Phantomschmerz

Als Phantomschmerz bezeichnet man Schmerzen, die in einem abgetrennten Körperteil als Ganzes oder in einem Bereich des abgetrennten Körperteils empfunden werden, wobei die häufigsten Ursachen Amputationen der Arme oder Beine sind. Phantomschmerz sind neuropathischen Schmerzen, die zur Gruppe der Nerverschmerzen gehören. Die Schmerzen können aber auch nach Entfernung der Brust, von inneren Organen, nach operativer oder traumatischer Entfernung der Zunge, der Augen oder des Penis entstehen. Nach einer Amputation oder einem Unfall ändert sich dabei das Körperbild bzw. Körperschema im Gehirn, und das Gehirn üblicherweise schlecht mit einem solchn gestörten Schema umgehen kann, entwickeln die Betroffenen Schmerzen. Für die Nervenbahnen im Körper gibt es entsprechende Areale im Gehirn, die den jeweiligen Körperbereich repräsentieren, wobei Hände, Füße, Lippen und die Genitalregion im Gehirn des Menschen besonders gut abgebildet ist. Wird nun ein Körperteil abgetrennt, organisiert sich das entsprechende Areal im Gehirn neu.

Phantomschmerzen sind meist stechende Schmerzen, als würde man Nadeln hineinbohren oder als hätte man einen viel zu engen Schuh an, beschreibt etwa ein Betroffener die Beschwerden in seinem gehlenden Fuß. Neurologen haben gezeigt, dass diese Schmerzen absolut real sind, denn man hat in bildgebenden Verfahren nachgewiesen, dass beim Phantomschmerz alle Teile des Gehirns genau so aktiv sind, als würde der Betroffene einen akuten Schmerz erleiden.

Phantomschmerzen treten meist innerhalb der ersten Tage nach Verlust des Körperglieds auf und werden immer im abgetrennten Körperglied empfunden. Phantomschmerzen können dabei von leichter Intensität sein, etwa in Form von Wetterfühligkeit, aber auch so stark, dass manche Betroffene als letzten Ausweg den Suizid in Erwägung ziehen. Phantomschmerz kann auch entstehen, wenn lediglich die periphere oder zentrale nervale Versorgung durchtrennt wurde, etwa bei Rückenmarkverletzungen (Deafferentierungsschmerz), bei Erkrankungen oder als Folgen eines Gehirntraumas (zentraler Schmerz).

Nicht schmerzhafte Phantomgliedempfindungen sind Wahrnehmungen, die aus dem abgetrennten Körperglied oder Körperteil empfunden werden und nicht schmerzhaft sind, wobei mehr als 80 Prozent der Betroffenen, denen ein Körperglied fehlt, über solche Empfindungen wie Wärme oder Kälte, Muskelspannungen und -verkrampfungen sowie Berührungsgefühle berichten. Diese Empfindungen können lang andauernd aber auch nur phasenweise präsent sein, wobei Intensität, Ausprägung und affektive Färbung im Lauf der Zeit variieren, bei einigen Menschen gehen die Empfindungen allmählich zurück, bei anderen bestehen sie lebenslang.

Neuere Forschungen belegen, dass die durch den Verlust einer Hand oder eines Armes freiwerdenden Gehirnareale von ihren Nachbarstrukturen erobert werden, wobei hier offensichtlich ein evolutionärer Effekt, der etwa auch die Steuerungsareale der Spielhand von Geigenspielern wachsen lässt. Solche Veränderungen im Gehirn sind insgesamt ein Beleg für die hohe Dynamik auch noch des adulten Gehirn.

Interessanterweise berichten auch Menschen, denen von Geburt an ein Körperteil fehlt, über Phantomgliedgefühle, d.h., sie spüren etwa Lageempfindungen, Kribbeln, Pulsationen, Verkrampfungen, Bewegungen, Kälte, Wärme oder Berührung.

Der Mechanismus, der der Entstehung von Phantomschmerzen zugrunde liegt, ist nicht vollständig geklärt. Bis vor nicht kurzem nahm man in der gängigen Theorie zur Ursache von Phantomgliedern und Phantomschmerzen eine Irritation der durchtrennten Nervenendungen an und dachte, solche funktional unsinnigen Signale würden vom Gehirn nun als Schmerz interpretiert. Heute vermutet man, dass Phantomempfindungen auf einer Art „Kreuzverkabelung“ im somatosensorischen Cortex beruhen, der im Gyrus postcentralis liegt, und der die entsprechenden Signale aus den Extremitäten und dem übrigen Körper aufnimmt. Signale der linken Körperhälfte werden von der rechten Hirnhemisphäre aufgenommen und umgekehrt. Der Input aus den Extremitäten erreicht den somatosensorischen Kortex auf normale Weise und wird innerhalb der im somatosensorischen Homunkulus dafür vorgesehenen Repräsentation verarbeitet.

Vermutlich kommt es nach einem Verlust eines Körperteils innerhalb der reorganisierten kortikalen Repräsentanz des betroffenen Gliedes zu Konfliktsituationen zwischen alten und neuen Mustern kommt, sei es nun dass vom alten Muster Suchsignale ausgehen, die sensorisch wie propriozeptiv ohne Antwort bleiben, so dass die kortikale Repräsentanz des amputierten Gliedes in einem Versuch, dies zu kompensieren die Intensität ihrer Signale verstärkt, was dann schließlich zu Schmerzempfindungen führt.

Eine Therapiemethode ist die Spiegeltherapie, bei der die Betroffenen einen Spiegel gegen ihre unversehrte Körperseite halten, Bewegungen machen und die Reflexion betrachten. Die amputierte bzw. verletzte Extremität bleibt dabei hinter dem Spiegel verborgen, und durch den Blick in den Spiegel nimmt das Gehirn Informationenen über die versehrte Seite wahr. Dieses Spiegelbild wird dabei vom Gehirn so wahrgenommen, als würde sich die fehlende Glied­maße bewegen, sodass Betroffene allmählich wieder die Ordnung in ihrem Gehirn hinbekommen. Auch wenn den Betroffenen bewusst ist, dass sie eine erkrankte oder verlorene Extremität besitzen, kommt es dennoch im Gehirn zu einer Aktivierung von Gehirnzentren, vor allem auch in jenen Arealen, in dem bisher die meisten Signale aus der Körperperipherie als Schmerz fehlinterpretiert worden sind. Diese Aktivierung der Gehirnzentren korrigiert mit der Zeit das wahrgenommene Schmerzempfinden und verschafft allmählich Erleichterung.

Die Spiegeltherapie wurde von Vilayanur S. Ramachandran entwickelt und zählt zu den Imaginationstherapien. Das Phantomglied kann dabei über das gesunde gezielt bewegt und beeinflusst werden, etwa indem der Phantomkörperteil aus einer imaginären schmerzhaften Position in eine angenehmere Position bewegt wird und somit der Phantomschmerz abgeschwächt werden kann. Die Spiegeltherapie, die häufig auch nach Schlaganfällen eingesetzt wird, erfordert sehr viel Aufmerksamkeit und Konzentration und die aktive Mitarbeit des Betroffenen ist Voraussetzung, d. h., die oder der Betroffene muss sich bewusst auf die Illusion des Spiegels einlassen. Am Beginn einer Spiegeltherapie ist in der Regel viel Geduld erforderlich und ein intensives und konsequentes Training ist notwendig, um den gewünschten Therapieerfolg zu erzielen.


Übrigens: Menschen ordnen Berührungen oft einer falschen Körperseite oder einem falschen Körperteil zu, wenn sie die Beine oder Füße überkreuz legen, denn in Experimenten werden systematische Berührungen von Hände fälschlicherweise den Füßen zugeordnet und umgekehrt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Phantomberührungen. Bisher nahm man an, dass die Verortung von Berührungen auf Körperteilen von mentalen Körperkarten abhängt, doch hängen Phantomberührungen vermutlich von drei Faktoren ab: Von der Identität des Körperteils, also ob es sich etwa um eine Hand oder einen Fuß handelt, sodass häufig die Berührung der einen Hand an der anderen Hand wahrgenommen wird. Den zweitgrößten Einfluss hat die Körperseite des berührten Körperteils, was erklärt, warum die Berührung am linken Fuß manchmal fälschlicherweise an der linken Hand gespürt wird. Hinzu kommt die gewohnte, anatomische Position des Körperteils, also wo sich Hände und Füße am Körper befinden (Badde et al., 2019).


Literatur

Badde, Stephanie, Röder, Brigitte & Heed, Tobias (2019). Feeling a Touch to the Hand on the Foot. Current Biology, doi:10.1016/j.cub.2019.02.060
http://de.wikipedia.org/wiki/Phantomschmerz (10-03-04)
https://de.wikipedia.org/wiki/Spiegeltherapie (12-11-21)

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