Extremes Overthinking kann leicht das Gefühl des Verlusts der Kontrolle über sein Leben erzeugen und beraubt Menschen so an der aktiven Teilnahme an allem um sie herum.

Das Overthinking kann sich auch auf die Mitmenschen oder die nächsten Angehörigen richten. In diesem Fall sollte man den Kontakt suchen, denn es beruhigt, wenn man von diesen Personen selber hört, dass es ihnen gut geht. Es gibt aber auch Menschen, die sich allgemein viel Sorgen machen und auch für Menschen leiden, die sie nicht kennen, oder sich allgemein Sorgen um den Zustand der Welt sorgen, etwa zum Thema Klimakatastrophe. In diesem Fall ist es wichtig, dass man sich selbst schützt, z. B. den Einschlägigen Nachrichtenkonsum reduziert und versucht, so gut es geht, die Gedanken auf was Positives zu lenken.


Gwendoline Smith gibt in ihrem Buch „The Book of Overthinking: How to stop the Cycle of Worry“ Tipps, die helfen können, aus den Gedankenkaskaden auszubrechen:

Magisches Denken und Aberglauben meiden: Oft basieren Ängste auf Aberglauben, die zu einem fehlgeleiteten Glaubenssystem werden. Erstens glaubt man – meist unbewusst – an die vorbeugende Wirkung von Ängsten: Wenn man sich seine Ängste in den ärgsten Dimensionen ausmalt, meint man, man könnte die befürchteten Ereignisse beherrschen und ihr Eintreffen womöglich abwenden. Zweitens glaubt man, indem man ständig über eine Sorge nachdenkt, dass man besonders wachsam ist, Entwicklungen voraussagen könnte und somit auf die vorausgesagten, katastrophalen Geschehnisse eingestellt und gegen sie gewappnet wäre. Um aus einem Gedankenkarussell auszubrechen, ist es deshalb wichtig, sich klar zu machen, dass niemand die Zukunft voraussehen kann, auch man selber nicht. Man muss sich frei von dem Gedanken machen, dass Ängste vor etwas schützen könnte, oder auf Dinge, die möglicherweise schief lauf werden, vorbereiten können.

Gedanken sind keine Fakten: Wenn sich die Aufmerksamkeit auf einen Gedanken festgefahren hat und die mehr loslässt, sollte man versuchen, sich von außen zu betrachten und erkennen, dass die Gedanken nicht die Realität abbilden. Natürlich kann man sich einreden, man sei eine Wahrsagerin, aber das bedeutet nicht, dass dabei reale Tatsachen herauskommen.

Negativen Gedanken herausfordern: Die effektivste Strategie, mit negativen Gedankenspiralen umzugehen, ist, diese herauszufordern. Das heißt, sie ganz gezielt einem Wahrheitscheck zu unterziehen, Saldo zu überprüfen, ob die Gedanken auf Fakten, Wahrheit und Realität beruhen, und sich fragen, ob sie in irgendeiner Weise wirklich helfen. Es gibt Fragen und Aufforderungen, die dabei helfen, wenig hilfreiche Gedanken zu enttarnen, etwa Fragen wie: Inwieweit helfen diese Gedanken weiter? Was bringen diese Gedanken?

Nicht sagen, man sollte sich keine Sorgen machen, denn wenn man merkt, dass man in Gedanken abschweifs, die mit „hätte“, „sollte“ oder „müsste“ beginnen, sollte man sofort die Notbremse ziehen, denn solche Wörter versetzen Menschen in wenig hilfreichen emotionale Zustände. Sätze, die mit „Hätte ich nur“ beginnen, triggern Schuldgefühle und Bedauern, denn denkt man daran, was andere hätten tun sollen, schürt man in sich Wut, Frustration und Enttäuschung. Beginnt man seine Gedanken mit „ich muss“, setzt man sich selbst unter Druck, Spannung und legt sich Zwang auf. Phrasen wie „Ich sollte mir keine Sorgen machen sind nicht nur zwecklos, sondern sie regen das Gehirn erst recht an, sich Sorgen zu machen.

Kein schlechtes Gewissen haben: Es ist sicherlich frustrierend zu sehen, dass manche Menschen scheinbar sorgenfrei durchs Leben gleiten, während bei einem selbst die Sorgen in Endlosschleife kreisen und einen um den Schlaf bringen. Das kann Freund- und Partnerschaften belasten, wenn die Nöte eines Overthinkers mit einem „Chill mal“ runtergespielt werden. Etwa 25 bis 40 Prozent der Menschheit hat eine biologische Prädisposition für Hochsensibilität, die Overthinking begünstigt, d. h., es ist gut zu wissen, dass es genetisch bedingt sein kann.

Es gibt Unterschiede zwischen Overthinking und Besorgnis, denn wenn die Welt in Flammen steht, wäre es natürlich unaufrichtig so zu tun, als wären Sorgen übertrieben. Aber anstatt darüber in Endlosschleifen nachzudenken, hilft es oft enorm, aktiv zu werden. Wenn man sich etwa über den Klimawandel sorgt, sollte man einer Initiative zum Klimaschutz beitreten, oder wenn die Angst vor einem Virus überwältigend wird, sollte man dem Gesundheitsamt in deiner Nähe anbieten, als Freiwilliger bei der Nachverfolgung von Übertragungswegen zu helfen. Der Unterschied dabei ist, diffuse Sorgen durch konstruktive Besorgnis zu ersetzen.


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