Verbitterung ist eine komplexe emotionale Reaktion, die häufig aus tiefen Enttäuschungen, Kränkungen oder als ungerecht empfundenen Lebensereignissen resultiert. Im Gegensatz zu vorübergehender Enttäuschung ist Verbitterung ein dauerhafter Zustand, der von intensiven negativen Gefühlen wie Wut, Groll und Hilflosigkeit geprägt ist. Sie manifestiert sich durch anhaltende negative Gedanken, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und kann zu sozialem Rückzug führen. Diese Emotion beeinflusst nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern kann auch zwischenmenschliche Beziehungen und die allgemeine Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Verbitterung kann zu Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen führen. Sie kann auch das Selbstwertgefühl beeinträchtigen und zu sozialer Isolation führen. Studien haben gezeigt, dass Verbitterung mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und anderen gesundheitlichen Problemen verbunden sein kann. Verbitterung kann Beziehungen belasten, da sie zu Misstrauen, Feindseligkeit und Konflikten führen kann.
In der psychologischen Forschung wird Verbitterung als normale menschliche Reaktion auf soziale Stressoren wie Ungerechtigkeit, Herabwürdigung oder Vertrauensbruch betrachtet. Allerdings kann sie bei intensiver Ausprägung und langer Dauer pathologisch werden. Linden prägte den Begriff der „Posttraumatischen Verbitterungsstörung“ (PTED), um eine spezifische Form der Anpassungsstörung zu beschreiben, die nach belastenden Lebensereignissen auftritt und mit Symptomen wie Verzweiflung, Aggression und einem Gefühl der Machtlosigkeit einhergeht (Linden, M. & Schippan, B., 2004). Aus psychologischer Sicht ist eine Verbitterung keine grundlegende Emotion, sondern die Folge eines verletzten Selbstwertgefühls und eines damit verbundenen geringen Selbstvertrauens, sodass in dem Ausmaß, in dem Betroffene lernen, ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen zu stärken, sie Angriffe anderer nicht mehr als persönliche Kränkung erleben und daher deren Hilflosigkeit abnimmt, wobei in der Regel die Verzeihung eine wesentliche Rolle spielt.
Um Verbitterung zu bewältigen, ist es entscheidend, die zugrunde liegenden Ursachen zu erkennen und aktiv anzugehen. Ein erster Schritt besteht darin, die auslösenden Ereignisse und die eigenen Reaktionen darauf zu identifizieren. Das Führen eines Tagebuchs kann dabei helfen, Gedanken und Gefühle zu reflektieren und Muster zu erkennen. Vergebung spielt ebenfalls eine zentrale Rolle im Umgang mit Verbitterung. Sie bedeutet nicht, das erlittene Unrecht zu billigen, sondern ermöglicht es, sich von der belastenden Bindung an das negative Ereignis zu lösen und inneren Frieden zu finden. Studien zeigen, dass Vergebung mit einer verbesserten psychischen Gesundheit und einem höheren Wohlbefinden verbunden ist (Enright, R.D., 2006). Ein wichtiger Aspekt ist die Veränderung negativer Denkmuster, wobei etwa die kognitive Umstrukturierung, eine Technik aus der kognitiven Verhaltenstherapie, darauf abzielt, destruktive Gedanken durch realistischere und konstruktivere zu ersetzen. Dies kann dazu beitragen, die eigene Perspektive zu erweitern und neue Lösungsansätze zu entwickeln. Darüber hinaus können folgende Strategien hilfreich sein:
- Soziale Unterstützung suchen: Der Austausch mit vertrauenswürdigen Personen kann emotionale Entlastung bieten und neue Perspektiven eröffnen.
- Achtsamkeit und Entspannungstechniken praktizieren: Methoden wie Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und das emotionale Gleichgewicht zu fördern.
- Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen: Bei anhaltender Verbitterung kann eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sein, um individuelle Bewältigungsstrategien zu entwickeln und die Lebensqualität zu verbessern.
Es ist wichtig, die erlebte Ungerechtigkeit oder Enttäuschung anzuerkennen und zu akzeptieren, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann, d. h. man sollte versuchen, den Groll und die negativen Gefühle loszulassen, etwa durch Achtsamkeitsübungen, Meditation oder das Schreiben in einem Tagebuch. Hilfreich ist auch ein Perspektivenwechsel, d. h., zu versuchen, die Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, um die eigenen Gefühle zu relativieren und neue Einsichten zu gewinnen. Soziale Unterstützung kann dabei helfen, sich weniger allein zu fühlen und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln, doch wenn die Verbitterung stark ausgeprägt ist oder die Lebensqualität beeinträchtigt wird, kann eine Psychotherapie hilfreich sein.
Eine Verbitterung ist meist die Folge einer großen persönlichen Kränkung, d. h., man fühlt sich von einem anderen Menschen oder auch einer Gruppe von Menschen ungerecht behandelt und missverstanden, ist daher verletzt und fühlt sich aber gleichzeitig hilflos, denn man weiß nicht, was man dagegen unternehmen kann. Ein grundsätzliches Problem einer Kränkung ist, dass viele Betroffene nicht in der Lage sind, diese Gefühle anzunehmen oder zu akzeptieren, sondern sie neigen dazu, negative Emotionen zu verdrängen. Ein Mensch, der verbittert ist, empfindet seine Umwelt oft als hinterhältig, brutal und rücksichtslos und reagiert mit Rückzug und machmal sogar Rachegeöüsten. Das Gefühl von Verbitterung ist daher eine zusammengesetzte Emotion, die als eine Mischung aus Ärger, Angst und Hoffnungslosigkeit beschrieben werden kann. Verbitterung entsteht vor allem dann, wenn Menschen sich von anderen oder auch vom Schicksal generell benachteiligt fühlen.
Eine Folge der Verbitterung und der damit einhergehenden Enttäuschung und Hilflosigkeit ist daher manchmal das Gefühl ohnmächtiger Wut, der Wunsch nach Rache, Feindseligkeit und aggressive Verhaltensweisen tauchen auf, bei eher nach innen gewandten Menschen entstehen Depressionen und Niedergeschlagenheit. Somatische Folgen eines solchen Traumas sind Schlafstörungen, Magen- und Darmstörungen, Essstörungen und in der Regel Konzentrationsprobleme, denn die Gedanken von verbitterten Menschen kreisen ständig um das kränkende Ereignis oder die Person. Bei Chronifizierung kann es zu einer posttraumatische Verbitterungsstörung kommen, wobei sich Menschen in ihrer Kränkung selbst weitere Verletzungen hinzufügen und sich in einem Teufelskreis von Erinnerungen immer weiter traumatisiert.
Untersuchungen (Poutvaara & Steinhardt, 2015) zeigen etwa, dass ein positiver Zusammenhang zwischen Verbitterung und einer kritischen Einstellung gegenüber Zuwanderung besteht, d. h., je verbitterter Befragte sind, desto eher machen sie sich in dieser Hinsicht Sorgen. Dieser Zusammenhang besteht dabei sowohl für Frauen als auch für Männer und ist auch unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht, d. h., weder Bildungsgrad noch Arbeitssituation, Angst vor Kriminalität oder die individuelle Lebenszufriedenheit können den Effekt erklären. Man vermutet, dass verbitterte Menschen, die vom Leben enttäuscht sind, auch anderen Menschen wie Migranten kein besseres Leben gönnen. Verbitterung von Menschen kann daher zu einer erhöhten Fremdenfeindlichkeit beitragen.
Literatur
Enright, R.D. (2006). Vergebung als Chance: Neuen Mut fürs Leben finden. München: Kösel.
Linden, M. (2003). Posttraumatic embitterment disorder. Psychotherapy and psychosomatics, 72, 195-202.
Linden, M., Rotter, M., & Baumann, K. (2012). Posttraumatic embitterment disorder. Current psychiatry reports, 14, 634-642.
Linden, M., & Schippan, B. (2004). Die Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED). Abgrenzung einer spezifischen Form der Anpassungsstörungen. Nervenarzt, 75, 51–57.<
Poutvaara, P. & Steinhardt, M. F. (2015). Bitterness in life and attitudes towards immigration. SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research. The German Socio-Economic Panel study.
WWW: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.519191.de/diw_sp0800.pdf (15-12-08)