Gewaltfreie Erziehung

    Gewaltfreie Erziehung bedeutet, auf körperliche Strafen zu verzichten, d. h., ein kleiner Klaps, keine Ohrfeige, keine Tracht Prügel, denn Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Neben körperlichen Bestrafungen sind auch seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzuässig. Gewaltfreie Erziehung bedeutet nämlich auch den Verzicht auf verbale Gewalt, auf Anschreien und Beleidigen, und Verzicht auf Strafen generell bzw. Liebesentzug und emotionale Erpressung. Eltern sollten dem Kind keine Angst machen, es nicht anlügen, aber auch nicht überbehüten und dadurch unselbständig machen. Durch Betonung seiner Stärken und Fähigkeiten dem Kind ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit widmen und sich ihm bewusst zuwenden. Auch die Privatsphäre des Kindes muss dabei beachtet werden. Keinesfalls sollte man ein Kind als kleinen Erwachsenen behandeln und dadurch mit Anforderungen unter Druck setzen. Neben der Förderung, die ein Kind für seine Entwicklung braucht, sollte man ihm auch Grenzen setzen, auch durch gewaltfreie Strafen, die erklärt werden und für das Kind nachvollziehbar sind. Gewaltfreie Erziehung bedeutet letztlich auch, das Kind spüren zu lassen, dass es als eigenständige Persönlichkeit mit seinen Wünschen und Bedürfnissen, Begabungen und Interessen, Aussehen und Herkunft willkommen ist und geliebt wird. Darüber hinaus sollte dem Kind Kontakt zu anderen Menschen, insbesondere zu gleichaltrigen Kindern ermöglicht werden.

    Gewaltfreie Erziehung bedeutet aber nicht nur, dass Kinder ohne Schläge aufwachsen, sondern auch Gewalt, die sie nicht direkt betrifft, etwa zwischen ihren Eltern, kann Kinder massiv belasten, sodass es zu Rückschritten in der Entwicklung kommt. Die körperliche und psychische Gewalt zwischen Eltern geht an Kindern nicht spurlos vorüber, wobei vor allem die erlebte psychische Gewalt wesentlich stärkere Auswirkungen auf Kinder hat als man früher glaubte. Kinder werden Zeugen und dadurch zu Mitbetroffenen, sodass kindliche Grundbedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Schutz in solchen Fällen unerfüllt bleiben. Psychische Gewalt äußert sich etwa mit systematischen Herabwürdigungen, Schuldzuweisungen oder Unterstellungen und werde oft spät oder gar nicht erkannt. Dabei ist es bei Kindern sehr individuell, was als Gewalt erlebt wird. Zu den Folgen psychischer Gewalt bei Kindern zählen neben Rückschritten in der Entwicklung auch Einnässen, Aggression, Schlafstörungen, Rückzug oder Loyalitätskonflikte.

    Nach einer Studie von Suffren et al. (2021) führen schon wiederholte Schläge, Wutausbrüche  oder ständiges Anschreien durch die Eltern dazu, dass bestimmte Gehirnregionen nachweislich kleiner werden, wobei davon besonders Bereiche betroffen sind, die mit der Verarbeitung von Gefühlen zu tun haben. Ausgangspunkt der Untersuchung war die Entwicklung von Kindern von ihrer Geburt bis ins Teenageralter, wobei bei diesen, als sie zwischen zwei und neun Jahren alt waren, mit einem Fragebogen zum einen der Erziehungsstil der Eltern eingeschätzt und zum anderen die Gefühls- bzw. Angstzustände der Kinder erhoben worden waren. Im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren untersuchte man dann die Gehirne dann mittels Voxel-basierter Morphometrie, wobei kleinere Volumina der grauen Substanz in den präfrontalen Cortexregionen und in der Amygdala bei Jugendlichen mit hohem Grad an strenger Erziehung im Zeitverlauf beobachtet werden konnten. Darüber hinaus fand man signifikante Interaktionseffekte zwischen Erziehungspraktiken und Angstsymptomen, was physiologisch bedeutete, dass streng erzogenen Kinder einen kleineren präfrontalen Cortex und eine kleinere Amygdala aufweisen als Gleichaltrige, also genau in den Gehirnregionen, die eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Gefühlen sowie beim Auftreten von Angst und Depression spielen.

    Literatur

    Suffren, Sabrina, La Buissonnière-Ariza, Valérie, Tucholka, Alan, Nassim, Marouane, Séguin, Jean R., Boivin, Michel, Kaur Singh, Manpreet, Foland-Ross, Lara C., Lepore, Franco, Gotlib, Ian H., Tremblay, Richard E. & Maheu, Françoise S. (2021). Prefrontal cortex and amygdala anatomy in youth with persistent levels of harsh parenting practices and subclinical anxiety symptoms over time during childhood. Development and Psychopathology, doi:10.1017/S0954579420001716.


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