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Es ist nicht gut, die Welt nur durchs Fenster zu betrachten.
Stefan Aust

Die Naturtherapie ist eine spezielle psychologische Therapieform, in der das Erlebnisfeld Natur für therapeutische Zwecke genutzt wird. Die Naturtherapie wendet sich der Natur als Heilraum zu und verknüpft traditionelles, rituelles Heilwissen mit zeitgenössischen Formen von Psychotherapie und Beratung. Naturtherapien nutzen das körperliche, psychische und spirituelle Potential von Menschen, wecken dadurch Selbstorganisations- Heilungskräfte in enger wahrnehmender Verbindung mit der Natur. In der Naturtherapie nutzt man also die Natur für therapeutische Zwecke, ähnlich wie das in der Maltherapie, Tanztherapie, Musiktherapie etc. mit anderen spezifischen Erlebensräumen geschieht. Naturtherapeutische Methoden und Instrumente können sowohl im heilkundlichen Kontext (Persönlichkeitsstörungen, Traumata) wie auch für Zwecke von Entwicklung und persönlichem Wachstum eingesetzt werden. Typische naturtherapeutische Instrumente sind etwa die freie Naturerfahrung, Übungen in und mit der Natur, Übergangsriten und übergangsrituell gestaltete Erfahrungsräume, die Arbeit mit dem Kreis des Selbst, Natur als Übung in Form von Wandern oder Gartenarbeit.

Es gibt verschiedene Formen der Naturtherapie, eine ist etwa die tiefenpsychologisch ausgerichtet, die den theoretischen Rahmen aus der Existentialpsychologie schöpft. Der existentialpsychologische Therapieansatz der Naturtherapie entspricht der Erfahrung, dass Menschen in der Natur sich vor allem in ihrer Existenz, in ihrem Dasein angesprochen fühlen und weniger in ihrer Einbindung in soziale Systeme und ihrem Verhalten darin. Menschen sind seit jeher in die Natur gegangen, nicht um ihr soziales Funktionieren zu verbessern, sondern um wieder in Kontakt zu kommen mit ihrer Seele, um tiefere Einsichten zu gewinnen in die Bewegungen ihres Lebens und um sich wieder als irdische Kreatur zu spüren, eingebunden in den grossen und umfassenden Kontext des Seins. Eine solch ursprünglichere Art des Daseins enthält immer auch eine veränderte Perspektive auf die Welt und auch auf Problematisches.

Studien haben gezeigt, dass Naturaufenthalte das parasympathische Nervensystem, das für Erholung zuständig ist, aktivieren und so Stress absenken. Entscheidend ist für viele Fachleute die so­genannte Biophilie-Hypothese, denn Menschen sind genetisch auf die Natur und nicht auf Beton aus­gerichtet, und sobald der Mensch gegen sein biologisches Programm lebt, schadet das seiner Gesundheit.

Im Rahmen der neueren Entwicklungen in der modernen Psychotherapie  gewinnen die Formen der Naturtherapie eine immer größere Bedeutung: Tiergestützte Therapie, Garten- und Landschaftstherapie etc. Seit Ende der 1960er Jahre schon in der Integrativen Therapie praktiziert, wurden diese Formen theoretisch und praxeologisch mit substantiellem Bezug auf Evolutionspsychologie, Neurobiologie, ökologischer Theorie und Ethik ausgearbeitet. Hilarion Petzold empfiehlt Naturtherapien vor allem gegen Stress und Depressionen, denn der Mensch hat durch die Evolution ­einen angeborenen Naturbezug, doch wird er der Natur durch die moderne Zivilisation und Arbeitswelt immer stärker entfremdet. Außerdem raubt die dramatische Veränderung der Umwelt jenen Raum, um die in Menschen vorhandenen motorischen und sensorischen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Die Naturtherapie befasst sich vor allem mit Menschen, deren Naturentfremdung schon krank macht. Mit dem Kontakt zur Erde und den Pflanzen in der Gartentherapie kommt man zu multisensorischen Erfahrungen in einer Gemeinschaft, während eine tiergestützte Therapie traumatisierten Menschen, die das Vertrauen in Menschen verloren haben, helfen kann, wieder Kontakt aufzunehmen, wobei die Empathie eines Tieres, etwa eines Hundes oder Pferdes, dabei hilft.

In Japan gibt es eine Bewegung, die sich Waldbaden nennt. Untersuchungen belegen, dass regelmässige Spaziergänge in Nadelwäldern das Immunsystem positiv beeinflussen, im Gegensatz zum Spazieren in der Stadt. Anfang der 1980er-Jahre prägte Japans oberster Forstchef den Begriff des Shinrin Yoku, des Waldbadens, wobei der japanische Begriff Yoku nicht nur baden, sondern auch heilen bedeutet. Doch nicht nur der Wald ist heilsam. Umweltpsychologen haben vier Kriterien ausgemacht, damit Natur den Menschen guttut: Die Umgebung muss weitläufig sein, zu den Bedürfnissen des Menschen passen, ihm einen ­Abstand zum Alltag bieten, und vor allem muss sie faszinieren. Shinrin-Yoku ist nach neueren Forschungen auch als Virtual-Reality-Waldspaziergang sinnvoll und verbessert ebenfalls die Stimmung, löst dabei die gleichen positiven Effekte auf die Gesundheit und das Wohlbefinden wie echtes Waldbaden aus. Es ist durch zahlreiche Studien belegt, dass Shinrin-Yoku positive Effekte auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen hat, dass etwa zwanzig Minuten in der Natur den Stresslevel der Menschen deutlich reduziert. Nach einer Untersuchung der Universität Hamburg, des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf können die positiven Effekte des Waldbadens auch per Virtual-Reality-Brille ausgelöst werden können, sodass auch Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern oder in Quarantäne sich mittel einer Videobrille in dieser gesundheitsförderlichen Umwelt bewegen und ihre Situation damit erträglicher machen können. In der Studie zeigte man Probanden mithilfe einer Virtual-Reality-Brille unterschiedliche Umgebungen als Fotos und als 360°-Videos, wobei die Szenarien einen Laubwald, eine Straße zwischen Häuserfronten und eine Kontrollumgebung mit einem weißen Rechteck auf schwarzem Hintergrund enthielten. Die Probanden mussten anschließend einen Fragebogen zu ihrer Stimmung, dem physiologischen Wohlbefinden und ihrem Stresslevel beantworten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Waldumgebung einen positiven Effekt auf die Stimmung hatte und die städtische Umgebung unabhängig von der Art der Präsentation die Stimmung störte. Die Ergebnisse zeigten aber auch, dass auch allein Fotos eines Waldes die Stimmung positiv beeinflussen können, dass aber 360°-Grad-Videos den Effekt deutlich erhöhen. Die ForscherInnen knüpfen daran die Hoffnung, dass auch bei einem eingeschränkten Zugang zur Natur Menschen dank solcher Methoden die negativen Effekte von Isolation, Quarantäne oder Urbanisierung reduzieren können.

Schon Sebastian Kneipp hat einen Spaziergang im Wald empfohlen, der schon nach schon wenigen Minuten etwas bewirkt: der Körper entspannt sich, der Blutdruck sinkt und die Laune steigt während und nach dem Spaziergang.

Werden Naturtherapien im Rahmen von psychotherapeutischen und psychiatrischen Therapien eingesetzt, hat man die Möglichkeit, die Behandlungszeiten zu verkürzen, die Medikamente zu reduzieren und einen Transfer der Therapiewirkung in den Alltag zu erreichen. Wenn jemand in einer Gartentherapie gelernt hat, dass das Gärtnern ihm guttut, heilsam für seine Seele ist, dann hat er die Möglichkeit, das auch Zuhause zu machen oder sich einer Gartengruppe anzuschliessen.

Nach einer Pressemeldung des österreichischen Bundesforschungszentrums für Wald muss man noch nicht einmal im Wald sein, um eine Wirkung zu erkennen, denn schon die Vorfreude, in den Wald zu gehen, wirkt motivierend oder entschleunigend, und hat wie kurze Waldbesuche schon einen Effekt. Das Hängen von Bildern vom Wald etwa in Krankenhäusern kann sich positiv auf die Gesundung der PatientInnen auswirken, was ebenso hilfreich sein kann wie der Ausblick vom Krankenzimmer auf einen Wald oder einen Park. Entschleunigung, Ruhe, gute Luft und positive Erinnerungen an die eigene Kindheit machen einen Waldbesuch für manche Menschen zu einem effektiven Kurzurlaub vom hektischen Alltag. Aber nicht jeder Wald ist für diese Wirkungen gleich gut geeignet, denn lichtere Wälder mit Freiflächen und Bächen wirken besser als ein dunklenr Wald, in dem möglicherweise Urängste des Menschen hochkommen können.

Bäume in der Stadt fördern die psychische Gesundheit

Nach einer Studie von Marselle et al. (2020) bereichern Bäume nicht nur die Stadt, sondern können auch die seelische Gesundheit stärken. Man setzte dabei die Daten von zehntausend erwachsenen Einwohnern der Stadt Leipzig, die an der LIFE-Gesundheitsstudie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig teilgenommen hatten, mit räumlich genauen Daten zu Straßenbäumen der Stadt Leipzig in Beziehung. So konnte man den Zusammenhang zwischen Antidepressiva-Verordnungen und der Anzahl der Straßenbäume in unterschiedlichen Entfernungen von den Wohnorten der Menschen ermitteln, wobei andere für Depressionen bekannte Faktoren wie etwa Beschäftigungsstatus, Geschlecht, Alter und Körpergewicht aus den Ergebnissen herausgerechnet wurden. Man konnte zeigen, dass mehr Bäume in unmittelbarer Umgebung des Hauses, und zwar unter 100 Meter Entfernung, häufig mit einer geringeren Zahl von Antidepressiva-Verschreibungen einhergingen. Dieser Zusammenhang war besonders deutlich für sozial schwache Gruppen, die am gefährdetsten gelten, an Depressionen zu erkranken. Straßenbäume in Städten könnten also als einfache naturnahe Lösung für eine gute psychische Gesundheit dienen, wobei die verschiedenen Baumarten dabei keine signifikante Rolle zu spielen scheinen.


In den Wäldern kehren wir zur Vernunft und zum Glauben zurück.
Ralph Waldo Emerson

TIPP: Zusätzlich zum Waldbaden empfehlen sich Übungen aus dem Bereich der Calisthenics, dies ist der international gebräuchliche Begriff für Eigengewichtsübungen. Im Gegensatz zum klassischen Krafttraining mit isolierten Übungen liegt der Schwerpunkt bei Calisthenics auf der intermuskulären Koordination, wobei bei Übungen etwa verschiedene Muskelgruppen kooperieren, um das Gleichgewicht zu halten, um so die Stabilität des Körpers zu verbessern. So gibt es etwa Calisthenics-Parks, die in in der Regel aus Stangen verschiedener Höhe und Position bestehen, die dem Barren und dem Reck nachempfunden sind. Eine Übung, die man gut im Wald in einem Calisthenics-Park ausüben kann, ist etwa das Stützspringen, um die Arme und den Rücken zu stärken. Man beginnet an einer Stange auf Brusthöhe, geht leicht in die Knie und greift die Stange in Schulterbreite. Nun springt man aus dem Stand in den Stütz mit gestreckten Armen, wobei der gesamte Körper gestreckt und unter Spannung ist. Beim Zurückspringen in den Stand achtet man dann auf eine federnde und leichte Landung. Eine weitere Übung ist das Balancieren, um die Koordination und die Geschicklichkeit zu verbessern. Dazu kann man auch über einen am Boden liegenden Baumstamm balancieren, benötigt also keine Hilfsmittel.

Waldgänger Adalbert Stifter

Literatur

Marselle, Melissa R., Bowler, Diana E., Watzema, Jan, Eichenberg, David, Kirsten, Toralf & Bonn, Aletta (2020). Urban street tree biodiversity and antidepressant prescriptions. Scientific Reports, 10, doi:10.1038/s41598-020-79924-5.
Stangl, W. (2021, 18. März). Straßenbäume auch wichtig für die psychische Gesundheit. Stangl notiert …
https://notiert.stangl-taller.at/zeitgeistig/strassenbaeume-auch-wichtig-fuer-die-psychische-gesundheit/.



Ein Gedanke zu „Naturtherapie“

  1. Wanderer

    Wandern gehört zu den sanften Ausdauersportarten und kann daher auch noch im fortgeschrittenen Alter ausgeübt werden, wobei Menschen mit Herz- oder Kreislaufproblemen, wie stark Übergewichtige oder Asthmatiker, ein langsames Wandertempo wählen sollten. Außerdem sollten Sie Medikamente mitnehmen und immer vorher Ihren Arzt befragen. Bei schweren Gelenkproblemen oder akuten Entzündungen, bei Erkältung oder starken Schmerzen im Rücken oder in den Knien sollten Sie zum Beispiel auf das Wandern verzichten. Aber auch bei beginnender Kniearthrose ist das Wandern empfehlenswert, sofern die zurückgelegten Strecken moderat und nicht zu lang sind. In diesen Fällen sollten flache Touren mit nur wenigen Höhenmetern und wenigen Abstiegen gewählt werden.
    Bei einer Wanderung werden etwa siebzig Prozent aller Muskeln im Körper in Bewegung gesetzt, aber nicht nur Muskeln, Knochen und Gelenke profitieren, sondern auch das Gehirn wird positiv aktiviert: Schon eine kurze Wanderung fördert die Durchblutung bestimmter Gehirnregionen um bis zu einem Drittel, was zu einer deutlichen Steigerung von Konzentration und Gedächtnis führt. Außerdem führt die verbesserte Durchblutung zu einer höheren Ausschüttung von Endorphinen, was sich positiv auf Stimmung und Glücksgefühl auswirkt. Schon nach kurzer Zeit sinken Körpergewicht, Blutdruck und Körperfett bei regelmäßigen Wanderungen oft erheblich, durch das Andern in der Natur kann die körperliche Leistungsfähigkeit gesteigert werden, und das noch im hohen Alter.
    Allerdings muss die Ausrüstung von Kopf bis Fuß perfekt sein, und zur geeigneten Wanderausrüstung gehört in erster Linie knöchel- und rutschfestes Schuhwerk. Die Schuhe sollten robust, atmungsaktiv und nicht zu schwer sein, der Absatz muss fest sitzen und eine Sohle mit viel Profil gibt sicheren Halt auf unwegsamen Pfaden. Empfehlenswert ist atmungsaktive Kleidung mit langärmeligen Hemden, langen Hosen sowie Mützen mit breitem Schirm zum Schutz vor der intensiven Höhensonne, Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor nicht vergessen. Packen Sie auch bei schönem Wetter vorsichtshalber leichte Regenkleidung ein.
    Ein anatomisch geformter Rucksack fasst sowohl Proviant als auch zusätzliche Wanderausrüstung einschließlich Regen- und Sonnenschutz. Beim Packen sollte man sich genau überlegen, was man wirklich mitnehmen muss, wobei die Gewichtsverteilung über den Schwerpunkt des Rucksacks entscheidet, denn er sollte möglichst nah am Körper liegen.
    Quelle: https:// de.nachrichten.yahoo.com/tag-wanderns-k%C3%B6rper-gehirn-aktiviert-113535440.html (22-05-14)

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