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Raumwahrnehmung


Als Raumwahrnehmung bezeichnet man die kinästhetische, akustische und visuelle Erfahrung bzw. Konstruktion von umgebenden Raum. Auf Grund der Raumwahrnehmung erlebt sich der Mensch ganz selbstverständlich verortet und handelnd in einem einheitlichen und stabilen Raum. Ähnlich einer Kamera erzeugt das Auge ein zweidimensionales Abbild der Umwelt auf der Netzhaut, wobei das Sehen von räumlicher Tiefe erst dadurch zustande kommt, dass zum einen die Entfernung eines Objektes wahrgenommen wird, zum anderen über die Kenntnis der Welt und der darin vorkommenden Objekte, woraus erst eine Interpretation der räumlichen Tiefe erfolgt. Die retinale Projektion des umgebenden physikalischen Raumes steht im Zusammenhang mit den propriozeptiven Informationen und kognitiven Faktoren (Hinweisreize und deren Interpretation) und verleihen dem erlebten Raum ein hohes Maß an Stabilität und Struktur, der aber nicht eine bloße Rekonstruktion des physikalischen Raumes darstellt, was etwa in Form von zahlreichen Wahrnehmungstäuschungen sichtbar wird.

Einerseits nutzt das Gehirn mehrere Quellen (Tiefenkriterien), um Aufschluss über die Anordnung der Objekte im dreidimensionalen Raum zu erhalten, andererseits funktionieren einige auch monokular, als mit nur einem Auge, die etwa in der Malerei benutzt werden.

Neuere Untersuchungen zeigen übrigens, dass die Kultur, in der man aufgewachsen ist, wesentlichen Einfluss auf die räumliche Wahrnehmung hat. Bei einer psychophysischen Aufgabe, bei Probanden beurteilen mussten, ob ein rechteckiger Raum größer oder kleiner als ein quadratischer Referenzraum war, variierte man systematisch die Rechtwinkeligkeit, also das Tiefen- zum Breiten-Seitenverhältnis, und den Blickpunkt, die Mitte der kurzen Wand gegenüber der langen Wand, von dem der Raum betrachtet wurde. Bei Ostasiaten (Südkoreanern) lösten die Rechteckigkeit des Raums und der Blickpunkt deutlich weniger Vorannahmen aus als bei Europäern (Deutsche). Diese Ergebnisse bestätigen, dass allgemeine kognitive Verarbeitungsstrategien in ostasiatischen Gesellschaften kontextabhängiger sind als in westlichen. Offenbar sind Deutsche bei der Raumgrößenwahrnehmung aufgrund des übermäßigen Gebrauchs der Tiefendimension empfindlicher für räumliche Vorannahmen und berücksichtigen daher nicht alle Dimensionen des Raumes.

Verschiedene Landkarten im Kopf werden wie ein Puzzle zusammengesetzt

In einer Studie untersuchten Strickrodt, Bülthoff & Meilinger (2018) verschiedene Ebenen der Integration von Lernobjektpositionen im navigierbaren Raum innerhalb des Gedächtnisses (lokal, regional, global). Die ProbandInnen lernten eine virtuelle Umgebung bestehend aus acht aneinandergereihten Korridoren, wobei eine Hälfte dieser Korridore zur blauen Region gehörte, die Tiere als Landmarken enthielten, und die andere Hälfte zur roten Region, die Werkzeuge als Landmarken enthielten. Die Umgebung wurde dabei über eine Virtual Reality Brille präsentiert, während sie sich in einer großen Halle frei bewegen konnten. Nach intensivem Lernen wurden die ProbandInnen an verschiedene Orte innerhalb der Umgebung teleportiert, von wo aus sie aus dem Gedächtnis zu den zuvor gelernten Landmarken in gerader Linie zeigen mussten.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die ProbandInnen nicht einfach Informationen aus einer einzigen kognitiven Karte ausgelesen haben, d. h., sondern die Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass das Gedächtnis vom navigierbaren Raum verschiedene Ebenen hat, d. h., die ProbandInnen hatten mit der Zeit scheinbar lokale, regionale und globale kognitive Karten aufgebaut. Offenbar nutzen sie neben kognitiven Minikarten, die nur auf einen einzigen Korridor beschränkt waren, auch Karten, die eine Region mehrerer Korridore umfassten, und schließlich eine kognitive Karte, die die gesamte Umgebung abdeckt. Diese Auswahl an räumlichen Gedächtnisinhalten wird daher nicht ständig vollumfänglich genutzt, sondern die Probanden scheinen je nach aktuellem Standort und gewünschtem Ziel nur den relevante Gedächtnisinhalt ausgewählt zu haben. Man vermutet auf Grund dieser Ergebnisse, dass das menschliche Gedächtnis für den navigierbaren Raum hierarchisch geordnete Landkarten anlegt. Der Prozess der Richtungsschätzung war in allen Fällen an die Lernreihenfolge gebunden, also die virtuellen Lauferfahrung von Korridor zu Korridor. Vermutlich entwickeln Menschen für den Raum daher keine kartenartigen, mentalen Bilder der gesamten Umgebung aus der Vogelperspektive, sondern diese setzen sich als einzelne Erinnerungseinheiten in Form verschiedener Karten wie Teile eines Puzzles zusammen.

Raumwahrnehmung im Gehirn bei Blinden durch Echoortung

Die von Fledermäusen bekannte Echoortung macht sich der Mensch inzwischen für zahlreiche technische Anwendungen zunutze, vom Radargerät bis hin zum Hightech-Blindenstock mit Ultraschallsensoren (Klicksonar). Blinde Menschen, die sich via Echoortung in ihrer Umgebung orientieren, verarbeiten Geräusche ähnlich wie Sehende Licht, wobei eigentlich auf visuelle Reize spezialisierte Hirnbereiche die Echos räumlich zuordnen, indem sie eine Art neuronale Karte des reflektierten Schalls erstellen, sodass echoortende Blinde ziemlich genau bestimmen können, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Norman & Thaler (2019) haben in einer Studie den primären visuellen Cortex untersucht, der bei sehenden Menschen in die Retina einfallende Lichtreize verarbeitet. Die Neuronen in diesem Bereich stellen dabei eine Art räumliche Karte unserer Umgebung dar, wobei einfallendes Licht von Punkten, die im Raum nebeneinander liegen, auch nebeneinanderliegende Punkte im Gehirn aktivieren. In dem Experiment spielte man Probanden (Sehende, echoortende und nicht im Klicksonar geschulte Blinde) Klicklaute vor, die von einem Gegenstand an jeweils unterschiedlichen Positionen im Raum reflektiert wurden. Die Teilnehmergruppe setzte sich dabei aus sehenden Menschen sowie echoortenden und nicht im Klicksonar geschulten Blinden zusammen. Dabei lösten die Echos bei echoortenden Blinden im Gehirn dieselben Aktivierungsmuster aus, wie sie bei sehenden Menschen durch visuelle Reize ausgelöst werden, sodass ihr visueller Cortex Geräusche ähnlich räumlich zu kartieren scheint wie er es Sehende mit Licht tun. Bei den sehenden und auch bei den nicht zum Klicksonar sich orientierenden blinden Probanden zeigte sich dieser Zusammenhang hingegen nicht, sodass Blindsein allein keineswegs ausreicht, damit sich der visuelle Cortex auf die Verarbeitung anderer Reize spezialisiert. Je stärker die Aktivierungsmuster im Gehirn der echoortenden Blinden der von Sehenden bekannten „neuronalen Karte“ glichen, desto besser konnten sie die Position des Gegenstands im Raum erkennen. Offenbar kann der visuelle Cortex räumliche Informationen nach ausreichendem Training auch dann nutzen, wenn sie nicht durch die Augen kommen.

Literatur

Norman, Liam J. & Thaler, Lore (2019). Retinotopic-like maps of spatial sound in primary ‘visual’ cortex of blind human echolocators. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 286, doi: 10.1098/rspb.2019.1910.
Saulton, Aurelie, Bülthoff, Heinrich H., de la Rosa, Stephan  & Dodds, Trevor J. (2017). Cultural differences in room size perception. PLoS ONE 12(4):e0176115.
Strickrodt, M., Bülthoff, H. H., & Meilinger, T. (2018). Memory for navigable space is flexible and not restricted to exclusive local or global memory units. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, doi:10.1037/xlm0000624.
https://de.wikipedia.org/wiki/Raumwahrnehmung (15-03-30)
https://lexikon.stangl.eu/19092/asomatognosie/ (15-03-30)
https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/wct/w/w6_raum/index.htm (16-11-21)
https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/wie-echoortung-das-gehirn-veraendert/ (19-10-05)


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