Mysophobie

Mysophobie – auch Misophobie – bezeichnet die Angst von Menschen, mit Keimen oder Schmutz in Berührung zu kommen. Bei einer Mysophobie handelt es sich demnach um die Angst vor einer möglichen Ansteckung, die in der Regel eine übertriebene Furcht vor Bakterien und Viren zur Folge hat und sich meist in übersteigerten Hygiene- und Waschritualen äußert.  Im Alltag der Betroffenen dominieren oft ritualisierte Wasch, -Reinigungsabläufe und Präventionsmaßnahmen, und um den Kontakt zu vermeiden, werden Tür und Gegenstände nur mit Handschuhen oder Tüchern angefasst oder vorher desinfiziert. Manchmal wird die Angst vor Ansteckung eines Mysophobikers so groß, dass auch Körperkontakt und letztlich Beziehungen gemieden werden. Die notwendigen Reinigungen zu unterlassen, führt zu Angst und Stress, der sich dann in körperlichen Symptomen wie Herzrassen, Schweißausbruch, Kurzatmigkeit oder Schwindelgefühl äußert. Man vermutet, dass Kindheitserfahrungen aus einem sauberkeitsdominierten Elternhaus die Entstehung der Erkrankung fördern können, wobei von einer Mysophobie sowohl Erwachsene als auch Kinder betroffen sein können.

Wird die gefürchtete Kontamination befürchtet oder tritt sie ein, reagieren viele Betroffene mit intensiven körperlichen Symptomen. Dazu zählen Herzrasen, Schweißausbrüche, Kurzatmigkeit, Zittern, Benommenheit oder Schwindel. Auch eine starke innere Unruhe und Reizbarkeit sind häufig. Die Situation ist für jede betroffene Person unterschiedlich belastend – je nach individueller Ausprägung, Lebensumfeld und Bewältigungsstrategien.

Die Ursachen für eine Mysophobie sind vielschichtig. Genetische Faktoren spielen eine Rolle: Menschen mit familiärer Vorbelastung für Angststörungen haben ein erhöhtes Risiko, selbst eine Phobie zu entwickeln. Traumatische Erfahrungen – wie etwa der Tod einer nahestehenden Person durch eine Infektion – können ebenfalls als Auslöser wirken. Auch das soziale und familiäre Umfeld hat Einfluss: Eine Erziehung, die stark auf Hygiene und Sauberkeit fokussiert war, kann das Risiko für übersteigerte Angst vor Verunreinigung erhöhen. Zusätzlich können gesellschaftliche Faktoren wie mediale Berichterstattung oder Werbekampagnen, die Keime als bedrohlich darstellen, Ängste verstärken. Während der Corona-Pandemie zeigten sich viele extreme Schutzverhalten – wie das Meiden von Oberflächen oder das übermäßige Desinfizieren – doch es gibt bislang keine gesicherten Daten darüber, ob sich dadurch die Anzahl von Mysophobie-Fällen dauerhaft erhöht hat.

Obwohl sich die Symptome der Mysophobie mit denen von Zwangsstörungen überschneiden können – etwa wenn das häufige Waschen oder Desinfizieren ritualhaft erfolgt –, handelt es sich nicht zwangsläufig um eine Zwangsstörung. Bei der Mysophobie stehen die Angst und das Vermeidungsverhalten im Vordergrund, während bei einer Zwangsstörung oft ein innerer Zwang zu bestimmten Handlungen besteht, um innere Anspannung zu reduzieren. Dennoch treten beide Störungen nicht selten gemeinsam auf, sodass Menschen mit Mysophobie auch einen Wasch- oder Putzzwang entwickeln können. Die Grenzen sind in der Praxis oft fließend.

Für die Diagnose ist entscheidend, ob die Angst das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigt und zu einem hohen Leidensdruck führt. Ein einzelnes Symptom – wie das Mitführen von Desinfektionstüchern – reicht noch nicht für eine Diagnose. Eine spezifische Testmethode zur Erkennung der Mysophobie existiert nicht. Die Diagnose erfolgt meist im Rahmen eines ausführlichen psychologischen oder psychiatrischen Gesprächs, bei dem auch körperliche Ursachen ausgeschlossen werden, insbesondere wenn Betroffene über somatische Symptome klagen.

Mysophobie ist behandelbar. Im Mittelpunkt der Therapie stehen psychotherapeutische Verfahren, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei lernen Betroffene, ihre übertriebenen Denkmuster zu hinterfragen und neue, realitätsbezogene Verhaltensweisen zu entwickeln. Ein wichtiger Bestandteil ist die sogenannte Expositionstherapie: Betroffene setzen sich gezielt und schrittweise mit den angstauslösenden Situationen auseinander – zunächst gedanklich, später auch praktisch im Alltag –, um eine Gewöhnung an die angstauslösenden Reize zu ermöglichen. Ziel ist es, die Angstreaktionen langfristig zu vermindern und wieder mehr Kontrolle über das eigene Verhalten zu erlangen. In manchen Fällen kann die Behandlung durch Medikamente wie angstlösende oder antidepressive Mittel ergänzt werden.

Ein vollständig keimfreies Leben ist weder realistisch noch notwendig – dies zu erkennen und zu akzeptieren, ist ein zentrales Ziel der Therapie. Mit professioneller Unterstützung, ausreichend Zeit und Geduld ist es für viele Betroffene möglich, ein normales und erfülltes Leben zu führen, in dem die Angst vor Ansteckung nicht mehr im Mittelpunkt steht.
Nach amerikanischen Untersuchungen (Faulkner et al., 2004) soll es übrigens einen Zusammenhang zwischen der Phobie vor Krankheitserregern und der Ablehnung von Fremden geben, denn es zeigten sich in mehreren Experimenten, dass Menschen Fremde umso mehr ablehnen, je stärker sie der Zwangsvorstellung unterliegen, stets der Infektion mit Keimen ausgesetzt zu sein, wobei dabei die Ablehnung von Afrikanern besonders stark ausgeprägt ist.

Literatur

Faulkner, J., Schaller, M., Park,  J. H. & Duncan, L. A.  (2004). Evolved Disease-Avoidance Mechanisms and Contemporary  Xenophobic Attitudes. Group Processes & Intergroup Relations, 7, 333-353.
http://psychologie-news.stangl.eu/1597/phobien-wovor-man-sich-fuerchten-kann (2006-11-21)


Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl :::

Schreibe einen Kommentar