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Eigenliebe ist der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft.
Oscar Wilde

Meinen treuesten Freund habe ich immer ganz nah bei mir: mich.
Wolf Biermann

Übersetzt als Selbstachtung oder Selbstmitgefühl bezeichnet es eine Richtung der Psychologie, die davon ausgeht, dass man sich selbst mögen muss, um Depression oder Angstgefühle zu überwinden. Neben Willenskraft und Selbstdisziplin kann Selbstachtung nach Meinung von Kristin Neff, Psychologin an der Universität Texas, helfen, aus der Spirale von Selbstkritik und Schwarzseherei herauszukommen. Der Hauptgrund, weshalb Menschen nicht mehr Achtung gegen sich selbst aufbringen, ist die meist Furcht, zu genusssüchtig zu sein und die hohen Ansprüche an sich selbst zu sehr zu senken, denn viele Menschen glauben – meist von einer von Konkurrenz geleiteten Umwelt angeregt -, nur Selbstkritik hält sie in der Spur. Nach Kristin Neff besteht Selbstmitgefühl aus drei Komponenten: erstens beinhaltet es Fürsorge und Verständnis für das eigene Leiden, den wenn jemand etwa mit Versagensgefühlen zu kämpfen hat, sollte man sich zu überlegen, was einem Freund in dieser Situation helfen könnte, und diese Vorstellung auf die eigene Person übertragen. Die zweite Komponente bedeutet, Schmerz und Versagen als menschlich und als unvermeidlichen Teil des Lebens anzuerkennen. Und drittens geht es um Achtsamkeit sich des Augenblicks bewusst zu sein, ohne die eigenen Schwierigkeiten zu ignorieren oder sie überzubewerten.

Während Selbstkritik mit einer Vielzahl an psychischen Problemen wie Depressionen und Angststörungen in Verbindung steht, gibt es Beweise dafür, dass Selbstmitgefühl positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das eigene Wohlbefinden hat. Selbstmitgefühl bedeutet dabei, sich selbst gegenüber liebevoll und freundlich zu sein, und zwar auch dann, wenn man einen Fehler gemacht hat. Es ist daher wichtig, achtsam beim Umgang mit negativen Emotionen und Gedanken zu sein, also zu akzeptieren, dass negative Erfahrungen zum Leben dazu gehören. Am besten stellt man sich vor, wie man einen guten Freund behandeln würde, wenn er in Schwierigkeiten steckt.


Selbstmitleid versus Selbstmitgefühl

Beim Selbstmitleid lehnt man die damit verbundene Angst ab, fühlt sich jedoch elend, weil man sich in der Geschichte dazu verliert, beim Selbstmitgefühl hingegen nimmt man sich zusammen mit seiner Angst wohlwollend an, etwa so, wie man ein Kind tröstet, wenn es sich verletzt hat, und nicht indem man dessen Schmerz oder Angst verleugnt, sondern indem man es liebevoll in den Arm nimmt und die Wunde versorgt.


Self-compassion bedeutet unter anderem sich selbst gegenüber einfühlsames Verständnis und wohlwollenden Respekt zu zeigen, besonders dann, wenn man sich mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten konfrontiert weiß. Diese positive Lebenshaltung führt nicht nur dazu, dass man sich leichter in der Lage sieht sich so zu akzeptieren wie man ist, sondern Selbstachtung kann auch als Resilienzfaktor fungieren, indem Alltagswidrigkeiten besser angenommen und dadurch als weniger belastend erlebt werden. Das Erfordernis achtsam mit den eigenen Gefühlen umzugehen, beinhaltet eine angemessene Regulation der Emotionen, was nachhaltig emotional intelligentes Handeln bedeutet.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass Selbstachtung Menschen kreativer macht und ihnen hilft, die Anfälligkeit für Depressionen zu bekämpfen. Menschen mit geringer Selbstachtung sollten ein Tagebuch führen oder sich selbst aus der Perspektive eines einfühlsamen Freundes einen Brief schreiben, denn ein Freund weiß um die Schwächen der menschlichen Natur, er vergibt und hat große Sympathien für den Adressaten. Diesen Brief sollte man beiseite legen und ihn erst nach einiger Zeit lesen und dann die Worte richtig auf sich wirken lassen.

Siehe auch: Selbst-Aufmerksamkeit-Test – SAT

Self-Compassion unter psychischer Belastung

Die Ergebnisse einer Studie von Reiss (2013) zum Konstrukt der Self-Compassion im Kontext psychischer Belastung zeigte die soziale Bedingtheit von psychischem Befinden auf und warf damit ein anderes Licht auf Menschen, die unter psychischen Problemen leiden. Zum Beispiel widersprechen die Ergebnisse ihrer Studie jenen Erklärungsansätzen, die eine starke Selbstbezogenheit von depressiven Personen hervorheben. Psychisch belastete sowie hoch sozial ängstliche Personen berichteten geringere Self-Compassion, geringere Positivität, ein eher ungünstiges Muster im Umgang mit Emotionen (z.B. weniger Ablenkung von negativen Emotionen, aber mehr Unterdrückung von negativen und positiven Emotionen aus Rücksichtnahme auf andere), höheren empathischen Distress (unangenehme Gefühle als Reaktion auf die Emotionen anderer) sowie intensivere interpersonelle Schuldgefühle, wobei eine hohe Self-Compassion mit günstigeren Strategien im Umgang mit schwierigen Situationen und negativen Gefühlen einhergeht. Interpersonelle Aspekte wie Mitgefühl, Verantwortungs- und Schuldgefühle gegenüber anderen scheinen damit von großer Bedeutung für das psychische Befinden zu sein. Self-Compassion ist somit eher ein Schutzfaktor gegenüber psychischer Belastung, sodass es sinnvoll erscheint, die Förderung von Self-Compassion in die psychologische und psychotherapeutische Behandlung von Personen mit verschiedenen Belastungen zu integrieren.

Auswüchse der Selbstbezogenheit

Manche Experten sind der Ansicht, dass sich Menschen heutzutage oft zu sehr mit sich selbst beschäftigen, wobei die ständige Konzentration darauf, wie es einem geht, ob einem sein Beruf die Erfüllung bringt, oder ob man mit dem richtigen Partner zusammen ist, letztlich dazu führt, dass man immer unzufriedener wird. Studien belegen, dass Menschen, die sich stark darauf konzentrieren, zufrieden zu sein, letztlich weniger Zufriedenheit erleben, denn wer ständig darauf achtet, ob er auch glücklich ist, nimmt viel stärker wahr, wenn er es einmal nicht ist. Der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit, dass man selbst etwas bewegen kann, ist stark verwurzelt, denn es heißt sehr oft, man muss nur genug wollen, dann schafft man es auch. Die Wissenschaft, insbesondere die Psychologie, hat bei vielen Menschen einen extrem hohen Stellenwert, wenn es darum geht, das Leben zu gestalten, denn Menschen orientieren sich daran, was Forscher über Glück, Resilienz, Sex, Erfolg usw. herausgefunden haben. Man vergisst jedoch dabei, dass es sich um zahlreiche kleine und kleinste meist noch unüberprüfte Hypothesen oder Theorien handelt, die einander oftmals widersprechen, und mit minimalen statistischen Zusammenhängen, die keinen Leitfaden zum richtigen Leben ergeben können, nicht alltagstauglich sind.

Nach Anna Bruk stammt die Idee des Selbstmitgefühls übrigens ursprünglich aus den alten buddhistischen Lehren.


Auf den Punkt gebracht: Selbstmitgefühl hat drei wesentlich Komponenten: Eine achtsame Grundhaltung, was bedeutet, dass man nicht gleich denkt, man hätte etwas schlecht gemacht, sondern die Situation zunächst so hinnimmt, wie sie ist; eine Freundlichkeit gegenüber sich selbst, und schließlich die Einsicht, dass Misserfolge, Sorgen und Schmerzen zum Leben dazugehören.


Literatur

Bruk, A. (2022). Wir alle machen Fehler.
WWW: https://www.spektrum.de/kolumne/verletzlichkeit-wie-man-sich-schwach-und-stark-zugleich-fuehlen-kann/1957774 (22-02-11)
Reiss, J. (2013). Self-Compassion, Emotionsregulation und Empathie in Zusammenhang mit psychischer Belastung. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Wien.

Linktipp: http://www.self-compassion.org/



Ein Gedanke zu „self-compassion“

  1. Psychologische Forschung

    In der psychologischen Forschung gibt es mittlerweile zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass die Fähigkeit, sich selbst mitfühlend zu behandeln, mit mehr Lebenszufriedenheit einhergeht. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein und die Neigung, sein härtester Kritiker zu sein, fördern hingegen Angst und Niedergeschlagenheit. Selbstmitgefühl wirkt sich demnach grundsätzlich positiv auf die psychische Gesundheit aus.

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