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positives Denken


Das populärwissenschaftliche Konzept des positiven Denkens hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert, denn damals war positives Denken eine Form des Widerstandes gegen den Calvinismus, den Siedler mitgebracht hatten. Ihr Gott liebte seine Geschöpfe nämlich nicht bedingungslos und in seinem Himmel gab es nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen, d.h., man musste ständig den Sünden in sich nachforschen, wodurch es zwangsläufig zu einer Art sozial auferlegter Depression kam, die die Menschen negativ und somit krank machte. In dieser Situation sagten die positiven Denker, dass es ist nicht so schlimm sei und Gott sie nicht hasse, was den Betroffenen natürlich gut tat.

Das positive Denken ist heute ein vor allem im Bereich der populärwissenschaftlichen Psychologie oft von selbsternannten “Experten” oder “Motivationstrainern” verbreitetes Konzept, das als Ideologie in Psychokursen und Persönlichkeitsseminaren oder in der entsprechenden Ratgeberliteratur propagiert wird. Synonyme sind dafür oft auch “neues Denken”, “richtiges Denken”, “Kraftdenken” oder “mentaler Positivismus”.

Experten sind allerdings auf Grund von zahlreichen Studien der Ansicht, dass vielen Menschen die «Ich-erreiche-alles-wenn-ich-es-mir-nur-lange-genug-wünsche»-Einstellung meist mehr schadet als nützt, denn eine solche Selbstmotivation durch positive Phantasien raubt vor allem Energie. So konnte in Studien mit übergewichtigen Frauen, die abnehmen wollen oder mit Studenten, die vor einer wichtigen Prüfung stehen, gezeigt werden, dass positive Phantasien Menschen eher daran hindern, ihre Ziele zu erreichen, denn sie hemmen deren Motivation und deren konkretes Handeln. Das liegt daran, dass solche Phantasien den Menschen unterbewusst vorgaukeln, ihre Wünsche seien bereits erfüllt, sodass man vor lauter Schwelgen in den Träumen darauf vergisst, etwas für das Erreichen des Ziels zu tun. Übergewichtigen Frauen mit positiven Erfolgsphantasien – also sich vorzustellen, wie schlank und attraktiv sie sein werden – haben deutlich weniger abgenommen als eine Kontrollgruppe, denn sie hatten weniger Energie, sich zielführend zu verhalten. Je positiver sich die Studenten ihre Noten ausmalten, desto schlechter waren die tatsächlichen Ergebnisse und desto weniger hatten sie sich tatsächlich angestrengt, um gute Noten zu erreichen.

Experimente (Oettingen et al., 2016) zeigen übrigens auch, dass wer sich schönen Tagträumen hingibt, zwar augenblicklich weniger niedergeschlagen ist, langfristig aber zu mehr depressiven Symptomen neigt. Positives Denken kann daher auch einen Leistungseinbruch bedingen, denn Menschen, die angesichts schwieriger Situationen in angenehmen Phantasien schwelgen, strengen sich in der Folge oft weniger an, was sie aufgrund der Misserfolge ebenfalls depressiver macht. Ein hoffnungsbedingter Leistungseinbruch löst demnach später diese Niedergeschlagenheit aus.

Eine Übung zum selber testen

Proyer et al. (2016) gingen in einer Studie der Frage nach, wie es sich auf die generelle Zufriedenheit auswirkt, wenn Menschen dazu angeregt werden, das Schöne in ihrer Umgebung bewusster wahrzunehmen. Die ProbandInnen beantworteten zunächst Fragen zu ihrer allgemeinen Lebenszufriedenheit, wobei die Hälfte von ihnen die Aufgabe erhielt, eine Woche lang jeden Abend jeweils neun Situationen, Beobachtungen oder Dinge aus ihrem Tag aufzuschreiben, die sie schön fanden, also etwa das Sonnenlicht im Küchenfenster, die Blumen vor dem Geschäft nebenan, die Mutter, die in der Bahn mit ihrer Tochter spielt.
Nach dieser Woche und auch noch nach einem, drei und sechs Monaten wurden alle ProbandInnen wieder zu ihrer Zufriedenheit befragt, wobei im Durchschnitt die Zufriedenheit der TeilnehmerInnen der Versuchsgruppe, die schöne Dinge aus ihrem Alltag aufgelistet hatten, nach der Übung leicht anstieg und depressive Gefühle weniger häufig auftraten. Diese Effekte waren zum Teil auch nach einem Monat noch nachweisbar, wobei sich aber zeigte, dass die eingesetzte Methode nicht bei allen TeilnehmerInnen gleich gut funktionierte, denn der positive Effekt war abhängig von der Persönlichkeit. Insgesamt steht nach Ansicht der Forscher der zeitliche Aufwand und der subjektive Nutzen in einem guten Verhältnis, sodass diese kleine und kurze Übung eine Möglichkeit darstellt, das subjektive Wohlbefinden von Mensch zumindest kurzfristig zu verbessern.

Positives Denken und Gesundheit

Der Kopf beeinflusst die Gesundheit auf vielfältige Weise, d. h., Gedanken, Gefühle und das Verhalten können Körperprozesse wie das Hormonsystem, das Herz-Kreislaufsystem und das Immunsystem beeinflussen. Nun kann man durch bildgebende Verfahren wie die Computertomographie die Abläufe im Gehirn besser darstellen, auch lassen sich Hormone, die eine Verbindung zwischen dem Gehirn und den Körperprozessen darstellen, im Blut messen, woraus sich eine detailliertere Sichtweise ergibt, wie das körpereigene Abwehrsystem arbeitet. Dennoch gibt es noch zu wenig wissenschaftliche Evidenz, ob positives Denken Krankheitsverläufe direkt beeinflussen kann, vor allem ist der vermeintlich harmlose Ratschlag, positiv zu denken, mit zahlreichen Risiken behaftet, denn damit schürt man bei Menschen, die an einer schweren Erkrankung leiden, falsche Hoffnungen, die man nicht erfüllen kann. Außerdem setzt man diese Menschen dadurch unter Druck, und sie haben dann das Gefühl, nicht alles richtig zu machen, wenn sie sich schlecht fühlen bzw. selber an ihrer Krankheit schuld zu sein. Solche Menschen verbieten sich sogar oft, schwierige Gedanken und Gefühle anzusprechen, was zusätzlichen psychischen Stress verursachen kann. Das Vermeiden von Stress im weitesten Sinne hat durchaus einen positiven Einfluss auf die Physiologie, also auf die Hormonausschüttung und damit auf die Funktionsweise des Immunsystems, etwa in Form des Placebo-Effekts. Versichert ein Arzt dem Patienten, dass ein bestimmtes Medikament ihm sehr gut helfen und die Symptome lindern werde, hat der Patient entsprechend positive Erwartungen, das verändert dann die Neurochemie im Gehirn, und das wiederum hat einen Einfluss auf die Wirkung etwa von Schmerzmedikamenten, die so besser wirken können. Beim Nocebo-Effekt wird bei einem Patienten durch eine Behandlung oder ein Medikament die Befürchtung aufgebaut, noch kränker zu werden, was dann oft passiert, wenn die PatientInnen den Beipackzettel lesen. Daraus folgt, dass Erwartungen manchmal gut und manchmal schlecht sein können, je nachdem, welche Erfahrungen jemand gemacht hat und wie etwa das Gespräch mit dem Arzt läuft.

Wissenschaftler des Institutes für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich wiesen übrigens nach, dass das Sterberisiko mit einer negativen Einschätzung der eigenen Gesundheit korreliert, d. h., Männer, die „sehr schlecht“ antworteten, hatten ein über 3,3-fach höheres Sterberisiko gegenüber gleichaltrigen Männern mit „sehr guter“ Bewertung. Bei Frauen liegt dieser Faktor bei 1,9. Das Risiko nahm demnach von optimistischen zu pessimistischen Einschätzungen kontinuierlich zu, und schon Menschen mit „guter“ geschätzter Gesundheit hatten weniger Überlebenschancen als die mit „sehr guter“, wobei Rahmenbedingungen wie Krankheiten, Rauchen oder Medikamente keinen Einfluss auf die Bewertung hatten. Vermutlich haben Menschen, die ihre Gesundheit als sehr gut einschätzen, auch Eigenschaften wie Optimismus oder Zufriedenheit, die eine Gesundheitsressource darstellen und zu anderem Verhalten führen. Positive Einstellungen und Emotionen führen letztlich dazu, dass sich Menschen besser anpassen und Probleme bewältigen können, indem sie sich von ungelösten Problemen distanzieren und Risiken objektiver einschätzen. Positive Emotionen wie Hoffnung führen vielleicht auch dazu, dass Symptome als weniger belastend wahrgenommen werden und Behandlungen auch besser wirken (Bürgel, 2016).

Literatur

Oettingen, G., Mayer, D. & Portnow, S. (2016). Pleasure Now, Pain Later: Positive Fantasies About the Future Predict Symptoms of Depression. Psychological Science, 27, 345-353.
Proyer, R.T., Gander, F., Wellenzohn, S. & Ruch, W. (2016). Nine beautiful things: A self-administered online positive psychology intervention on the beauty in nature, arts, and behaviors increases happiness and ameliorates depressive symptoms. Personality and Individual Differences, 94, 189–193.
Sevincer, A. T., Wagner, G., Kalvelage, J. & Oettingen, G. (2014). Positive Thinking About the Future in Newspaper Reports and Presidential Addresses Predicts Economic Downturn. Psychological Science, doi: 10.1177/0956797613518350.
Stangl, W. (1998). Positives Denken – eine Kritik. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MOTIVATION/Positives-Denken.shtml (98-01-09)
Bürgel, I. (2016). Das 3:1-Prinzip – das ist die Formel für ein glückliches Leben.
WWW: http://www.focus.de/gesundheit/videos/psychologie-mit-ilona-buergel-das-3-1-prinzip-das-ist-die-formel-fuer-ein-glueckliches-leben_id_6090976.html (16-10-17)
Interview mit dem Neurowissenschaftler Manfred Schedlowski (Uniklinik Essen) im Kölner Stadt-Anzeiger vom 6. November 2019.

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