Zum Inhalt springen

Essenzialismus, Essentialismus

    Essenzialismus oder Essentialismus bezeichnet in der Psychologie die Annahme, dass etwa soziale Kategorien biologisch fundiert und daher weitgehend durch situative Einflüsse unbeeinflussbar sind. So wird auch die Anziehung zu Menschen, die die eigenen Interessen teilen, durch die Überzeugung gestützt, dass diese gemeinsamen Attribute von etwas tief in ihnen, also von einer Art Essenz getrieben werden (psychologischem Essenzialismus), wobei selbstessentialistisches Denken ein grundlegender Mechanismus für den Ähnlichkeits-Anziehungseffekt darstellt. Der psychologische Essenzialismus bezeichnet somit eine allgemeine kognitive Tendenz, die die Welt in Kategorien und Klassen unterteilt, indem sie Annahmen darüber trifft, dass Mitglieder einer bestimmten Gruppe eine innere Essenz oder Wesensmerkmale teilen, die ihre Identität bestimmen. Mit anderen Worten, psychologischer Essenzialismus bezieht sich auf die Vorstellung, dass eine Gruppe von Menschen oder Objekten aufgrund gemeinsamer, tieferliegender Merkmale eine intrinsische Identität besitzt. Diese Position führt etwa dazu, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen als naturgegebene Merkmale betrachtet werden.

    Diese kognitive Tendenz tritt bei der Wahrnehmung und Kategorisierung von Menschen, Tieren, Objekten und Ereignissen auf, denn so kann etwa jemand, der an diesen psychologischen Essenzialismus glaubt, annehmen, dass alle Frauen bestimmte innere Eigenschaften besitzen, die sie von Männern unterscheiden, oder dass alle Mitglieder einer bestimmten Rasse oder ethnischen Gruppe ähnliche innere Merkmale teilen, die sie von Mitgliedern anderer Gruppen unterscheiden. Psychologischer Essenzialismus kann daher sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben, denn auf der einen Seite kann er Menschen helfen, komplexe Informationen schnell und effektiv zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen, auf der anderen Seite kann er Vorurteile und Diskriminierung fördern, indem er Menschen dazu verleitet, in starren Kategorien zu denken und Unterschiede zwischen Gruppen zu betonen, anstatt ihre individuellen Unterschiede zu würdigen.

    In einer Studie von Chu & Lowery (2023) wurden die Probanden mit politischen Positionen oder Gemälden konfrontiert, wonach sie angeben sollten, wie sehr sie sich zu Menschen hingezogen fühlten, die entweder ähnliche oder komplett gegensätzliche Meinungen abgegeben hatten. Oft gaben die Teilnehmenden an, sich besonders stark zu Menschen hingezogen zu fühlen, die eine ähnliche politische Ausrichtung oder einen ähnlichen Kunstgeschmack hatten. Dabei fand man heraus, dass individuelle Unterschiede in den essenziellen Überzeugungen den Effekt der Ähnlichkeit auf die wahrgenommene gemeinsame Realität und die Anziehungskraft sowohl bei bedeutungsvollen als auch bei minimalen Dimensionen der Ähnlichkeit verstärkten. Es zeigte sich also, dass die Probanden meistens vermuteten, dass die recht oberflächlichen ähnlichen Interessen bereits tiefe Hinweise auf das Wesen des anderen geben. Dem liegt das Vorurteil zu Grunde, dass Menschen und auch andere Lebewesen im Innersten unveränderliche Eigenschaften haben, die sie ausmachen und sich in jeder ihrer Interessen äußern. Weil es dieses tiefe unveränderliche Wesen aber so nicht immer derart deutlich gibt und die Interessen einer Person durchaus auch ganz zufällig ausfallen können, sieht man sein Gegenüber oftmals dann nicht mehr so, wie es eigentlich ist, sondern interpretiert aus ein paar gleichen Interessen eine Seelenverwandtschaft zusammen, der mitunter aber nichts ist als eine trugreiche Illusion. Dass daher geteilte Interessen eine tiefe und grundlegende Ähnlichkeit widerspiegeln, ist nach dieser Untersuchung ein Irrglaube, dem Menschen gerne anheimfallen, weil sie vermuten, dass geteilte Interessen mehr sind als einfach nur geteilte Interessen.

    In der Philosophie bezeichnet der Essenzialismus, dass Entitäten notwendige Eigenschaften besitzen, dass es also notwendige und kontingente Eigenschaften von Dingen gibt, die unabhängig davon sind, wie man die Dinge konzipiert oder beschreibt. Der Ansatz kann bis auf Platon und Aristoteles zurückgeführt werden kann, findet sich aber auch in der Scholastik eines Thomas von Aquin. Nach Poppers eigener Definitionslehre sind Definitionen prinzipiell willkürlich, da sie auf Vereinbarung gründen, d. h., eine Definition kann auch in dem Sinn richtig oder falsch sein, indem sie das Wesen bzw. die Essenz eines Begriffes zum Ausdruck bringen will.

    Literatur

    Chu, C., & Lowery, B. S. (2023). Self-essentialist reasoning understeer the similarity-attraction effect. Zeitschrift für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie, doi:10.1037/pspi0000425.


    Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl :::